• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 19:05 Uhr Kommentar
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSind Drohnen Todesautomaten?05.09.2013

Sind Drohnen Todesautomaten?

Diskussion über ethische Herausforderungen

Irgendwo sitzen Soldaten vor Monitoren, lenken Drohnen über Krisengebiete und drücken hin und wieder auf rote Knöpfe. Töten im Schichtbetrieb. Ist diese Form der Kriegsführung politisch, juristisch und ethisch gerechtfertigt?

Von Mirko Smiljanic

Eine Kampfdrohne vom Typ "Reaper" (dpa / picture alliance)
Eine Kampfdrohne vom Typ "Reaper" (dpa / picture alliance)

Anwar al-Awlakis Schicksal war besiegelt, als er Ende September 2011 mit dem Auto durch die nordjemenitische Provinz al-Dschauf fuhr. CIA-Agenten hatten das al-Qaida-Mitglied zwei Jahre gesucht, jetzt sahen sie ihn in Langley bei Washington auf großen Monitoren: Eine viele Tausend Kilometer entfernt kreisenden Drohne hatte den Wagen klar und deutlich im Visier. Der Pilot vor dem Bildschirm markierte das Ziel, vergewisserte sich ein letztes Mal, dass der Topterrorist tatsächlich zum Abschuss freigegeben worden ist und drückte einen roten Knopf. Sekunden später starben Anwar al-Awlaki und drei seiner Begleiter im Feuerball ihres explodierenden Autos. Vier Opfer von Tausenden. Alleine in Pakistan sollen seit 2004 bis zu 3.570 Menschen mit Drohnen getötet worden sein. Welchen Nutzen haben Drohnen für Militärs? Generalleutnant Martin Schelleis, Kommandeur der Einsatzverbände der Luftwaffe, bringt es mit den drei "d" auf den Punkt.

"Dull, dirty, dangerous: dull, also einlullende, langweilige Routinemissionen, wozu eine menschliche Besatzung aufgrund der Dauer der Flugzeit physiologisch gar nicht in der Lage wäre, nach sechs, sieben Stunden müde wird. Ein Automat wird das nicht."

Dirty meint Einsätze zum Beispiel über radioaktiv verstrahlte Regionen, Fukushima etwa.

"Dangerous spricht für sich, also das Risiko für die Besatzung zu reduzieren oder auszuschließen."

Klingt plausibel, aber sind die drei "d" des Drei-Sterne-Generals auch kompatibel mit den ethisch-moralischen Bedingungen militärischer Einsätze? Was darf ein unbemanntes Kampfflugzeug? Was darf es nicht? Zunächst darf die Drohnen-Besatzung, die ja üblicherweise viele Tausend Kilometer entfernt in einem fensterlosen Raum sitzt, alles tun, was eine real fliegende Crew auch tun darf – sie muss sich nur an die Regeln halten, sagt Bernhard Koch vom Institut für Theologie und Frieden in Hamburg.

"Die Legitimation, eine andere Person zu töten, muss letztlich konsistent sein mit unseren Vorstellungen von der Legitimation einer Tötung einer Person in einer selbstverteidigenden Handlung."

Leider nur unterliegen kriegerische Handlungen mit Drohnen nur selten eindeutigen Kategorien. Was, wenn aus Versehen unbeteiligte Personen getötet werden? Alleine in Pakistan sind seit 2004 bis zu 900 zivile Drohnen-Opfer zu beklagen. In der Philosophie geht man bei militärischen Angriffen üblicherweise von zwei Wirkungen aus: Eine beabsichtigte und eine unbeabsichtigte, die eben Kollateralschäden nach sich zieht.

"Michael Walzer, der in der angloamerikanischen Diskussion eine wichtige Rolle spielt, hat das Prinzip ergänzt und gesagt, es muss eine doppelte Intention vorherrschen, einerseits muss man das Ziel treffen wollen, man muss aber andererseits den Kollateralschaden so gering wie möglich halten wollen. Dennoch, es bleibt ein unglaubliches Problem bestehen, dass nämlich Personen tödlich verletzt werden, die nichts getan haben, was sie irgendwie angreifbar machen würde in dem Sinne, dass sie ihr Recht auf Leben verlieren."

Kollateralschäden könne man nie ganz vermeiden, allerdings könne man sie minimieren, eben durch den Einsatz von Kampfdrohnen.

"Man kann sich mehr Zeit für die Aufklärung nehmen. Behautet, dass die eingesetzten Raketen präziser sind…"

Niklas Schörnig, Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Frankfurt am Main.

"In der Summe sollte das in der Theorie dann auch zu weniger zivilen Opfern führen. Die belastbarsten Zahlen, die wir sehen, gehen von 20 Prozent zivilen Opfern aus, das ist jetzt nicht sonderlich präzise in meinen Augen."

Niklas Schörnig befürchtet zudem, dass Drohnen die Einsatzschwelle militärischer Gewalt senken. Vor dem Hintergrund, dass die eigenen Opferzahlen gegen Null tendieren, hätte dies auch zur Folge,…

"...dass ich viel weniger gezwungen bin, Legitimation zu suchen bei den Wählern, dass ich viel weniger gezwungen bin, zu erklären, was ich da eigentlich mache, und das führt schon zu einer Art der Kriegsführung im Schatten, die gar nicht mehr so bei der Bevölkerung als Krieg wahrgenommen wird, die den politischen Entscheidern Handlungsspielräume ermöglicht, die mit klassischen militärischen Mitteln so nicht gegeben wären. Und dann ist natürlich die Verlockung, darauf zurückzugreifen und nicht den langwierigen schwierigen Weg einer diplomatischen Lösung, doch sehr hoch."

Noch höher wäre wahrscheinlich die Verlockung, wenn folgende Vision mancher Militärforscher Wirklichkeit würde: Lassen wir doch die Drohnen selbstständig agieren! Für Generalleutnant Martin Schelleis bedeutet das,...

"...dass man einem Roboter Unterscheidungshilfen gibt, einprogrammiert, dass der sogar zwischen Gut und Böse unterscheiden kann."

Was nur funktioniert, wenn der Software "Werte" einprogrammiert werden: Die aktuellen Rules of Engagement, also die Regeln für den Waffeneinsatz, die Genfer Konventionen, also die Regel, wie Nationen Kriege führen dürfen, und so weiter. Eine Diskussion, die vor allem in den USA geführt wird, in Deutschland überwiegen Zweifel.

"Was auch immer übersehen wird, ist, selbst wenn es gelingen könnte, so eine Programmierung zu vollziehen, bedeutet das ja nicht, dass jeder Akteur, der solche Systeme einsetzt, tatsächlich diese Programmierung auch nutzt."

...etwa mit dem Argument, zu viel Ethik sei im Kampfeinsatz einfach zu zeitraubend und hinderlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass diktatorische Staaten erst schießen und dann die ethische Lage prüfen – wenn überhaupt – ist hoch. Diese Gefahr ist auch deshalb gegeben, weil Drohnen preiswert sind.

"Wenn in Afghanistan ein amerikanisches System abstürzt, eine Drohne, da werden enorme Anstrengungen unternommen, um die zu bergen, weil man genau weiß, wenn man die nicht wiederholen kann, dann findet die ihre Abnehmer auf dem Markt, die Technologie wird kopiert, das geht rasant und rasend!"

Wenn die Feinde des Westens erst einmal über Drohnen verfügen, hätte dies möglicherweise noch ganz andere Konsequenzen. Sollte sich zum Beispiel der Verdacht erhärten, amerikanische Drohnen werden auch von deutschem Boden aus gesteuert, dürfen sich die angegriffenen Staat verteidigen. Und zwar dort, wo die Piloten sitzen: In Deutschland. Damit wäre der Drohnen-Krieg in Europa angekommen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk