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StartseiteDie neue PlatteDas akkurate Verschwimmen des Rhythmus gemeistert01.11.2015

Sinfonien von Jean SibeliusDas akkurate Verschwimmen des Rhythmus gemeistert

Rechtzeitig zum 150. Geburtstag von Jean Sibelius haben die Berliner Philharmoniker unter ihrem Dirigenten Sir Simon Rattle eine Gesamtaufnahme aller sieben Sinfonien des finnischen Komponisten vorgelegt - in exzellenter Qualität und mit einem lesenswertem Begleitbuch. Eine Premiere ist auch noch dabei.

Von Johannes Jansen

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Es könnten teure Pralinen sein. Siebenhundert Gramm für siebzig Euro in einer großen blaugetönten Schachtel, die man nicht beiläufig vernascht. Auch der Inhalt ist alles andere als beiläufig entstanden. Sieben Sinfonien hat Jean Sibelius, von Schaffenskrisen zunehmend geschüttelt, in einem Zeitraum von annähernd 30 Jahren komponiert. Über seiner Achten hat er zwar gebrütet, "als ob es die Neunte wäre", wie Theodor W. Adorno unvergleichlich süffisant bemerkte, aber es wurde nichts daraus.

Mit den Größten seiner Vorgänger gleichzuziehen, wenn nicht sie zu überbieten, war ein Gewaltakt, der Sibelius niederdrückte. Der Gigant unter den Sinfonikern des 20. Jahrhunderts – ein Monument seiner selbst – blieb das letzte Drittel seines langen Komponistenlebens stumm. Vorher jedoch hat er die Geschichte bewegt und das Gesicht der Gattung umgeprägt. Eindrucksvoll erfahrbar macht es diese Edition aus Anlass seines bevorstehenden 150. Geburtstags; herausgekommen ist sie bei den "Berliner Philharmoniker Recordings", dem neuen Haus-Label des Orchesters. Zu einigen Kostproben aus der verführerischen blauen Schachtel begrüßt Sie am Mikrofon Johannes Jansen.

Diesmal handelt es sich nicht um eine neue Platte, sondern deren vier. Eine üppige Video-Material-Zuwaage im Blue-ray-Format macht das halbe Disc-Dutzend voll. Eingebunden ist ein Booklet – fast schon ein ausgewachsenes Buch – mit klugen Texten der Sibelius-Forscher Glenda Goss und Tomi Mäkelä. Eine Premiere ist auch dabei: Die dritte Sinfonie, man glaubt es kaum, haben die Berliner Philharmoniker erst unter Sir Simon Rattle, mehr als hundert Jahre nach der Uraufführung, ins Repertoire genommen und hier zum ersten Mal eingespielt. Herbert von Karajan, sonst ein glühender Sibelius-Verehrer, hat sie – jedenfalls in Berlin – verschmäht, und Claudio Abbado sowieso. Rattle hingegen legte schon vor 25 Jahren mit seinem Birmingham-Orchester eine Gesamtaufnahme vor, die allerdings eingefleischten Sibelius-Fans als etwas blutleer gilt. Das wird man von dieser nicht behaupten können. In der Ersten, besonders aber in der Vierten – ehedem Karajans Vorzeigestück – trumpfen die Berliner unter Rattle auf, dass man den Mund aufsperrt und ihn bis zum Ende, obwohl musikalisch kaum noch etwas passiert, auch nicht mehr zubekommt.

Musik: Jean Sibelius, Sinfonie Nr. 4, 4. Satz, CD II, Track 7

Wie ein Stoßgebet wirkt diese Choralmelodie, die dem ins Kolossale wuchernden und dann wieder ins Konzertante zurückfallenden Satzgebilde des Finales dennoch keinen Halt verschafft; alles bleibt instabil, als hätte Sibelius es in seiner vierten Sinfonie darauf angelegt, Dirigenten in die Aporie zu stürzen. Manche suchen eine Antwort in der Schwere und Parsifal-Anähnelung, andere in der Überbetonung der Schroffheiten. Sir Simon, statt an der Partitur herumzudeuteln, nimmt sie unter die Lupe, Detail für Detail, ohne jedoch den Puls zu verlieren oder gar in eine Sezierhaltung zu verfallen. Starkem Licht setzt er sie aus, gelegentlich auch allzu grell, aber das Nachbearbeiten im Sinne von "to photoshop", wie er das nennt, überlässt er anderen und sagt, Sibelius brauche nichts weniger als das. Der hellwache und zugleich gelassene Umgang mit dieser ja keineswegs glatten, sondern im Ringen mit sich selbst oft auch zerfasernden Musik, zeugt von enormer Vertrautheit mit dem Komponisten. Als Mittler und Lehrmeister fungierte Paavo Berglund, als Rattle, vom Schlagzeug herkommend und fast noch ein Teenager, sich mit Sibelius’ Fünfter in seiner Heimatstadt Liverpool als Dirigent vorstellte. Sibelius, der ja auch kein schlechter Dirigent war, hatte sie einst sich und seinen Landsleuten als Geschenk zum 50. Geburtstag dargebracht, allerdings noch in der ungestrafften Form. Dreisätzig, wie man sie seit 1919 kennt, ist sie erst das Produkt eines qualvollen Häutungsprozesses. Der letzte Satz hat davon am meisten profitiert. Anders als in der Vierten nimmt er keinen Verlauf nach dem Muster der Sibelius’schen Lebenskurve zwischen Cäsarenwahn und Absturz in die Resignation. Es ist ein stolzes Werk, gekrönt von einem hymnischen – damals freilich noch verfrühten – Schwanengesang. Mit Schwänen hatte er es ja.

Musik: Jean Sibelius, Sinfonie Nr. 5, 3. Satz, CD III, Track. 3

Die letzten vier Sibelius-Sinfonien – die nur ideell vorhandene Achte eingerechnet – sind werkgeschichtlich so sehr miteinander verflochten, dass man sie als zusammenhängende Klanglandschaft betrachten kann. Oder als Versuch, einen unbezwingbar scheinenden Berg von verschiedenen Seiten gleichzeitig zu besteigen. Der Berg, das ist die Idee der Sinfonie ohne das Gerüst der Tradition. Noch einmal zusammenfassend darzustellen, was Sibelius damals geleistet hat, muss auch für Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker eine enorme Herausforderung gewesen sein. In Arbeit genommen haben sie den Zyklus schon vor fünf Jahren und ihn als Basis für dieses Aufnahmeprojekt jetzt noch einmal wiederholt. So gründlich sie es angegangen sind, so wenig riecht es nach Routine. Die Paukenwirbel, die den jungen Rattle einst unwiderstehlich angezogen hatten, klingen immer noch geheimnisvoll. Die Sibelius-Faszination hat den Dirigenten nie mehr losgelassen, besonders nicht die siebte Sinfonie mit diesem "verzweifelten C-Dur", sagt Rattle, wie nur Sibelius es herzustellen wusste.

Musik: Jean Sibelius, Sinfonie Nr. 7, 1. Satz, CD IV, Track 5

Am Beginn der Siebten schaut kurz noch einmal Wagners "Tristan" um die Ecke. In der Ersten, die ja auch mit einem Paukenwirbel beginnt, ist Tschaikowsky Dauergast. Die Eindrücke, die Sibelius von dessen späten Sinfonien empfangen hatte, waren einfach zu stark, als dass sie sich hätten unterdrücken lassen: für Simon Rattle ein Grund mehr, das Offensichtliche nicht auch noch dick zu unterstreichen. Manch einer mag ihm diese Ent-Emotionalisierung verdenken, aber vom Ende her gesehen, in der Gesamtschau aller sieben Sinfonien, macht es Sinn. Gewöhnungsbedürftig herb, dynamisch weit gespreizt und gewiss weniger warm, als es sich denen, die live dabei sein konnten, dargeboten hat, ist das digitale Klangbild dieser Produktion, und ob laut oder nicht – alles rückt einem fast bedrohlich nah.

Musik: Jean Sibelius, Sinfonie Nr. 1, CD I, Track. 1

Das Tempomachen hat er seinem Orchester nicht beibringen müssen, sagt der Chef, nur bei den Accelerandi muss man Philharmonikern in Berlin und anderswo schon einmal auf die Sprünge helfen – damit sie nämlich nicht als Sprünge fühlbar werden. Keine leichte Übung sei es auch gewesen, gemeinsam das "akkurate Verschwimmen" des Rhythmus’ bei Sibelius zu erzeugen. Aber auch diese Herausforderung haben die Berliner mit Hingabe gemeistert. – Ob sie sich, wo doch das Ende der Zusammenarbeit schon in Sicht ist, noch in "The Rattles" umbenennen werden? Ganz auszuschließen ist es nicht.

Das war "Die neue Platte"im Deutschlandfunk mit den Sieben Sinfonien von Jean Sibelius: eine Gesamtaufnahme in exzellenter Qualität und angemessen geschmackvoller, wenn auch vielleicht etwas pralinöser Verpackung samt lesenswertem Begleitbuch. Erschienen ist sie beim orchestereigenen Label "Berliner Philharmoniker Recordings" rechtzeitig zum 150. Geburtstag des Komponisten, auf den auch der Deutschlandfunk noch eingehen wird, unter anderem in einem Musikforum am 18. November. Am Mikrofon verabschiedet sich und dankt fürs Zuhören Johannes Jansen.

Jean Sibelius: Symphonies 1 – 7, Berliner Philharmoniker; Leitung: Sir Simon Rattle; Berliner-Philharmoniker-Recordings, LC 13781, EAN 260306180714

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