Montag, 20.11.2017
StartseiteCampus & KarriereDer politische Elan früherer Generationen10.11.2017

Slogan "Unter den Talaren"Der politische Elan früherer Generationen

"Sie gehören alle ins KZ!" An den empörten Ausruf eines Professors erinnert sich Gert Hinnerk Behlmer noch heute. Er hatte im November 1967 mit dem Transparent "Unter den Talaren, Muff von 1.000 Jahren" gegen die Verdrängung der NS-Zeit protestiert. Heute fehle die politische Wucht der Studierenden, bemängelten Weggefährten bei einer Gedenkfeier.

Von Axel Schröder

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
"Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren" steht auf einem Spruchband, das Studenten am 09.11.1967 beim Eintritt des neuen und des alten Rektors der Universität Hamburg ins Auditorium Maximum halten. Links hinter dem Spruchband der ehemalige Rektor, Prof. Dr. med. Schöfer, rechts der neue Rektor, Prof. Dr. rer. pol. Ehrlicher.  (picture-alliance/ dpa)
In einer Protestaktion forderten Studenten während des Rektorenwechsels lautstark in Sprechchören die Beschleunigung der Hochschulreform (picture-alliance/ dpa)
Mehr zum Thema

Vor 50 Jahren Geburtsstunde der Kampfparole der 68er-Studentenproteste

Selten hat ein schwarzes Tuch, ein breites Banner so viel Applaus bekommen. Gestern Abend kehrte es zurück an die Stelle in der es einst, vor 40 Jahren, berühmt wurde. Im Audimax der Hamburger Universität:

"Das ist jetzt noch mal die Gelegenheit, das Transparent einmalig zu zeigen!"

"Unter den Talaren, Muff von 1.000 Jahren" prangt mit weißen Buchstaben aus Klebestreifen auf dem Banner. Zusammen mit seinem Kommilitonen Detlev Albers hatte der heute über 70-jähre Gert Hinnerk Behlmer das Transparent am Abend des 8. November 1967 zusammengebastelt. Einen Tag später, zur Feierstunde zum Rektorenwechsel, marschierten die beiden damit vor ihren Professoren ins Audimax. Mit schwarzen Talaren, ihren Hüten und weißen Halskrausen schritten die Hochschullehrer die Stufen zum Podium hinunter, nicht ahnend, mit welchem Slogan sich die beiden Jura-Studenten über sie lustig machten. Gert Hinnerk Behlmer wollte sich gestern nicht mit Einzelheiten der Aktion aufhalten, sondern vom großen Ganzen sprechen, in das die Aktion damals eingebunden war:

"Vom Vietnam-Krieg, vom Schah-Besuch, bis später zur Notstandsgesetzgebung. Alles das, was zum gesamten Thema 'Studentenprotest' gehört"."

Schleppende Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit

Denn für sich genommen sei die Aktion im Audimax ja gar nicht so revolutionär gewesen. Allerdings, das erklärte der Geschichtsprofessor Rainer Nicolaysen, sei gerade der Hinweis auf den "Muff von 1.000 Jahren" eine der ersten Aktionen gewesen, die auf die aktive Rolle vieler damaliger Professoren im nationalsozialistischen Wissenschaftsbetrieb hinwies. Gert Hinnerk Behlmer bestätigte das gestern Abend:

"Die ganze Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit hat zu diesem Zeitpunkt noch keine große Rolle in unseren Diskussionen gespielt. Da ging es um die Demokratisierung der Hochschule und um Studienbedingungen. Bei mir persönlich schon! Beeinflusst durch das, was ich in Deutschland an den ersten Prozessen, die liefen, gemerkt habe als Jurist."

Und gegen diese schleppende Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit galt es zu protestieren, so Gert Hinnerk Behlmer. Dass die Aktion im Audimax aber sogar für überregionale Schlagzeilen sorgte, hatte, erinnert er sich, vor allem mit der Reaktion darauf zu tun: Der Professor für Orientalistik Bertold Spuler hatte den Protestlern zugerufen: "Sie gehören alle ins KZ!" Und bestätigte so nur deren Vorwurf, dass eine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit dringend nötig war.

Skeptisch bis feindliche Reaktionen

Die Öffentlichkeit, angetrieben unter anderem von den scharfen Überschriften der "Bild"-Zeitung, stand den aufbegehrenden Studierenden skeptisch bis feindlich gegenüber. Daran erinnerte Helga Kutz-Bauer, die damalige AStA-Vorsitzende:

"In der Bevölkerung die haben sich gesagt: 'Die studieren, leben auf unsere Kosten!' Wir mussten irgendwann die Studenten warnen, sich in der U-Bahn nicht zu outen als Student, weil sie zum Teil angegriffen wurden. Ich kriegte ganz nette Postkärtchen mit Drohungen. Ein, zwei Todesdrohungen. Und einer wollte mich zu Tode vergewaltigen. Die Reaktion kam dann auch."

Neues Hochschulgesetz

Trotz dieses feindlichen Klimas war die Zusammenarbeit mit dem Hamburger Senat aber gut. Helga Kutz-Bauer und Gert Hinnerk Behlmer waren immerhin Mitglieder des SHB, des Sozialdemokratischen Hochschulbundes, der Hamburger Bürgermeister Herbert Weichmann war sozusagen ihr Parteigenosse.

Am Ende mündete das Engagement der Studierenden in ein neues Hochschulgesetz, mit dem erstmals auch die studentische Selbstverwaltung eingeführt wurde.

Entpolitisierung durch das Bachelor-Master-System

Auch Franziska Hildebrandt vom amtierenden AStA saß gestern mit auf dem Podium. Vom Protest der Achtundsechziger, erklärte sie, profitierten die Studierenden noch heute. Nur leider sei die politische Wucht, die von den Universitäten einst ausging heute kaum noch vorhanden:

"Wir haben es mit einer erheblichen Entpolitisierung durch das Bachelor-Master-System in der Studierendenschaft zu tun. Mit der permanenten Prekarität der sozialen Lage und der Perspektive. Wenn jede Prüfung eigentlich zu einer Abschlussprüfung wird, weil sie immer wieder entscheidet: Geht mein Studium nach den drei Jahren weiter oder nicht, dann sind das auch existenzielle Fragen, die ein politisches Engagement, ich meine: auch bewusst, schwieriger machen sollen!"

Und deshalb, so Franziska Hildebrandt, sei es an der Zeit, sich am politischen Elan früherer Generationen ein Beispiel zu nehmen:

"Es gibt eine große Unzufriedenheit. Und wir müssen diese Unzufriedenheit entprivatisieren, politisieren! Dafür, dass es insgesamt wieder viel politischer zugeht und es auch ein neues Achtundsechzig gibt!"

Der Applaus für diese Aussage war Franziska Hildebrandt sicher. Vor einem Publikum mit  erstaunlich vielen mittlerweile ergrauten Akademikern, die die wilde Zeit an der Uni Hamburg selbst miterlebt hatten, die sich nach Jahren endlich wieder trafen und freuten, dass ihr Erbe zumindest von einigen Studierenden immer noch hochgehalten wird.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk