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StartseiteBüchermarktSinnieren in Toilettenkabinen22.09.2005

Sinnieren in Toilettenkabinen

"Der Photoapparat" von Jean-Philippe Touissant

Jean-Philippe Touissants namenloser Held in "Der Photoapparat" setzt sich gerne jederzeit und überall in Toilettenkabinen, um in Ruhe seinen Gedanken zu folgen. Je länger er sinniert, desto matter erscheint ihm der ganze Zirkus draußen. Joachim Unseld liebt die Geschichten von Touissant. Er übersetzt nicht nur dessen Bücher, er verlegt sie auch.

Von Brigitte Neumann

Der Protagonist in Touissants neuem Roman zieht sich zum Nachdenken gerne in Toilettenkabinen zurück.  (dradio.de)
Der Protagonist in Touissants neuem Roman zieht sich zum Nachdenken gerne in Toilettenkabinen zurück. (dradio.de)

Die Wirklichkeit ist wie eine pralle, ölige Olive, lernen wir von Jean-Philippe Toussaint. Man kommt ihr mit dem üblichen Zivilisationswerkzeug nur schwer bei. Schlüpfrig wie sie ist, entkommt sie oft dem Stich der Gabel. Was tun? "Im Kampf mit der Wirklichkeit musst du sie entmutigen.", weist Toussaints namenloser Held den Leser an.

Und macht vor, wie das geht: langsamer werden, ausweichen, die Realität zermürben, bevor man zusticht. Konkret bedeutet das, der junge Mann setzt sich gerne jederzeit und überall in Toilettenkabinen, um in Ruhe seinen Gedanken zu folgen. Und das wirkt: Je länger er sinniert und den Dingen ihren Lauf lässt, desto matter scheint ihm dieser ganze Zirkus da draußen.

Aber die Wirklichkeit hat doch etwas sehr Zwingendes: Je leiser der Toussaint’sche Anti-Held auftritt, je weniger Geltung er in der Wirklichkeit einfordert, desto mehr muss er bezweifeln, überhaupt vorhanden zu sein. Der Mann, von dem Toussaint uns nur Ausschnitte seines gegenwärtigen Lebens erzählt, sucht also verzweifelt Beweise seiner Existenz.

Photos wären so ein Beweis. Und wie der Titel verrät, ist ein Photoapparat im Spiel, aber so einfach entlässt der Autor weder seinen Helden noch die Leser aus dem existenzialistischen Desaster. Eine Mischung aus Beckett und Jacques Tati, das seien die Geschichten Jean-Philippe Toussaints, sagt Joachim Unseld - und weiter:

" Es ist so, dass nichts in den Büchern von Toussaint ohne Absicht geschieht. Es ist alles mit schriftstellerischer Strategie geschrieben, obwohl es nicht so scheint. Die Absicht, die dahinter steckt, ist eben zu ergründen, inwieweit der Mensch Herr seiner selbst ist, inwieweit es Sinn macht, dieses Leben, was wir vorfinden, zu leben.

Inwieweit wir die Absurditäten, die wir eigentlich täglich erleben und die wir auch immer beschreien und beschimpfen und beklagen, die unser Leben ausmachen - denken Sie an den freien Fall der Kultur nach unten, die Entwicklung des Fernsehens - ob es dann noch Sinn macht für denkende Menschen, wirklich teilzuhaben an diesem Leben. Und das ist, glaub ich, die grundsätzliche Frage von Toussaint."

Joachim Unseld ist nicht nur Verleger sondern auch Übersetzer der Bücher Toussaints. Der Grund: er fühlt sich dem Belgier nahe und liebt dessen Geschichten. Unseld bringt außerdem alles mit, was ein Übersetzer aus dem Französischen braucht. Er kennt die Mentalität der Francophonen, hat in Frankreich bei Gallimard gelernt, an der Sorbonne studiert; seine Frau ist Französin, seine beiden Kinder gehen in Frankfurt auf die französische Schule.

Trotzdem - wenn Unseld von der mindestens doppelbödigen Realität dieses Romanhelden erzählt, kommt man schon ins Grübeln, ob es nicht angeraten wäre, Toussaint im Original zu lesen.

"Er geht zu einer Fahrschule und die Fahrschule heißt "école de conduite". Das könnte man auch übersetzen mit Benimmschule. Conduire...conduite.. Wie benehme ich mich: Knigge. Er geht in eine Benimmschule vielleicht auch. Und er kriegt seine Passfotos nicht gebacken.

Was sind Passfotos - les photos d’identité, also Identitätsnachweise, Nachweise seiner eigenen Identität - die kriegt er nicht in diese Benimmschule hinein - wie er in die Gesellschaft. Das sind nur zwei Beispiele, die sich ganz schwer übersetzen lassen."

Joachim Unseld fordert die Wirklichkeit auf seine Weise heraus. Vor zehn Jahren gründete er einen Literaturverlag. Seine ist die inzwischen vierte Neu-Gründung der Frankfurter Verlagsanstalt. Der von den Nazis liquidierte Kunst und Lyrik-Verlag, wurde von Andersch und Kogon wieder aufgebaut, ging später durch die Hände des Verlegerpaares Schöffling und von Gerd Haffmann, bevor Joachim Unseld übernahm.

Der war zwar von seinem Vater auf die Übernahme von Suhrkamp von Jugend an vorbereitet worden, aber 1991 gab es Streit. Die Übergabe scheiterte. Der Vater-Sohn-Konflikt ist legendär. Wenige Straßen vom Suhrkamp Verlag entfernt gründete Joachim Unseld also einen eigenen Verlag mit moderner, vorwiegend europäischer Literatur.

Autor der ersten Stunde im Oktober 1995 war der Regensburger Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler, der bei der Frankfurter Verlagsanstalt sein Debut ablieferte. Gleichfalls im ersten Programm: Ror Wolf und die Goncourt-Preisträgerin Paule Constant. Wenig später verließ Bodo Kirchhoff den Suhrkamp-Verlag, weil er die Zusammenarbeit mit Joachim Unseld fortsetzen wollte.

Und der gab bei Gründung der Frankfurter Verlagsanstalt bekannt, wie er seinen Job begreift: Autoren entdecken, sorgfältig lektorieren, kultivieren und unterstützen. Da aber verlegen unmittelbar verwandt sei mit vorlegen, nämlich Geld vorlegen, sei der Verleger auch immer der erste Verkäufer seiner Texte.

Und genau an dem Punkt, sagt Unseld, kriselt es zunehmend. Der traditionelle Buchhandel bricht weg. Verschwinden aber die mittelständischen Buchhandlungen, sind auch die kleinen, ambitionierten Literaturverlage gefährdet, denn nur dort hat man deren Titel vorrätig.

"In Frankfurt ist die Situation, dass um den Rossmarkt und Goetheplatz herum: noch vor zehn Jahren sieben mittelgroße gute Buchhandlungen existierten. Heute ist noch eine übrig. Anstelle der anderen gibt es die Filiale eines gut geführten Mega-Stores. Das ist in anderen Großstädten dasselbe.

In dieser Woche meldete Schmorl & von Seefeld in Hannover Insolvenz an. Bouvier in Köln, Kiepert in Berlin können auch nicht mehr. Alles Schlachtschiffe des Buchhandels, von denen niemand gedacht hätte, dass die gefährdet wären."

Der Leser kauft heute lieber im Internet oder in den Filialen der großen Buchketten. Beide setzen auf Selbstbedienung, nicht auf Beratung. Woher aber soll ein Leser Unselds Programm kennen, wenn für Spots und Anzeigen kein Geld da ist und die großen Buchsortimenter kein Interesse an den Titeln haben.

" Wir kommen nicht in diese Filialen hinein. Ein zentraler Einkäufer einer Filiale hat mir neulich ganz charmant gesagt: Ich weiß gar nicht Herr Unseld, welches Problem Sie haben. Sie müssen nur einen Titel auf die Bestsellerliste bringen, dann werden Sie auch bei uns gelistet."

Da muss neu über den Begriff der Veröffentlichung nachgedacht werden, meint Unseld. Noch etwas anderes macht ihm Sorgen: nämlich die Billigbuch-Editionen, die die großen Zeitungsverlage auf den Markt werfen. Die Süddeutschte Zeitung hatte als erste großen Erfolg mit ihrer Bibliothek der Weltliteratur. 11,3 Millionen Bücher gingen für 4,90 Euro über den Ladentisch von Kiosken, Kaufhäusern und Buchläden; das heißt fast jeder der 50 belletristischen Titel verkaufte sich über 200.000 Mal.

"Die Preissensibilität, die wir hier haben, ausgelöst durch die Buchreihe der Süddeutschen Zeitung, muss ich nun auch sagen: Da ist viel Geschirr kaputtgeschlagen worden. Da ist beim Verbraucher, beim Leser der Eindruck entstanden, dass Bücher eigentlich viel zu teuer sind. Und das ist eine gefährliche Sache.

Wir können inzwischen unsere Bücher nicht zu dem Preis verkaufen, zu dem wir sie eigentlich verkaufen müssten, damit wir unsere Gestehungskosten bekommen. Wir können nur noch durch die Verwertung von Nebenrechten - also Verkauf von Auslandslizenzen oder Lizenzen an Taschenbücher - das gibt noch eine gewisse Deckung und da kann man noch sagen, da kann man noch Geld verdienen."

Trotzdem macht er weiter und wirbt für seine Autoren. Geschätzte 300.000 Belletristik-Leser gibt es im Land, die als Kunden für Unselds Verlagstitel in Frage kommen. Denen muss er seine Schätze zeigen. Pro Autor eine spezielle Aufmerksamkeitsmaßnahme, das ist Unselds Marketing-Strategie. Bei seiner Neuentdeckung Marion Poschmann hat das geklappt, ihr "Schwarzweißroman" wurde in der FAZ vorabgedruckt und brachte es bis auf die Auswahlliste Auswahlliste für den ersten Deutschen Buchpreis.

Sein Autor Gert Loschütz und dessen lesenswerter Roman "Dunkle Gesellschaft" haben es nun gar auf die Shortlist geschafft. Dass Bodo Kirchhoff, Joachim Unselds Star-Autor sozusagen, Juryvorsitzender des Deutschen Buchpreises ist, stand diesem "Doppelschlag" gewiss nicht im Wege. Verleger Joachim Unseld kann nicht nur gut übersetzen, man denke an Jean Philippe Toussaint, er weiß auch, wie man die Fäden hinter den Kulissen des Buchgeschäfts zieht.

Jean-Philippe Toussaint: Der Photoapparat.
Frankfurter Verlagsanstalt

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