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StartseiteThemen der WocheEin unmoralisches Angebot18.10.2014

Social FreezingEin unmoralisches Angebot

Weiblichen Angestellten, die die Reproduktion zugunsten der Produktion hinten anstellen, zahlen Facebook und Apple die Kosten für das Einfrieren von Eizellen. Unmoralisch ist das Angebot, weil es lediglich vorgibt, Frauen die Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zu schenken, die ihnen der Kapitalismus so lange vorenthalten hat, kommentiert Raoul Löbbert vom Magazin "Christ & Welt".

Von Raoul Löbbert, Christ & Welt (Die Zeit)

Das Monitorfoto zeigt das Einbringen einer Samenzelle in eine Eizelle mittels Mikropipette unter dem Mikroskop. (Hubert Link, dpa)
"Wer sagt denn, dass beruflicher Aufstieg keine Baby- oder Sonst-wie-Pausen duldet?", fragt Raoul Löbbert vom Magazin "Christ & Welt". (Hubert Link, dpa)
Weiterführende Information

Social Freezing - Sicher kein Massenphänomen
(Deutschlandfunk, Kommentar, 16.10.2014)

Kritik an Plänen von Apple und Facebook
(Deutschlandfunk, Aktuell, 16.10.2014)

Gute Arbeitgeber stehen der Familienplanung ihrer Angestellten nicht im Wege, sondern unterstützen sie. Etwa indem sie die private Kinderbetreuung finanzieren oder den Eltern zur Geburt des Nachwuchses ein kleines – und manchmal auch nicht so kleines – Geldgeschenk überweisen. All das bieten Facebook und Apple, diese Giganten des digitalen Kapitalismus, ihren Mitarbeitern an. Das ist gut. Doch nun machen sie ihrer weiblichen Belegschaft unter dem Banner der Familienförderung ein unmoralisches Angebot: Wer im gebärfähigen Alter die Reproduktion zugunsten der Produktion hinten anstellt, für den übernehmen die beiden Unternehmen die Kosten für das sogenannte Social Freezing, das Einfrieren von Eizellen also. Diese können dann – die Reproduktionsmedizin macht es möglich – unabhängig vom Ticken der biologischen Uhr aufgetaut, befruchtet und ausgetragen werden, wenn es am besten in den Mitarbeiterlebenslauf passt.

Unmoralisch ist das Angebot von Facebook und Apple aber nicht, weil das Verfahren unmoralisch ist: Social Freezing wurde einst entwickelt, um jungen Krebspatientinnen die Verwirklichung ihres Kinderwunsches zu ermöglichen. Unmoralisch handeln auch nicht die Frauen, die ihre Eizellen einfrieren lassen. Oft sind es junge, mitten im Leben und im Job stehende Frauen, die im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen nicht benachteiligt werden möchten. Und leider ist in der heutigen Berufswelt das Kinderkriegen für Frauen immer noch das größte Karrierehindernis.

Frauen, die wie Männer sein sollen

Unmoralisch ist das Angebot, weil es lediglich vorgibt, Frauen die Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichberechtigung zu schenken, die ihnen die Männer und der Kapitalismus so lange vorenthalten haben. Denn, statt frei zu werden, unterwerfen sich Frauen, die um der Karriere willen den Kinderwunsch einfrieren lassen, freiwillig dem obersten Gesetz des Kapitalismus. Es lautet: "Verhalte Dich wie ein Mann! Männer zeugen Kinder, sie bekommen sie nicht und ziehen sie, wenn überhaupt, höchstens am Wochenende groß! Akzeptierst du das, bist du als Frau ein ganzer Mann und erklimmst du die Karriereleiter."

Und auf der Karriereleiter gibt es von Anfang nur eine Richtung: Nach oben! Und dass so schnell wie möglich! Wer sich da bereits am Anfang eine Auszeit gönnt, um Kinder zu bekommen und großzuziehen, der hat keine Chance auf Aufstieg. Auf der Karriereleiter sind Kinder bestenfalls Privatsache. Werden sie fremdbetreut, sind sie geduldet. Doch besser noch bleiben sie bloße Möglichkeit in ferner Zukunft.

Was also kann Frau machen, wenn Frau Karriere machen will? Ganz einfach: Sich fügen und auf später hoffen. Der Einzelne ist im Berufsleben den gesellschaftlichen Zwängen der Ökonomie so schutzlos ausgeliefert wie dem Wetter. Ihm kann man keinen Vorwurf machen. Doch die Gesellschaft besteht nun einmal nicht nur aus vereinzelten Individuen, die versuchen, die an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen. Sie kann auch als Ganzes Erwartungen hinterfragen – warum also nicht die Erwartungen an eine gute Karriere. Wer sagt denn, dass beruflicher Aufstieg keine Baby- oder Sonst-wie-Pausen duldet? Wer sagt denn, dass eine gute Karriere von Früherziehung über Schule, Universität und Berufseinstieg bis hin zu Beförderung und Verrentung immer linear verlaufen muss? Die Finanzkrise hat gezeigt, dass im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts so gut wie nichts für immer linear verläuft. Nichts ist auf Dauer planbar, nicht einmal, die Karriere.

Aber wir hinterfragen nichts. Wir versuchen lieber, den Erwartungen zu genügen, von denen wir wissen, dass wir ihnen nicht gerecht werden können und entschuldigen es damit, dass es nun mal so ist: Der Kapitalismus will es, da kann man nichts machen. Und da der Kapitalismus sich nicht unserer Natur anpassen will, muss sich die Natur eben dem Kapitalismus anpassen. Letztendlich wird aber nur umgekehrt ein Kind daraus.

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