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StartseiteBüchermarktSkandal des alltäglichen Frauenhandels17.05.2011

Skandal des alltäglichen Frauenhandels

Florian Klenk: "Früher war hier das Ende der Welt", Zsolnay Verlag

Das Buch des österreichischen Enthüllungsjournalisten Florian Klenk beginnt "am Ende der Welt", in einem ungeheizten ukrainischen Flüchtlingslager und führt den Leser über einen Gerichtssaal in Berlin-Moabit und die Wiener Hinterhöfe direkt hinein in die tiefsten menschlichen Abgründe.

Von Beatrix Novy

In "Früher war hier das Ende der Welt" berichtet Florian Klenk aus der österreichischen kriminellen Szene.  (AP)
In "Früher war hier das Ende der Welt" berichtet Florian Klenk aus der österreichischen kriminellen Szene. (AP)

"Wien ist wieder eine zentraleuropäische Stadt geworden, mit vielen Einwanderern, mit Bettgehern, Taglöhnern, mit Prostituierten, die international gehandelt werden, da bestellt der Scheich von Abu Dhabi und aus Litauen werden die Frauen eingeflogen. Dieser legendäre Satz 'Die Geschichten liegen auf der Straße' stimmt wieder, und es gilt, sie zu beschreiben."

Seit über 40 Jahren gestaltet der "Tatort" den bundesdeutschen Sonntagabend. Dieser anhaltende Erfolg hat seinen Grund auch in der Verdichtung gesellschaftlicher Realität: wenn die – scheinbar – lebensnahen Kommissare im Drogen-, Mädchenhändler-, Neonazi- oder Bauwirtschaftsmilieu ermitteln oder in allen gleichzeitig, sieht man immer auch ein Stück Soziologie der Republik. Und nicht nur im "Tatort" blüht heute das Krimigenre auf dem Hintergrund von Sozialrealismus und –kritik.

Was man ja eigentlich auch billiger haben könnte, also ohne Mörder dazwischen. Dann befände man sich nicht im Genre des Fernsehkrimis, sondern in dem der Sozialreportage. Und die kann auch atemberaubend sein. Wie dieses Idyll in Tschechien, an der deutschen Grenze

"Vor einem Container mit dem Schriftzug "Thaimassage" steht ein Auto mit Kindersitz. Ein schwangeres Roma-Mädchen am Straßenrand winkt den Vorbeifahrenden. Die Fenster der Häuser sind mit schwarzen Folien verklebt. Ganze Dörfer scheinen nur noch aus Bordellen zu bestehen. 100.000 deutsche Freier, so die Schätzungen der Behörden, kommen jährlich hierher. Manche Busse tragen die Aufschrift "Ficken Tours"."

Hierher, wo das reiche an das weniger reiche Europa grenzt, hat sich Florian Klenk aufgemacht. Für seine Recherchen über Frauenhandel und Zwangsprostitution saß er aber auch in Berlin-Moabit im Gerichtssaal, traf sich mit Sozialarbeiterinnen, Juristen, Prostituierten, Freiern, Ermittlern. Alles, um den alltäglichen Frauenhandel zu etwas Nicht-Alltäglichen, nämlich zu dem Skandal zu machen, der er ist.

Um die Geschichte eines unter falschen Versprechungen in den Westen gelockten Mädchens investigativ, also nach allen Regeln der Reporterkunst zu verfolgen und sie dann noch in einen reflektierten, anspruchsvollen Text zu verwandeln, braucht man Wochen. Soviel Zeit gilt heute gemeinhin als nicht bezahlbar; ihren Platz finden Klenks Reportagen ausgerechnet im optisch eher bescheidenen Wiener Wochenblatt "Falter", das Anfang der 80er-Jahre als Szene-Programmzeitschrift begann und intellektueller Gegenpart zum Elend des österreichischen Zeitungswesens wurde.

16 dieser Reportagen sind in Klenks Buch versammelt, ein Buch, das am "Ende der Welt" beginnt: In einem ungeheizten ukrainischen Flüchtlingslager, wo indische und pakistanische Flüchtlinge auf ungeeignetem Boden Fußball spielen; viel mehr können sie hier nicht tun, um sich die Zeit bis zur Abschiebung zu vertreiben. Aber an der neuen Schengen-Grenze bleiben nicht nur Flüchtlinge hängen, sondern auch Menschen diesseits der Grenze. Solche wie Natalia Prokopchuk, Sprecherin des UNHCR

"Gerne würde auch Prokopchuk privat in den Westen reisen, das Einkommen dazu hätte sie. Aber ein schneller Urlaubstrip nach Wien? Nahezu unmöglich", sagt Prokopchuk, zumal als alleinstehende Frau. Auf den westlichen Konsulaten wird routinemäßig angenommen, sie sei vielleicht eine Geheimprostituierte."

Grenzen sind, sagt Florian Klenk, sein Thema, alle Geschichten in diesem Band hätten letztlich mit ihnen zu tun. Nimmt man die Grenzen im Kopf dazu, mag das vielleicht hingehen. Der größere Teil der Reportagen basiert auf einzelnen signifikanten Ereignissen, die nach dem üblichen medialen Aufrauschen in der Versenkung verschwanden. Der Focus verengt sich auf Klenks Heimat: Österreich. Ein Land, das mit Grenzen in der Tat spezielle Probleme hat. Nirgends ist das Missverhältnis zwischen realer und gefühlter Kriminalität, zwischen Wohlstand und Verlustangst so eklatant, nirgends werden Wahlkämpfe so obsessiv mit dem Thema "Ausländer" geführt. Dazu trägt eine Partei wie die FPÖ bei, bei der unbefangener Rassismus und Angstmache Programm sind, dazu trägt das Vorherrschen der Boulevard-Presse bei, der Klenk zwei Kapitel widmet. Als der 14-jährige Florian Pirker bei einem Supermarkt-Einbruch erschossen wurde, hatte der Polizist, der es tat, die "Kronenzeitung" ganz auf seiner Seite:

"Wer alt genug ist zum Einbrechen, ist auch alt genug zum Sterben."

Das alles schreit nach Parteinahme für die andere Seite, der sich die Zeitschrift "Falter" eisern verschrieben hat. So viel kann man gar nicht nicken, wie hier Zustimmung eingefordert wird. Parteiisch sind, klar, auch Florian Klenks Reportagen, dies aber oft gerade wegen der Kommentarlosigkeit, mit der er alle erreichbaren Beteiligten zu Wort kommen lässt: Den ziemlich skrupellosen Boulevard-Redakteur. Oder den Bürgermeister-Rechtsaußen in einer Kärntner Ortschaft.

"Türken bekommen von uns keine Wohnung. Muslimische Kinder dürfen hier nicht zur Schule. Wenn Türken hier Grund kaufen wollen, dann kaufen wir den vorher weg."

So schön eindeutig stellt sich das Integrationsthema nicht jederzeit dar. Nicht in der Geschichte über den bildschönen Wiener Gemeindebau, wo ein Bewohner auf spielende Kinder im Hof schoss. Ein krimineller Ausraster, aber auch Ausdruck einer allgemeinen Konfliktlage, eines Missverstehens, zu dem beide Gruppen, Österreicher wie Zuwanderer, beitragen. Auch nicht im Kapitel über die neuen Bettgeher Wiens, Afrikaner, die sich von anderen Afrikanern ins gelobte Land locken lassen, um in überfüllten Bruchbuden zu landen – und im Drogenhandel. Mit diesen Reportagen knüpft Florian Klenk an die Tradition eines Journalismus an, den es mal gab im alten Österreich, an Egon Erwin Kisch also oder an Max Winter, der für die "Arbeiterzeitung" sogar in die Kanalisation stieg, zu den Allerärmsten, die dort nach Brauchbarem suchten. Das war vor dem 1. Weltkrieg, als Wien noch eine Weltmetropole war. Heute ist es wieder eine. Mit allen Schattenseiten, die unbedingt einen Reporter brauchen, oder mehrere.

Florian Klenk: "Früher war hier das Ende der Welt. Reportagen"
Zsolnay Verlag, Wien 2011, ISBN 978-3-552-05528-5

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