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StartseiteKultur heuteSie kämpfen wieder28.04.2010

Sie kämpfen wieder

Fritz Langs Stummfilmklassiker "Die Nibelungen" wurde rekonstruiert

Als Fritz Langs Version der "Nibelungen" im Jahr 1924 in die Kinos kam, stellte der Film alles bisher Dagewesene in den Schatten. Die Spezialeffekte der Produktion waren ihrer Zeit weit voraus. Nun wurde das Werk neu rekonstruiert in Berlin gezeigt.

Von Rüdiger Suchsland

Das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Frank Strobel probt in Berlin für die Premiere der restaurierten Fassung des Stummfilms "Die Nibelungen" von Fritz Lang. (AP)
Das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Frank Strobel probt in Berlin für die Premiere der restaurierten Fassung des Stummfilms "Die Nibelungen" von Fritz Lang. (AP)
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Kriemhild ohne Kratzer

Weder mit Wagners "Ring", noch mit Hebbels bürgerlichem Trauerspiel haben "Die Nibelungen" direkt etwas zu tun. Der Kinozweiteiler von Fritz Lang und seiner Ehefrau Thea von Harbou ist eine ganz eigenständige, in manchem freie, oft raffende, im Großen Ganzen aber am Text orientierte Bearbeitung des mittelhochdeutschen Nibelungenlieds, des Nationalepos' der Deutschen.

Gedreht während des Höhepunkts der großen Inflation und Wirtschaftskrise von 1923, ins Kino gekommen 1924, war dies seinerzeit der größte Blockbuster des deutschen Kinos. Ein Meisterwerk des Stummfilms, expressionistisch, zugleich hypermodern in seinen ungekannten Special-Effekts: Etwa der 21 Meter lange Lindwurm, mit dem Siegfried kämpft, oder ein Flammenmeer vor Brunhilds Schloss, die Tarnkappe, die Siegfried mehrfach zum Verschwinden bringt, oder am Ende der Showdown im brennenden Palast des Hunnenkönigs Etzel.

Der erste Teil: "Siegfried" ist vor allem Fantasy-Genre, gegen das der "Herr der Ringe" alt aussieht: mit reiner Liebe, einem Held, der wie Supermann überall Erfolg hat, Monster besiegt und nur durch Verrat zur Strecke gebracht werden kann.

Der zweite Teil "Krimhilds Rache" ist dann ein durch und durch erwachsener Film, ein Rachedrama und blutrünstiger Gothic-Horror.

Für Fritz Lang war das alles nach "Doktor Mabuse" der eigentliche Durchbruch. "Die Nibelungen" machten ihn berühmt, und gaben ihm die Voraussetzung, sein Herzensprojekt, den Science-Fiction-film "Metropolis" in Angriff zu nehmen.

Trotz seines umfassenden künstlerischen und wirtschaftlichen Erfolges wurde der Film schon bald umgearbeitet und verstümmelt, aus zwei Teilen wurde einer, aus fünf Stunden wurden vier. Das Original war verschollen.

Erst in den 80er-Jahren begann man, sich für die Urfassung zu interessieren, und erste Restaurationsarbeiten vorzunehmen.

Erst in den letzten Jahren wurde das Original von der Friedrich-Wilhelm Murnau-Stiftung restauriert, so gut es ging aus diversen Filmfassungen, denn das Originalnegativ ist verloren. Unterstützt wurden die Arbeiten vom Fernsehsender arte, aus diversen öffentlichen Fördertöpfen. Gestern wurde der Film an der deutschen Oper in Berlin uraufgeführt.

Dabei boten sich dem Publikum zwei große Überraschungen und Entdeckungen:

Die wichtigste ist die Farbe: Denn nicht Schwarz-Weiß ist der Film, sondern Schwarz-Orange. Erstmals seit den 20er-Jahren ist diese wunderbare Originalfärbung zu sehen, die die Handlung in märchenhafte Atmosphäre taucht.

Die zweite prächtige Entdeckung betrifft die Musik. Denn auch die für den Film eigens komponierte Originalmusik von Gottfried Huppertz wurde jetzt neu rekonstruiert und eingespielt, eng angelehnt an die Bilder versteht sich.

Und so entdeckt man völlig neu jenes alte deutsche Drama, über das der berühmte Siegfried Kracauer später schrieb, hier sei alles auf Nationalepos getrimmt worden und sehe sich an "wie eine Vorwegnahme Goebbelsscher Propaganda."

Tatsächlich erscheinen diese Bilder und Figuren nicht nur wie eine sehr trickreich geplante Arbeit am Mythos, sondern auch wie ein höchst fremdes Märchen aus uralten Zeiten,

Allein schon diese Figuren: Edle, sittsame Deutsche und schmutzig-barbarische Hunnen aus dem Osten, die freilich insgeheim das Publikum am stärksten zu verzaubern vermögen

Siegfried, der gutgläubige, aber auch ein bisschen einfältige tumbe deutsche Held. Krimhild, die Rachequeen. Brunhilde Mannweib mit Sado-Maso-Neigungen und Femme Fatale, die schließlich im Freitod endet, und nicht zuletzt Hagen, der Dark Knight des deutschen Geistes, treu bis in den Tod, ein Mörder aus Staatsraison, der der den Schmutz wegmacht für Gunther, den Zauderer und Entscheidungslosen auf dem Königsthron, ein schwacher Herrscher, dessen Schwäche gewissermaßen an allem schuld ist - ein Inbegriff auch für die Politikverachtung der 20er-Jahre und des Regiegespanns Lang/Harbou.

Das Arsenal der deutschen Geistesgeschichte ist hier kondensiert: deutsche Archetypen im Denken, Fühlen, und einer der wenigen Momente, in denen es bei der gestrigen Uraufführung, dieses völlig humorfreien, bleischweren Mythendramas einmal unfreiwillige Gelächter gab, war, als Dietrich von Bern dem fassungslosen Hunnenkönig, als er nicht versteht, warum alle freiwillig in den Tod gehen, erklärt "Du kennst die deutsche Seele nicht."

Tatsächlich: Wenn man sich einmal im Ganzen diese unzählige Abfolge aus Lüge und Verrat anschaut, in dem keine Seele unbefleckt bleibt, in dem jeder auf seine ganz persönliche Weise wahnsinnig ist, dann ist man versucht, am besten gleich das Land selbst auf die Analytikercouch zu legen.

Fritz Lang hat sich bald darauf mit dem ungleich moderneren "Metropolis", mit zwei weiteren "Mabuse"-Teilen und schließlich "M - eine Stadt sucht einen Mörder" aus dem deutschen Mythenwald befreit.

Seine "Nibelungen" bleiben ein filmisch wunderschöner, inhaltlich abgründiger Meilenstein der deutschen Kinogeschichte. Jetzt kann sich jeder selbst sein Urteil bilden.

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