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StartseiteEuropa heuteSicherheit geht vor08.04.2008

Sicherheit geht vor

Jüdisches Leben in Wien

185.000 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde Wiens vor 1938. Heute leben in Österreichs Hauptstadt 7000 Gemeindemitglieder, hinzu kommen etwa ebenso viele nicht gemeldete religiöse Juden. Die meisten Juden leben in der Leopoldstadt im Norden Wiens. Alexander Musik berichtet.

Wiener Rathaus mit dem Rathausplatz. (AP Archiv)
Wiener Rathaus mit dem Rathausplatz. (AP Archiv)

Etwa 30 Gläubige, Junge und Alte, haben sich wie jeden Freitag in der kleinen "Or Chadasch"-Synagoge in der Robertgasse versammelt. Gebäude und Gebetsraum sind schmucklos, ungezwungen der Gottesdienst, gefolgt von besinnlichem Beisammensein. Gesungen wird auf Hebräisch und Deutsch. "Or Chadasch" heißt Neues Licht, der Name des sogenannten Progressiven Judentums. Bei dieser Strömung sind Männer und Frauen gleichberechtigt, der Übertritt zum Judentum ist leichter, man strebt den Dialog mit anderen Konfessionen an. Bloß mit der kleinen Gruppe der Ultraorthodoxen im Viertel funktioniere das nicht. Für die sind wir nicht die Richtigen, sagt Präsident Theodor Much, den der Wachmann natürlich ohne Ausweiskontrolle eingelassen hat.

"Wir haben überhaupt keine schlechten Erfahrungen gemacht, aber das ist mehr oder weniger Vorschrift. Alle jüdischen Gemeinden in Mitteleuropa müssen etwas zum Schutz ihrer Mitglieder machen, weil: Anschläge kann man nie mit Sicherheit ausschließen."

Die Leopoldstadt ist ein Viertel mit hoher Zuwanderung. Die Mehrheit der jüdischen Migranten - die Zahl geht in die Tausende - ist aus den ehemaligen Sowjetrepubliken nach Wien gekommen. Viele haben Probleme, sich zu integrieren. Sie finden keinen Job, was häufig auch daran liegt, dass sie nur Russisch und Hebräisch sprechen.

Nelia Rafalov hat sich integriert. Sie ist 35 und lebt seit 25 Jahren in der Leopoldstadt. Ihre Eltern sind sephardische Juden aus Usbekistan. Nelia Rafalov erinnert sich.

"Schlimm war es für uns, weil wir nur diese Filme kannten, Kriegsfilme, wo man Deutsch gesprochen hat und die Deutschen immer die Bösen und so. Und dann, wie wir hergekommen sind, die Sprache zu hören und auch hier zu leben, es war schon komisch."

Nelia hat inzwischen selbst Kinder, die sie auf die jüdische Schule schickt - eine Selbstverständlichkeit für die Frau, die einen Job im psychosozialen Zentrum "Esra" hat - einer Anlaufstelle für Juden aus Russland. Ihre Eltern haben Nelia immer eingeschärft, dass sie Juden sind, und darauf geachtet, dass sie einen jüdischen Partner findet. Dagegen hat sie nie aufbegehrt.

"Ich würde gar nicht von der Leopoldstadt wegziehen in einen anderen Bezirk. Ich kann mir das gar nicht vorstellen, weil die Infrastruktur hier sehr gut ist. Wir sind immer unter uns, die meisten Juden, wir haben die Synagogen gleich, die koscheren Geschäfte und die Community, die Freunde."

Nelias Synagoge ist gleich neben ihrer Arbeitsstelle, Tempelgasse 5, der koschere Supermarkt "Kosherland" in zehn Minuten zu Fuß erreichbar. Meyr Borochow betreibt den Laden. Er jongliert mit zwei Handys, die Mutter sitzt an der Kasse, ein junger Asiate räumt die Regale ein:

"Ausgewandert aus Russland 1988/89, sind wir gekommen und seitdem leben wir in Leopoldstadt. Sehr zufriedenstellend, ruhig."

Das letzte Mal störte im November 2006 ein Anschlag die Ruhe: Im Lauder Chabad Campus, einem jüdischen Bildungszentrum, wo 400 Kinder von der Krippe bis zur Reifeprüfung unterkommen, schlug ein Mann Fensterscheiben und Sanitäranlagen zu Bruch. Doch ob aus antisemitischer Motiven oder bloßem Vandalismus heraus, war unklar. Danach wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft, nicht nur in dieser jüdischen Institution.

Auch wer mit Ronald Gelbard sprechen will, muss erst seinen Ausweis vorzeigen, obwohl das, wofür er verantwortlich ist, bislang nur eine große Baustelle ist. Weit hinterm berühmten Riesenrad im Wiener Prater entsteht "Hakoah", der einst größte jüdische Sportverein weltweit, neu. "Hakoah", 1909 gegründet und 1938 von der SA zerschlagen, bekam 2001 einen Teil des alten Grundstücks zurück. Auf der Großbaustelle wird außer den Sportanlagen auch ein jüdisches Altenheim hochgezogen, eine Schule, ein Museum, das an die große Zeit des Vereins erinnern soll, und ein koscheres Restaurant. Projektleiter Gelbard spricht über die Philosophie des Vereins.

"Einschreiben kann sich jeder. Die 'Hakoah' war immer ein offener Verein - jeder Sportbegeisterte kann hierherkommen."

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