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StartseiteBüchermarkt"Sie schleppt die Hoffnung"18.03.2009

"Sie schleppt die Hoffnung"

Therese Hörnigk (Hrsg.): "Sich aussetzen. Das Wort ergreifen". Texte und Bilder zum 80. Geburtstag von Christa Wolf. Wallstein Verlag, Göttingen.

Sie ist aus der deutschsprachigen Literatur nicht wegzudenken: Christa Wolf, die heute 80 Jahre alt wird. Zu ihrem Geburtstag hat die Literaturwissenschaftlerin Therese Hörnigk ein Buch mit Arbeiten von Künstlern und Dichterfreunden aus Ost und West, Nord und Süd herausgegeben. Michael Opitz hat mit der Herausgeberin in Berlin gesprochen. Am Anfang seines Beitrages steht ein Zitat von Volker Braun:

Rezensiert von Michael Opitz

Christa Wolf erhält den Deutschen Bücherpreis von Laudator Günter Grass. (AP)
Christa Wolf erhält den Deutschen Bücherpreis von Laudator Günter Grass. (AP)

"Wenn sie, ein wenig gebeugt, in Pankow ihren Einkaufsbeutel schleppt, aber meist macht es Gerhard, fällt sie nicht auf. Sie geht mit ruhigen, schweren Schritten, aber ihr Leben ist beweglich, und ihre Hand schreibt, wie sie geht, und so nah es geht am Leben entlang."

So beschreibt Volker Braun die geschätzte Kollegin und Freundin Christa Wolf in seinem sehr persönlichen Text "Die leibhaftige Christa Wolf", den er der Grande Dame der deutschen Literatur zu ihrem 80. Geburtstag gewidmet hat. Dieser Gruß an seine in Berlin-Pankow lebende Nachbarin findet sich in dem Band, den Therese Hörnigk zum Jubiläum der Büchner-Preisträgerin von 1980 herausgegeben hat. Er enthält 64 Geburtstagsgrüße von Kollegen der schreibenden Zunft, darunter unter anderem Elke Erb, Günter Grass, Durs Grünbein, Peter Härtling, Christoph Hein, Friederike Mayröcker, Adolf Muschg und Ingo Schulze. Zu den Gratulanten gehören auch elf Künstlerfreunde wie Manfred Butzmann, Helge Leiberg, Angela Hampel und Nuria Quevedo, die den Band mit Zeichnungen bereichern. Auch Politiker hat Therese Hörnigk um einen Beitrag gebeten. Neben Glückwünschen von Klaus Wowereit und Gregor Gysi findet sich auch ein Gruß von Egon Bahr, der, drei Jahre älter als Christa Wolf, am gleichen Tag wie sie Geburtstag hat.

"Aus so einem kleinen Widmungstext, den Egon Bahr beigesteuert hat, geht natürlich nicht hervor, was er an ihr literarisch schätzt, sondern er beschreibt ein Treffen in der damaligen Vertretung in Ostberlin, wo er auf Anhieb mit ihr eine Sympathiewelle gefunden hat, und das hat sich erhalten und das hat sich als langjährige Freundschaft inzwischen erhalten."

"Sich aussetzen. Das Wort ergreifen" heißt der im Wallstein Verlag erschienene Band, der durch den Titel die Aufmerksamkeit auf eine Haltung richtet, die Christa Wolf auszeichnet. In der DDR, einem Land mit fehlender Öffentlichkeit, hat sie die Stimme erhoben und widersprochen, wenn sie mit politischen Entscheidungen nicht einverstanden war. Als einzige widersprach sie auf dem berühmten "Kahlschlag"-Plenum von 1965 der Parteilinie des Zentralkomitees der SED und sprach sich für Werner Bräunig aus, der wegen seines Romans "Rummelplatz" in die Kritik geraten war. Ihre Hoffnungen, "dass die Strukturen dieses Landes dazu geeignet seien, eine vernünftige Gesellschaft zu entwickeln", gerieten in eine Krise.

"'Sich aussetzen' verstehe ich so, dass sie jemand ist, die immer im Diskurs geblieben ist, auch mit ihren Lesern und an den Gesprächen mit ihren Lesern sehr interessiert ist. Auch ihre Literatur ist so organisiert, dass sie sich aussetzt und im Gespräch bleiben will. Das ist, glaube ich, erkennbar an der Art und Weise ihres Schreibens und an der Art und Weise, wie sie die Leser einbezieht, sie zur Identifikation animiert oder sie zur harten Ablehnung bringt, also das alles umfasst diesen Begriff 'sich aussetzen'."

Der Roman "Nachdenken über Christa T.", den Christa Wolf 1966, nach dem 11. Plenum, zu schreiben begann, ist der Versuch, sich kritisch an der Errichtung einer 'vernünftigen Gesellschaft' zu beteiligen. Die Geschichte von Christa T., die an 'Leukämie stirbt, aber an der DDR leidet' – wie es Marcel Reich-Ranicki in der "Zeit" formulierte – konnte 1968 erst nach heftigen Debatten im Partei- und Kulturapparat erscheinen. Obwohl Christa Wolf immer häufiger in Konflikt mit der Staatsmacht geriet, ließ sie sich nicht disziplinieren, sondern sie setzte sich für eine Literaturgesellschaft ohne Zensur ein. Dieses engagierte Auftreten, das sie im eigenen Land verdächtig machte, begründete zunehmend ihren Ruhm im Westen. In den 70er-Jahren wurde Christa Wolf durch ihre Texte zu einer Symbolfigur für die Frauen- und Friedensbewegung – doch bei Lesungen in der DDR wurde sie nicht nur zu ihren Texten befragt.

"Sie hat sich immer gewährt, eine Briefkastentante zu sein."

Ratsuchend wandten sich ihre Leser und die schreibenden Kollegen an Christa Wolf. Die Briefwechsel, die sie mit Maxie Wander, Brigitte Reimann und Franz Fühmann führte, zeigen, wie intensiv der Austausch über Persönliches war und wie häufig man verzagte angesichts der Entwicklung, die das Land nahm, auf das man Hoffnungen gesetzt hatte. Christa Wolf wurde zu einer Vertrauten, weil sie sich als Schreibende ungeschützt in ihren Texten zu erkennen gab. Ihre subjektiv authentischen Romane und Erzählungen, in denen sie sich keinem abstrakten Wahrheitsbegriff verpflichtet fühlt, sondern die Wahrheitssuche für wichtig erachtet, bringen ihr internationale Anerkennung ein – ihr Werk wurde in 30 Sprachen übersetzt. Doch die Nähe zu der Autorin unterliegt auch Wandlungen:

"Uwe Kolbe hat beschrieben, dass er ein glühender Verehrer der Texte von Christa Wolf bis zu "Kassandra" war, und da ist er ausgestiegen. Also "Kassandra" war ihm dann doch zu schlicht feministisch, und überhaupt fühlte er sich nicht mehr angesprochen und hat beschlossen, das war's nun. Und er ist dann bei "Was bleibt?" wieder eingestiegen – den ansonsten ja sehr kritisierten Text – und fühlte auf einmal wieder eine Seelenverwandtschaft und hat dann noch einmal "Kindheitsmuster" gelesen, das für ihn ein bleibendes, gültiges Werk ist."

In "Kindheitsmuster" geht Christa Wolf in die Vergangenheit zurück, beschreibt aber gleichzeitig auch den gegenwärtigen Ort ihres Schreibens. Dieses Verfahren wendet sie auch in "Kein Ort. Nirgends" an, einer Erzählung, in der das Zusammentreffen von Karoline von Günderrode mit Heinrich von Kleist zentral ist. Entstanden nach der Biermann-Ausbürgerung von 1976, gilt Christa Wolfs Aufmerksamkeit zwei Schriftstellern, die an ihrer Zeit verzweifeln und den Freitod wählen. Mit der Ausweglosigkeit ist ein Verlust an Utopie verbunden. Diesen Zustand beschreibt Christa Wolf, die zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausweisung Wolf Biermanns gehörte, als gegenwärtige Erfahrung bleierner Verhältnisse.

"Christoph Dieckmann beschreibt, wie er als junger Mensch in der DDR Bücher wie "Nachdenken über Christa T." in sich hineingefressen hat und das für ihn quasi eine Lebenshilfe war, was im übrigen für viele Autoren eine Rolle spielt, oder Friedrich Schorlemmer, der beschreibt, wie wichtig Christa Wolf war als 'Begleittext' in dem manchmal ja auch sehr schwierigen Leben in der DDR. Ich glaube, dass für Autorinnen und Autoren, die aus der DDR kommen, gehört das einfach zur Biographie. Ob man sich dann mit den Texten immer identifizieren konnte oder nicht, vielfach sind da ja auch Abstoßungsprozesse. [ ... ] Aber dennoch waren die Bücher von ihr immer Anlass zur Diskussion und sie waren ja oft auch sehr nah an Zeitereignissen angesiedelt: "Kassandra" erschien zu Anfang der 80er-Jahre, als das Wettrüsten auf beiden Seiten seine Hochkonjunktur hatte. [ ... ] Ich denke, dass sie einen großen Einfluss auf viele Autoren hatte, auch international."

Welche Wirkung die Lektüre der Bücher von Christa Wolf bei dem italienischen Autor Claudio Magris hinterlassen hat, wird in einem Brief an die Jubilarin deutlich:

"Liebe Christa Wolf, [ ... ] Ich erinnere daran, welche Bedeutung für uns die Lektüre Ihrer Romane [ ... ] besaß. [ ... ] Es waren Bücher, die uns nicht nur von Grund auf halfen, diese widersprüchliche, zweideutige Welt zu verstehen, die eben genau jene Hoffnungen erstickte, welche paradoxerweise mit ihr verbunden waren, durch Ihr Zeugnis, Ihre Erfahrung und Ihre Erzählungen darüber lernten wir diese schwierigste geschichtliche Epoche zu verstehen, die uns alle erfasst hatte."

Die Glückwünsche, die Claudio Magris Christa Wolf übermittelt, verbindet er mit dem Wunsch, dass er sich gern mit der Autorin des "Medea"-Romans über diese mythische Figur verständigen würde, die zu einer Symbolfigur der Gewalt gemacht wurde. Unabhängig von ihrem Alter ist Christa Wolf gefragt als Dialogpartnerin – man sucht das Gespräch mit ihr.
Es bleibt zu hoffen, dass ihre schreibende Hand, von der Volker Braun eingangs sagte, sie würde 'so nah wie möglich am Leben entlang schreiben', beweglich bleibt wie ihr Leben. Dann könnte nach Kassandra und Medea einer ihrer nächsten Texte von Medusa handeln. Eine Christa Wolf, die schwer an Einkaufsbeuteln trägt, dieses Bild könnte einen falschen Eindruck hinterlassen. Volker Braun lässt uns wissen, wie er es deutet. "Sie schleppt die Hoffnung", sagt er und warnt, sich in Christa Wolf zu täuschen, "sie ist ein wildes Tier."

Abmoderation:
Sagt jemand, der es wissen sollte, denn Volker Braun ist seit vielen Jahren mit Christa Wolf befreundet.

"Sich aussetzen. Das Wort ergreifen". Texte und Bilder zum 80. Geburtstag von Christa Wolf. Hrsg. v. Therese Hörnigk im Auftrag des Literaturforums im Brecht-Haus und in Zusammenarbeit mit der Stiftung Preußische Seehandlung. Göttingen 2009, Wallstein Verlag, 192 Seiten. 14,90 Euro.

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