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StartseiteCampus & Karriere"Wir bräuchten Chancenkapital für soziale Innovationen"26.03.2018

Social-Start-ups und Flüchtlinge"Wir bräuchten Chancenkapital für soziale Innovationen"

Immer mehr gemeinnützige Start-ups widmen sich den gesellschaftlichen Herausforderungen, die die Flüchtlingszuwanderung mit sich bringt - und schaffen daraus einen sozialen Mehrwert. So zum Beispiel auch die Gründer von "Wefugees", SEND e.V. und "Kiron", die im Dlf ihre Unternehmen vorstellten.

Markus Sauerhammer und Tobias Ernst im Gespräch mit Henriette Schmidt

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Menschen verschiedener Hautfarbe legen ihre Hände übereinander (Imago)
Die Herangehensweise, aus einem gesellschaftlichen Problem wie der Flüchtlingskrise etwas Positives herauszuholen, ist ganz typisch für soziale Unternehmen, findet "Wefugees"-Gründerin Henriette Schmidt (Imago)
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Henriette Schmidt: Jetzt haben wir eben bei dem Beitrag reingezoomt in den Alltag von vielen Geflüchteten und haben gesehen, wie wichtig die Suche nach Informationen heute noch ist, obwohl wir in Zeiten des Internets leben und obwohl eigentlich alle Informationen da sein müssten. Dieses Problem zu definieren und zu identifizieren, das haben meine Mitgründerin Cornelia und ich ja damals gemacht, und daraufhin "Wefugees" entwickelt, wo wir eben Beratung von BeraterInnen auf verschiedenen Sprachen anbieten und gleichzeitig Ehrenamtlichen und Geflüchteten die Chance geben, auch ihr Wissen bereitzustellen über eine zentrale Plattform im Internet. Diese Herangehensweise, aus so einem gesellschaftlichen Problem eigentlich etwas herauszuholen positiv, ist ja eigentlich ganz typisch für soziale Unternehmen. Ich hab jetzt hier bei mir an der Leitung Markus Sauerhammer von der Initiative SEND e.V. Hallo!

Markus Sauerhammer: Ja, hallo!

Schmidt: Was ist denn ein Sozialunternehmen für Sie?

Sauerhammer: Ich glaube, am besten kann man es vergleichen mit der Sada-Bewegung, die im wirtschaftlichen Bereich eben den Fortschritt nutzt, um Lösungen besser zu machen, und soziale Unternehmer sehen eben große gesellschaftliche Herausforderungen – also Ihr Unternehmen ist ein Beispiel – und versuchen dann, pragmatische, innovative Lösungen zu finden, um diese Herausforderung nachhaltig und langfristig zu lösen.

Schmidt: Wie, würden Sie sagen, unterscheidet sich das denn vom klassischen Ehrenamt?

Sauerhammer: Also das Wichtige, Ehrenamt ist total gut, aber wenn wir Lösungen machen wollen, die, sag ich mal, nachhaltig wirken, die wirklich an den Ursachen angreifen, dann brauchen wir auch hauptamtliche Akteure, wir brauchen Strukturen dahinter, die funktionieren, die langfristig finanziert werden, die sich irgendwann idealerweise selbst tragen. Ich würde sagen, es ist eine Professionalisierung vom Ehrenamt.

Über Qualifizierungsmaßnahmen, über Vernetzung

Schmidt: Jetzt wissen Sie und ich auch allzu gut, dass das Sozialunternehmertum noch nicht so angekommen ist in der Gesellschaft, es kennen gar nicht so viele. Wieso gibt es denn SEND e.V.? Vielleicht erklären Sie noch mal ganz kurz, was Sie da tun!

Sauerhammer: Eigentlich die Herausforderung, dass Sozialunternehmerinnen und Sozialunternehmer in Deutschland … ist der Grund gewesen, warum wir SEND e.V. ins Leben gerufen haben. Da gibt es eine Studie, die global untersucht hat, was die besten Länder für Social Entrepreneurs sind. Insgesamt landet da Deutschland auf Platz 12 beim Punkt Unterstützung durch die Politik der jeweiligen Regierungen, aber auf Platz 34 zwischen Griechenland und Mexiko. Und ich denke, gerade für ein Land, das die soziale Marktwirtschaft geprägt hat, eine starke Wohlfahrt aufgebaut hat, den Sozialstaat insgesamt aufgebaut hat, sollten wir da eher eine Vorreiterrolle einnehmen, wenn es drum geht, den Kerngedanken der sozialen Marktwirtschaft in digitales globalisiertes Zeitalter zu tragen. Und wir haben eben sehr, sehr viele gute soziale Unternehmer, das Problem ist ja, dass die momentan eher von den öffentlichen Finanzierungsinstrumenten behindert werden als wie gefördert werden, und das wollen wir ändern: auf der einen Seite, dass wir auf die Politik einwirken, auf der anderen Seite, dass wir eben selbst dran arbeiten, den Sektor weiter zu professionalisieren – über Qualifizierungsmaßnahmen, über Vernetzung.

Schmidt: Okay, das heißt, eins der Hauptprobleme ist vor allem die Finanzierung, wie ich das raushöre. Wieso ist das so?

Sauerhammer: Für die Lösung unserer gesellschaftlichen Herausforderungen sagt man oft, da ist der Staat dafür verantwortlich oder das macht doch die Wohlfahrt, das heißt, wir bezahlen Steuern, damit die Aufgaben gelöst werden, und viele der Sozialunternehmer wirken in Bereichen, wo es momentan Versorgungslücken gibt oder wo man vielleicht Dinge besser lösen könnte. Das heißt, hier müsste eigentlich eine engere Zusammenarbeit zwischen Staat, zwischen Wohlfahrt, Städten, Kommunen mit den Sozialunternehmern bestehen und dass da Finanzierungsinstrumente, die momentan nur für die klassischen Akteure offen sind, auch für die Sozialunternehmer gelten. Ein gutes Beispiel sieht man bei technologischen Start-ups, da hat man das erkannt, dass Innovation, wirkliche Innovation meist außerhalb etablierter Strukturen entsteht, und da hat ja der Bund jetzt einen Fonds aufgesetzt, der in den nächsten zehn Jahren zwei Milliarden Euro in Technologie-Start-ups investieren soll. Wir bräuchten eigentlich auch so ein Chancenkapital für soziale Innovationen, und das gibt es momentan noch gar nicht.

Schmidt: Was gibt es sonst noch so für Möglichkeiten, vielleicht ganz kurz für die Hörer, vor allem sich zu finanzieren als Sozialunternehmer?

Sauerhammer: Viele machen das am Anfang entweder über Crowdfunding, Stiftungsfinanzierung, es gibt viele Wettbewerbe, die in dem Bereich stattfinden. Das ist dann oft gut für die Anschubfinanzierung, für die erste Phase, aber wichtig ist es, also gerade wenn Lösungen sehr, sehr gut, dann brauche ich danach auch Kapital, um das Ganze weiter voranzutreiben, und im Endeffekt eine Wachstumsfinanzierung für das soziale Unternehmen.

Innovationen intensiver angehen

Schmidt: Was ist denn in Ihren Augen die Voraussetzung, damit es noch mehr soziale Unternehmer gibt, jetzt abgesehen von dem finanziellen Aspekt?

Sauerhammer: Jetzt die neue Koalition hat einen guten Aufschlag mit dem Koalitionsvertrag gemacht, das heißt, da steht schon drin, dass man Social Entrepreneurship fördern möchte, soziale Innovationen insgesamt intensiver angehen möchte, das heißt, da ist eine gute Basis da. Und die wichtigsten Schritte sind, glaube ich, auf der einen Seite, dass sich die Politik noch mal koordiniert, dass man sagt, okay, da ist irgendwo eine Anlaufstelle, wo soziale Unternehmer hingehen können und die vielleicht insgesamt, ich nenne es mal soziale Innovationsstrategie gemeinsam mit den Sozialunternehmern aufbauen und den anderen Akteuren aus diesen Bereichen. Die größten Herausforderungen für den Sektor sind aktuell Finanzierungen, Sichtbarkeit, Einstiegshürden für soziale Unternehmer, also gerade die Gründungsprozesse sind noch viel, viel komplexer als wie bei klassischen Gründungen, und gute Talente für den Sektor zu begeistern.

Schmidt: Nun ist es ja so ein bisschen so, wenn man sich dazu entschließt, den Schritt zu tun, ein Sozialunternehmen zu gründen, dann gehört da erst mal ganz viel Mut zu, weil man muss gegebenenfalls seinen Job aufgeben, das heißt, man steht erst mal irgendwie mit leeren Händen da und arbeitet vermutlich die ersten Monate ehrenamtlich. In der klassischen Wirtschaft würden da dann ja zum Beispiel Investoren eingreifen. Was würden Sie sagen, wieso passiert das nicht bei Sozialunternehmen oder zumindest nicht in großem Maße?

Sauerhammer: Also das sind viele verschiedene Herausforderungen. Was wir noch nicht thematisiert haben, ist das Thema Rechtsform zum Beispiel. Viele Sozialunternehmer sind zwischen einer gemeinnützigen Organisationen und einem wirtschaftlichen Betrieb, weil sie versuchen, über ein eigenes Geschäftsmodell tragfähig zu werden. Da gibt es bei uns momentan noch keine Rechtsform. Das Gemeinnützigkeitsrecht hat das Thema soziale Innovationen noch überhaupt nicht berücksichtigt, das heißt, eigentlich müsste man auch dieses Gemeinnützigkeitsrecht weiterentwickeln. Und ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, was an Hürden alles da ist. Ich hatte vorhin schon diese Statistik erwähnt – wir haben an allen Ecken Herausforderungen. Momentan ist es so, dass Sozialunternehmer bei dem Gründungsprozess, wie ich das anmelde, wie ich den Start finanziere, wie ich dann die weiteren Wachstumsphasen finanziere, da gibt es momentan keine einheitliche Strategie jetzt im Vergleich zu den Start-ups, wo man wirklich mittlerweile viele Instrumente geschaffen hat, und von daher ist es eine große Herausforderung. Und ganz wichtig ist, am Anfang gehört Herzblut dazu, aber da müssen wir halt gemeinsam schauen, wie wir das für den Sektor verbessern können und da einfach weiter vorankommen.

Finanzierungsinstrumente fehlen an allen Ecken

Schmidt: Ja, um das ganz kurz vielleicht auch noch mal zu erklären: Man ist ja oft als soziales Projekt auch auf Spenden angewiesen oder möchte gerne Spenden erhalten können, und das kann man in Deutschland eben nur, wenn man gemeinnützig ist. Und allein diese Gemeinnützigkeit zu bekommen, war bei uns zum Beispiel auch ein Riesenproblem, weil wir eben ein digitales Projekt sind und da die Vorgaben gar nicht so weit gedacht sind. Also da dreht es sich vor allem um kirchliche Institutionen im Moment, und das ist definitiv ein großes Problem, das haben wir auch gesehen.

Sauerhammer: Und ich glaube, da müssen wir ganz dringend dran arbeiten, weil wir verdammt viele junge Talente haben, auch Young Professionals, die gerne in den Sektor übergehen würden, aber halt momentan in erster Linie das nur können, wenn sie privat schon genug aufgebaut haben, dass sie eben am Anfang das Ganze ehrenamtlich ohne Entlohnung machen, weil da einfach Finanzierungsinstrumente an allen Ecken fehlen.

Schmidt: Genau. Und wie so eine Erfolgsgeschichte aussehen kann, sehen wir gleich mit Tobias Ernst im zweiten Gespräch.

Ja, wir sprechen heute über Sozialunternehmertum, und mit mir ist immer noch Markus Sauerhammer von der Initiative SEND e.V., mit dem wir sprechen, und dazugekommen ist jetzt Tobias Ernst, Geschäftsführer des Sozialunternehmens Kiron. Schön, dass Sie beide noch da sind und jetzt wieder da sind. Vor vier Jahren hat sich Kiron gegründet, zu einem Zeitpunkt, wo die Flüchtlingsdebatte hoch im Kurs stand. Herr Ernst, vielleicht können Sie uns ganz kurz erklären, was macht Kiron und wo stehen Sie jetzt im Vergleich zu damals?

Tobias Ernst: Guten Tag, Frau Schmidt! Kiron ist ein Sozialunternehmen, das geflüchteten Menschen und auch Menschen auf der Flucht helfen möchte, Bildungsbarrieren, Bildungshürden zu überwinden und insbesondere einen Zugang zu höherer Bildung zu gewinnen. Das fängt mit der Vermittlung von Orientierungswissen an, also zum Beispiel das deutsche Bildungs- und Hochschulsystem ansatzweise zu verstehen, geht dann weiter über Sprachförderung und endet dann aber eben auch mit Studienvorbereitung und tatsächlich auch der Durchführung von Studienmodulen, die später dann von anderen Hochschulen als Studienleistung auch formell angerechnet, anerkannt werden können. Und insofern sind wir jetzt gerade dabei quasi, mit unseren Studenten auch sozusagen zu altern, am Anfang wie gesagt die Studenten zu begleiten, zu beraten, später dann eben auch ihnen die Sprachförder- und Studienmöglichkeiten zu öffnen und jetzt gerade eben auch den Transfer zu begleiten, das heißt den Übergang aus unseren Modulen, die wir anbieten, tatsächlich hin in ein Präsenz- oder Onlinestudium an unseren verbundenen Partneruniversitäten.

Schmidt: Jetzt haben wir hier viel über Finanzierung geredet – wie finanziert sich Kiron denn, weil die Zielgruppe lassen Sie dafür ja nicht zahlen, oder?

Ernst: Nein, nein, das tun wir nicht. Wir haben glücklicherweise eine relativ ausgewogene Mischfinanzierung. Es gibt Anteile, Spenden von Stiftungen und von Unternehmen auch, also wirklich rein gemeinnützige, zweckfreie Unterstützung unserer Arbeit. Darüber hinaus gibt es auch Kooperationen im Entwicklungshilfekontext, und ganz besonders stark ist unsere Unterstützung durch das BMBF, wo wir halt auch einen Forschungsanteil haben, wie man eben auch solche Bildungshindernisse überwinden kann.

Sprachförderung, Orientierungswissen, Studienberatung

Schmidt: Jetzt nennen Sie zum Beispiel auch Unternehmen als Spender – inwieweit übernehmen denn da eventuell private Akteure eine Funktion, die der Staat nicht übernimmt oder noch nicht übernimmt? Haben Sie da irgendwelche Probleme momentan oder sehen Sie da Probleme generell im Sektor?

Ernst: Ich glaube, man muss immer gucken, ist man gerade mit einer Innovation unterwegs und möchte am Ende des Tages dann auch die Erkenntnisse weitergeben, oder ist man gerade bei einer eigentlich öffentlichen Kernaufgabe, wo am Ende des Tages sowieso klar ist, der Staat ist dafür verantwortlich und er muss das leisten. Und wenn wir eher über Pilotphasen und Innovation sprechen, dann braucht es eben Stiftungen und Unternehmen, die sagen, wir unterstützen das jetzt einmal, dass das auch gemacht wird, dass man da etwas entwickelt. Und je man sozusagen in den Regelverantwortlichkeiten und öffentlichen Aufgaben drin ist, desto eher kann der Staat dann auch langfristig unterstützen. Insofern muss man auch einfach sich selbst da klar verorten, und jetzt für Kiron gesprochen, gibt es halt sehr viel, was wir tun, was wirklich öffentliche Aufgabe ist: Sprachförderung, Orientierungswissen, also auch Beratung, Studienberatung und dann eben auch die entsprechenden Bildungsmöglichkeiten anzubieten, sodass wir da eben durchaus auch die öffentliche Aufgabe sehen, solche Dinge auch mittel- bis langfristig zu unterstützen.

Schmidt: Wie viele Studierende unterstützen Sie denn momentan oder wie viele haben Sie im Laufe der letzten vier Jahre unterstützen können?

Ernst: Insgesamt hatten wir ungefähr 5.000 Studenten, und derzeit haben wir gut 3.000 Studenten.

Schmidt: Ja, herzlichen Glückwunsch dafür, das ist auf jeden Fall eine Riesenaufgabe, die Sie da leisten so erfolgreich, das ist schön zu hören, besonders in der Flüchtlingsthematik.

Ernst: Vielen Dank für die lobenden Worte, die ich natürlich auch sehr gerne höre und auch sehr gerne an das Team dann später weitergeben werde. Wir sehen natürlich auch sehr viel Probleme auf dem Weg und in der Zukunft, und nachhaltig wäre vielleicht auch noch etwas ganz anderes, aber natürlich haben Sie recht, wir konnten in den letzten Jahren durchaus einiges zum Positiven wenden und erreichen. Ganz konkret würde ich sagen, es gibt drei Dinge, die man da vielleicht in den Blick nehmen muss und wo man dann auch vertiefen kann: Das Erste, um mal mit dem anzufangen, mit dem man sonst gerne endet, ist Glück. Glück braucht man auch auf jeden Fall, um ein bisschen und auch ein bisschen mehr erfolgreich zu sein. Das Zweite, was immer gebraucht wird, ist natürlich harte Arbeit, und davon auch nicht zu wenig, und ein entsprechend motiviertes Team. Und das Dritte, was ich ein bisschen betonen möchte, ist: Es braucht natürlich auch die richtige Idee zur richtigen Zeit. Also insofern hilft es einem Sozialunternehmer immer, wenn er eine Idee oder eine Lösung hat zu einem Problem, das eine gewisse Aufmerksamkeit erfährt.

Flüchtlingshilfe und Bildungsgerechtigkeit

Schmidt: Nun spielt es ja besonders bei der Flüchtlingsthematik eine riesige Rolle, dieses "wann fängt man eigentlich an", und es gab ja einen Zeitpunkt, wo die mediale Aufmerksamkeit riesig war, und da hat Kiron natürlich auch angefangen. Glauben Sie, das hat auch eine große Rolle gespielt für den Erfolg und vor allem auch für die Möglichkeiten zur Finanzierung Ihres Projekts?

Ernst: Ja, das war auf jeden Fall so, zumal wir eben auch noch verschiedene Dinge kombinieren und neben der Flüchtlingshilfe eben auch das Thema Bildungsgerechtigkeit mit adressieren – wir wollen ja Bildungsbarrieren abbauen –, und nicht zuletzt sind wir eben auch ein soziales Technologieunternehmen, also wirklich mit einem starken Fokus auf Digitalisierung. Und in der Kombination von Bildungschancen, insbesondere für geflüchtete Menschen oder sogar Menschen noch auf der Flucht, und Technologie-Start-up war das schon, muss man ehrlich sagen, auch eine gute Geschichte.

Schmidt: Nun muss man ja auch sagen, und das thematisiere ich jetzt einfach ganz offen, die Förderbereitschaft für Flüchtlingsprojekte nimmt einfach rapide ab. Das erleben wir ganz stark und das hab ich auch aus meinem Umfeld anderer Flüchtlingsprojekte gehört. Wie kann man das vielleicht erklären, vielleicht an Sie beide, wieso fällt es anderen Projekten denn so schwer, Förderung zu bekommen, und wie passiert das eigentlich, dass Leute anfangen, auf einmal für ein Thema ganz viel fördern zu wollen und dann plötzlich nicht mehr?

Ernst: Vielleicht setze ich einfach mal fort oder fange an an der Stelle, auch jetzt schon mit einem längeren Blick auf den sozialen Sektor: Es gibt einfach Tendenzen. Nach PISA war das Thema schulische Bildung und Bildungsungerechtigkeit dort sehr en vogue sozusagen, derzeit nehme ich war, dass die Themen Europa und Demokratieförderung stark an Bedeutung gewinnen, alles wichtige Themen, find ich alles gut und richtig, aber natürlich kann man auch jeden öffentlichen Euro sozusagen immer nur einmal ausgeben.

Öffentliche Institutionen und Wohlfahrt noch sehr verschlossen

Sauerhammer: Da würde ich vielleicht noch ergänzen, insgesamt sollten wir, glaube ich, mehr darüber nachdenken, wie wir insgesamt Innovation und Fortschritt dann einfach für die Lösung unserer sozialen gesellschaftlichen Herausforderungen nutzen. Momentan ist es so, dass da sowohl die öffentlichen Institutionen als auch Wohlfahrt noch sehr verschlossen sind – das ändert sich jetzt gerade, vor allem bei der Wohlfahrt, aber dass man da mehr zusammenarbeitet an Lösung. Und ich glaube, dass man dann gemeinsam auch eine nachhaltige Finanzierungsstrategie hinbekommt, weil wenn wir uns jetzt einen klassischen öffentlichen Bereich oder auch die Wohlfahrt anschauen, dann ist das ja trotzdem so, dass das über unsere Steuergelder finanziert wird, und wir sollten ja drauf schauen, dass unsere Steuergelder möglichst wirkungsorientiert eingesetzt werden und wir da die Wirkung verbessern können. Und da brauchen wir auf jeden Fall noch Veränderungen an den Rahmenbedingungen, dass es eben nicht nur, wenn eine Krise hochkocht und dann die öffentliche Aufmerksamkeit da ist, dass man dann an Lösungen arbeitet, sondern idealerweise vorher schon an Lösungen in einzelnen Bereichen arbeitet, und da haben wir momentan eine ganz, ganz große Lücke. Ich kenne jetzt wieder zwei Sozialunternehmen, die eine sehr, sehr gute Wirkung mit ihrem Projekt erzeugen, aber die beide keine Anschlussfinanzierung bekommen. Und da passiert es ganz oft, dass dann solche Initiativen am Anfang oder Social Entrepreneurs das dann wieder einstellen und kurz danach die Nächsten kommen, und das ist einfach eine extreme Ressourcenverschwendung. Da könnten wir viel schneller vorwärtskommen und vor allem Fortschritt dafür einsetzen, dass die Gesellschaft als Ganzes davon profitiert.

Ernst: Das würde ich gerne, wenn ich darf, kurz unterstützen und ergänzen. Ich glaube wirklich, der Flaschenhals ist gar nicht mal so sehr die ganz erste Phase. Es gibt dann doch schon vergleichsweise viele Stiftungen und manchmal auch über Crowdfunding, die dann wirklich den Start ermöglichen, die ersten sechs bis zwölf Monate, das, finde ich, gelingt relativ viel, wobei man natürlich auch nur die sieht, denen es gelingt. Ich sehe den ganz besonderen Flaschenhals genau an der Stelle, dass es uns nicht gelingt, die Innovation, die da ist, und auch die Motivation teilweise von Ehrenamtlern und so weiter in nachhaltige Strukturen zu überführen, also quasi in Zusammenarbeit mit öffentlichen Stellen, in Zusammenarbeit mit Wohlfahrt und sonstigen Akteuren, auch teilweise privaten Unternehmen, da dann auch intersektorale Kooperationen zu entwickeln, die wirklich auch Strukturen schaffen, die nachhaltig sind. Also diese Schritte zwei bis drei, da sehe ich den größten Flaschenhals.

Motivierte Mitarbeiter und Ehrenamtliche

Schmidt: Ganz kurz noch mal: Sie bieten ja Bildung für Geflüchtete an und leiten diese dann auch weiter an Universitäten. Glauben Sie, da haben wir als Sektor sozusagen einen Vorteil gegenüber den staatlichen Einrichtungen?

Ernst: Ja, zum einen, weil wir ein bisschen beweglicher sind (auch sein müssen). Also wir können schon schneller Dinge an den Start bringen als andere meistens, und wir kriegen auch dann teilweise die Leute, die das können und wollen. Wir haben einfach sehr viele motivierte Mitarbeiter und Ehrenamtliche, die wirklich sofort was machen wollen, die dann auch sehr, sehr motiviert sind und sozusagen auch belastbar in dem Moment. Dadurch können wir schon in kurzer Frist auch Veränderungen vornehmen, Lösungen anbieten, die ansonsten vielleicht länger dauern würden, aber natürlich ist das dann oftmals auch noch nicht in dem Sinne nachhaltig, dass die Regelstrukturen, die es ja auch gibt, sich verändern. Und insofern ist genau das die Frage: Wie kriegt man die Innovation entweder skaliert und nachhaltig dann aufgesetzt, oder wie kriegt man sie auch transferiert in die Regelstrukturen oder auch im Sinne einer Kooperation? Und das ist das, wofür meistens auch zu wenig Zeit, auch zu wenig Geld, aber letztlich auch teilweise zu wenig Zeit da ist, manchmal auch zu wenig Bereitschaft. Aber summa summarum würde ich sagen öffnet sich da gerade sehr viel. Die verschiedenen Sektoren, die es da gibt, bewegen sich aufeinander zu, haben mehr und mehr Kontaktflächen, und ich bin da ehrlich gesagt für die Zukunft bei allem Handlungsbedarf trotzdem auch vergleichsweise optimistisch.

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