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StartseiteInterview"Das hat die Menschen nicht weiter interessiert"29.07.2017

Skandale der Autoindustrie"Das hat die Menschen nicht weiter interessiert"

Nur knapp 40 Prozent der Deutschen haben laut ARD-"Deutschlandtrend" durch die Kartellvorwürfe gegen deutsche Autohersteller das Vertrauen in die Branche verloren. Viele Menschen würden gar nicht durchschauen, was da passiere, sagte Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Dlf.

Manfred Güllner im Gespräch mit Martin Zagatta

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Forsa-Chef Güllner bei der Vorstellung des Ernährungsreports 2017 in Berlin (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)
Viele würden Horrormeldungen über Belastungen gar nicht mehr so richtig glauben, sagt Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)
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Martin Zagatta: Und trotz des Abgasskandals geben laut dem jüngsten Deutschlandtrend der ARD von gestern Abend nur 38 Prozent der Befragten an, das Vertrauen in die Autoindustrie verloren zu haben. Eigentlich erstaunlich. Wie das zu erklären ist, und welche Rolle das Thema Fahrverbote da im Wahlkampf spielt, das kann ich jetzt Manfred Güllner noch kurz fragen, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Guten Morgen, Herr Güllner!

Manfred Güllner: Schönen guten Morgen!

"Das Dieselthema ist etwas, was die meisten Bürger gar nicht so fürchterlich aufregt"

Zagatta: Herr Güllner, dass sich da jetzt trotz aller Vorwürfe und Tricksereien nur gut jeder dritte Deutsche enttäuscht zeigt von der Autoindustrie, hängt das damit zusammen, dass in Deutschland Millionen einen Diesel fahren und jede Menge Arbeitsplätze von der Autoindustrie abhängen, oder wie ist das zu erklären?

Güllner: Zunächst mal ist das ganze Dieselthema etwas, was die meisten Bürger gar nicht so fürchterlich aufregt, auch jetzt die Vorwürfe wegen kartellrechtlicher Absprachen zwischen den Autoherstellern, auch das hat die Menschen nicht weiter überhaupt interessiert. Ich glaube, es wird sehr viel auch diskutiert einmal über Technik. Viele durchschauen eigentlich nicht, was da passiert ist und dass es Angaben gab über auch Verbrauch, der nicht mit der Realität übereinstimmt. Das gehört ja auch zum Alltag der Autofahrer. Daran haben sie sich eigentlich längst gewöhnt. Und das andere ist, Horrormeldungen über Belastungen, die nun seit Jahren und Jahrzehnten immer wieder in die Welt gesetzt werden, die glauben auch viele gar nicht mehr so richtig. Wir haben ja das Problem, dass wir, der alte Marx würde sagen, im Bewusstseinsüberbau ein hohes Bewusstsein für Ökologie und Klima und Umweltschutz haben. Aber im Verhaltensunterbau, wenn es um konkrete Entscheidungen geht, das beobachte ich seit 50 Jahren, als ich Anfang der 70er-Jahre die erste Untersuchung zum Umweltschutz gemacht habe. Im Verhaltensunterbau spielt das überhaupt keine Rolle, was im Bewusstseinsüberbau passiert.

"Da müssen sich die Grünen keine allzu großen Sorgen machen"

Zagatta: Das ist erstaunlich. Das heißt, Sie gehen davon aus, das hat gar keine so großen Auswirkungen, wenn es nicht so ein Aufregerthema ist, de facto im Endeffekt für die Menschen? Das hat dann gar keine so große Auswirkungen im Wahlkampf? Wie ist es denn da jetzt mit den Grünen. Das wäre doch das ureigene Thema der Grünen. Warum profitieren die jetzt nicht nach diesen ganzen Enthüllungen? Die müssten doch zumindest davon etwas profitieren? Oder hängt das mit der Politik in Baden-Württemberg zusammen, wo die Grünen ja die Regierung führen und sich auch gegen Fahrverbote sperren?

Güllner: Ich glaube, das ist der eine Aspekt, dass ja Herr Kretschmann auch mit der Autoindustrie – es sind ja zwei bedeutende Hersteller in seinem Land ansässig –, dass er auch dann mit der Autoindustrie verbandelt ist. Und dann darf man ja nicht vergessen, die Grünen sind ja nicht aus dem Fleisch des Proletariats entstanden, sondern sind durch und durch bürgerlich und fahren ja auch in ihrem Alltagsleben viele Autos. Und wenn ich an manche Yoga-Mütter denke am Prenzlauer Berg, die mit ihrem Cayenne ihre Kinder in die Waldorfschulen bringen, dann sind die ja auch irgendwo ambivalent, was die Einstellung zum Auto anbelangt. Ich glaube, das sind die beiden Aspekte, Kretschmann auf der einen Seite, Verbandelung mit der Autoindustrie, und zum anderen die Ambivalenz im Alltagsverhalten auch bei einigen grünen Anhänger.

Zagatta: Und bei Anhängern der Grünen, die wirklich auf Ökologie setzen, schadet das da vielleicht sogar jetzt im Wahlkampf, oder gehen Sie davon aus, es hat auch für die Grünen keine Auswirkungen?

Güllner: Ich glaube, dass die den Grünen jetzt verbliebenen Anhänger ja die Kernwähler sind. Und das ist eine Wertegemeinschaft, die unabhängig von ihrem persönlichen eher bürgerlichen Lebensstil sagen, ich bin links. Und das, was sie mal in früher Jugend eingeübt haben, nämlich das Wahlverhalten und die Stimmabgabe für die Grünen, das behalten sie bei, bis sie auf dem Friedhof liegen. Ich glaube, da müssen sich die Grünen keine allzu großen Sorgen machen. Sie können sich darauf verlassen, dass diese Wertegemeinschaft noch so stark ist, dass sie auf jeden Fall deutlich über die Fünfprozenthürde hinüber kommen am 24. September.

Zagatta: Sagt Manfred Güllner, der Chef des Meinungsforschungsinstituts forsa. Herr Güllner, ich bedanke mich für dieses Gespräch heute Morgen!

Güllner: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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