Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheZwei Schritte zu weit gegangen25.11.2017

Siemens-EinsparungenZwei Schritte zu weit gegangen

Unternehmen müssten die Möglichkeit zum Wandel haben und auch Bereiche schließen können, kommentiert Joachim Dorfs, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung. Siemens hätte bei seiner Abbau-Entscheidung aber auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten sollen - gerade mit Blick auf die Werke im Osten.

Von Joachim Dorfs, Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung"

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Nahaufnahme des Oberkörpers eines protestierenden Siemens-Mitarbeiters in roter Jacke mit dem Konzernlogo und Tröte in der Hand (AFP/ Tobias Schwarz)
Siemens-Mitarbeiter beim Protest in Berlin gegen angekündigte Standortschließungen des Konzerns (AFP/ Tobias Schwarz)

Darf man das? Darf ein Unternehmen Arbeitsplätze abbauen und Fabriken schließen, wenn es gerade erst einen Rekordgewinn verbucht hat. Der Streit ist nicht neu, doch hat er diese Woche einen neuen Höhepunkt erreicht. Denn das Unternehmen ist nicht irgendeines, sondern Europas größter Industriekonzern: Siemens. Und die Zeiten sind aufgeheizt: Die Digitalisierung krempelt die Wirtschaft um, und die Regierungsbildung in Berlin kommt auch nicht voran. Eine gute Gelegenheit also, aus den geplanten Stellenstreichungen bei Siemens ein Exempel zu statuieren, in die eine wie in die andere Richtung.

Doch was ist passiert? Siemens hat angekündigt, 6.900 Stellen in den Bereichen Kraftwerke und Antriebstechnik zu streichen. Etwa die Hälfte der Kürzungen entfällt auf Deutschland. Besonders betroffen sind Werke in den sächsischen Städten Görlitz und Leipzig - ihnen droht die Schließung. Siemens will, wenn möglich, Personal sozialverträglich abbauen, hat aber auch betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen. Die Begründung: Nach der nicht zuletzt von Deutschland betriebenen Energiewende ist das Geschäft eingebrochen, weil die Entwicklung hin zu erneuerbaren Energien geht und weg von Gasturbinen, wie Siemens sie herstellt. Außerdem wird die Erzeugung dezentraler; es braucht also weniger Großkraftwerke. Besondere Brisanz hat der angekündigte Abbau, weil Siemens-Chef Joe Kaeser eine Woche zuvor mit über sechs Milliarden Euro einen neuen Rekordgewinn für den Konzern verkündet hatte.

Es droht ein turbulentes Jahr 2018

Darf man also in einer solchen Situation so harte Hand ans Personal anlegen, gar ganze Werke schließen und die Wurzeln zur industriellen Basis eines Unternehmens kappen? Nein, sagen Gewerkschaften und den Arbeitnehmern nahe stehende Parteien. "Asozial", "Manchester-Kapitalismus", "Steinzeitkapitalismus": das etwa waren etwa Begriffe, die SPD-Parteichef Martin Schulz bei den Protestmärschen diese Woche gegen den Stellenabbau in den Mund nahm. Siemens verdiene mehr als genug, um den Bereich nicht so hart angehen zu müssen. Dem Unternehmen droht, so viel ist abzusehen, nicht nur eine heiße Zeit bis Weihnachten, sondern auch ein turbulentes Jahr 2018 mit Streiks und einer dauerhaften Auseinandersetzung etwa über Überstunden. Der Arm des Betriebsrats ist lang.

Man darf nicht nur, man muss sogar, meint hingegen Siemens-Chef Kaeser. Bei der Bekanntgabe des Rekordgewinns hatte er gleich noch das Modell für überholt erklärt, nach dem in einem Konglomerat stärkere Sparten schwächere quersubventionieren. Und wenn, dann sei es höchstens bei kurzfristigen konjunkturellen Dellen zulässig. Im Großturbinenbau aber brauche der Weltmarkt längerfristig schätzungsweise jährlich lediglich etwa 100 dieser Großanlagen, die weltweiten Kapazitäten beliefen sich aber auf über 400. Da müsse man Konsequenzen ziehen, um die intakten Unternehmensbereiche nicht zu gefährden.

Wo ist die soziale Verantwortung?

Und mindestens da hat Kaeser einen Punkt. Ob Siemens den digitalen Umbau meistert, ist für viele der etwa 370.000 weiteren Mitarbeiter von entscheidender Bedeutung. Gerade in einer Zeit, in der die digitale Revolution die Wirtschaft durchschüttelt, müssen Unternehmen die Möglichkeit zum Wandel haben, und auch Bereiche schließen können. Parallelen zeigen sich da auch zum Essener Thyssen-Krupp-Konzern. Auch hier gibt es wütende Proteste gegen die Einbringung der Keimzelle des Unternehmens, der Stahlsparte, in ein Joint Venture. Doch das Unternehmen sieht seine Zukunft etwa in intelligenten Aufzügen oder dem autonomen Fahren.

Und doch ist die Siemens-Spitze zwei Schritte zu weit gegangen. Zum einen hätte sie betriebsbedingte Kündigungen ausschließen müssen. Das arbeitspolitische Instrumentarium ist etwa mit Abfindungen oder Weiterqualifizierungen so groß, dass sich der ganz überwiegende Anteil des erforderlichen Abbaus auch ohne Kündigungen hätte realisieren lassen. Zum zweiten muss dann doch noch einmal das Wort von der sozialen Verantwortung ins Spiel gebracht werden. Es zeugt nicht von großer sozialer und politischer Sensibilität, gerade in Ostdeutschland, gerade in Sachsen, Werke zu schließen, wo die AfD bei der Bundestagswahl stärkste Partei wurde und viele Menschen und Wähler der Marktwirtschaft skeptisch gegenüber stehen. Hier hätten andere Lösungen gefunden werden müssen.

Dass sich Wirtschaftsführer durchaus solche Gedanken machen, zeigt etwa Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin des weltgrößten Werkzeugmaschinenbauers Trumpf aus der Nähe von Stuttgart. Aus den genannten Gründen müssten Unternehmen Bundesländer wie Sachsen bei ihren Investitionsstrategien stärker berücksichtigen und besonders vorsichtig agieren, fordert sie. Dies sollte auch bei Siemens nicht ungehört verhallen - immerhin ist sie Mitglied im Aufsichtsrat.

Joachim Dorfs, Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung" (Foto: Michael Steinert)Joachim Dorfs (Foto: Michael Steinert)Joachim Dorfs ist seit Januar 2008 Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung". Vor seinem Eintritt in die "Stuttgarter Zeitung" war er in leitenden Funktionen beim "Handelsblatt" in Düsseldorf, von 2002 bis 2007 als Stellvertretender Chefredakteur. Er leitete beim "Handelsblatt" das Ressort Unternehmen und Märkte, war als Korrespondent der Zeitung in Washington sowie fünf Jahre in Paris. Der studierte Volkswirt wuchs in Essen auf und volontierte an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten.

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