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Seit 06:00 Uhr Nachrichten
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSocial Web - Ende der Privatsphäre19.01.2012

Social Web - Ende der Privatsphäre

Die Forschungsprojekte "Sozialisation im Social Web" und "Internet Privacy"

Allein bei Facebook sind weltweit etwa 800 Millionen Menschen registriert. Die rasante Entwicklung der Netzwerke hat eine neue Diskussion über den Umgang mit privaten Daten anstoßen. Kritiker fordern einen größeren Schutz der Privatsphäre, andere wollen alles öffentlich machen. Wissenschaftler versuchen, die wichtigsten Tendenzen zu klären.

Von Ingeborg Breuer

Klick in die Privatsphäre von Millionen Usern. (picture alliance / dpa)
Klick in die Privatsphäre von Millionen Usern. (picture alliance / dpa)
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Privatsphäre 2.0
Abgesang auf die sozialen Netzwerke

"Ich nehm' jetzt nicht jede Freundschaftangrage an, weil ich denke, 'n Freund mehr. … Viele Leute in meinem Alter haben viele Freunde. 600 ist ja schon viel, die meisten haben so 400."

Milena, 18 Jahre, Gymnasiastin. 640 Freunde hat sie bei Facebook.

"Ich füg auch viele hinzu, die ich beim Feiern kennen gelernt habe. Denn man kann die über Facebook auch besser kennenlernen, wenn man sich anguckt, ob der oder die einem gefällt. "

Facebook. Über 20 Millionen Deutsche sind mittlerweile bei dem sozialen Netzwerk regist-riert, ca. 800 Millionen Menschen weltweit. Tendenz: steigend. Im Mittelpunkt von
Facebook steht "Privacy", die Privatsphäre seiner Mitglieder. Name, Alter, Homo oder Hetero, Single oder liiert, Hobbys, politische Haltung, Fotos vom letzten Urlaub, der letzten Party, Lieblingsfilme. Vieles geben die Nutzer bereitwillig preis, um unzählige Freunde über die eigene Befindlichkeit auf dem Laufenden zu halten. Als Mitarbeiter an dem Forschungsprojekt "Sozialisation im Social Web" untersuchte Dr. Leonard Reinecke, Psychologe an der Universität Mannheim, was Menschen antreibt, Privates im Netz zu veröffentlichen.

"Das wichtigste menschliche Grundbedürfnis ist sicher das nach sozialem Austausch. Für viele Menschen ist es sehr reizvoll, ihre Freunde einfach an ihrem sozialen Leben
teilhaben zu lassen und ihre persönlichen Erfahrungen oder Lebensgeschichten zu teilen und somit mit Menschen in Kontakt zu bleiben."

Keineswegs wird beim Erstellen des eigenen Profils die eigene Person idealisiert, fand Leo-nard Reinecke heraus. Denn schließlich richtet man sich ja an Freunde, möchte möglichst natürlich rüberkommen. Authentizität ist gefragt. Allerdings mit einer Einschränkung:

"Es ist schon so, dass man eher positiv aus dem eigenen Leben berichtet und weniger auf Probleme eingeht, die einen gerade umtreiben. Das wird auch weniger belohnt in den sozialen Netzwerken. Man kann erkennen, dass Nutzer auf positive Kommentare auch mehr positive Rückmeldungen bekommen."

60% der Nutzer berichten, dass ihr Foto ungefragt online gestellt wurde, 10% wurden schon aggressive Nachrichten auf ihrem Profil hinterlassen. Aber

"So richtig schwerwiegende Konflikte sind den meisten Nutzern … bisher erspart ge-blieben und deshalb ist auch die subjektive Risikoeinschätzung sehr moderat."

"Privacy" ist aber zugleich das 'Kapital', mit dem Facebook arbeitet. Denn Facebook
verkauft die persönlichen Daten seiner Mitglieder an die Werbewirtschaft, damit die Nutzer passgenau mit Werbung versorgt werden. Dr. Theo Röhle, Medienwissenschaftler an der Universität Paderborn, ist Mitherausgeber des Buchs "Generation Facebook":

"Das Problem ist nicht, dass sich da Leute austauschen, sondern dass 'ne Hintertür ein-gebaut wird, wo kommerzielle Akteure zum ersten Mal überhaupt die Möglichkeit kriegen, diese Riesenebene von Klatsch und Tratsch mitzuhören und auszuwerten, wann bestimmte Markennamen genannt werden, was für Gruppen sich bilden, die zu bestimmten Themen äußern und diese ganze soziale Dynamik mitzuschneiden und auszuwerten."

Auf 100 Milliarden Dollar wird der Wert von Facebook geschätzt. Und das Unternehmen, das im Frühjahr an die Börse will, arbeitet an der totalen Transparenz seiner User, um sie noch besser zu verkaufen. Dauerhafte Datenspeicherung, "Gefällt mir"-Button, die neue Funktion "Lifetime" – die Lebenschronik –, Gesichtskennung; für Datenschützer ist Face-book schon lange ein Alptraum. "Raus aus Facebook" fordern deshalb Kritiker der "Daten-krake", wenn auch bislang nicht wirklich erfolgreich.

"Generell ist es eine Gefahr, wenn solche riesigen Datenvorkommen überhaupt gespeichert werden. Und solange das ökonomisch für so ein Unternehmen gut läuft, muss man sich noch nicht die Sorgen machen. Aber dahinter ist die Frage: Was ist wenn das mal kippt? Wenn das in andere Hände gerät? Was ist, wenn dieses Unternehmen unter Druck gerät und dann plötzlich diese Daten zu anderen Zwecken gebrauchen kann ?"

Zurückhaltend in seiner Kritik bleibt vorerst Professor Johannes Buchmann, Informatiker an der Universität Darmstadt und Leiter des gerade begonnenen Forschungsprojekts "Internet Privacy". Was genau ist so gefährlich daran, wenn Facebook Daten gesammelt werden, will Buchmann in seinem Projekt zunächst untersuchen.

"Dass Daten gesammelt werden, bedeutet ja noch nichts. Das ist immer schon passiert. Wenn Sie hier sitzen und eine Tasse Tee getrunken haben, habe ich Ihren Fingerabdruck. Wenn Sie hier sitzen und ein kleines bisschen feucht reden, und spucken auf den Tisch, hab ich Ihre genetischen Daten. D.h., es gibt 'ne Menge Sachen, die ich machen kann, das ist aber nicht der Punkt. Der Punkt ist die Frage, worin besteht das Risiko und das differenziert anzusehen….""

Klar ist jedenfalls, dass sich die Frage nach dem, was schützenswert am Privaten ist, neu stellt. Ohnehin habe sich der gesellschaftliche Umgang mit privaten Informationen ge-wandelt, darauf weist Leonard Reinecke hin.

""Wenn man daran zurückdenkt, welche Informationen aus dem Sexual- oder Privatleben vor 50 Jahren noch als absolut intim gegolten haben, dann sehen wir, dass auch ohne soziale Netzwerke die Standards sich verschieben in der Gesellschaft: Es kann sein, dass sich Facebook und Co sozusagen als Katalysatoren dieser Prozesse erweisen werden, dadurch, dass das Preisgeben privater Informationen durch das Aufbauen neuer Kontakte belohnt wird im Zeitverlauf, dass die Bereitschaft zum Offenbaren dieser privaten In-formationen steigt."

"Post-Privacy" lautet das modische Wort, mit dem eine Gruppe von Netzaktivisten namens "datenschutzkritische Spackeria" das Ende der Privatsphäre sogar offensiv begrüßt. Sie propagiert das uneingeschränkte Teilen auch persönlichster Daten im öffentlichen Raum des Internets. Zudem seien in einer Gesellschaft, die keine Lebensform mehr diskriminiere, Privatsphäre wie auch Datenschutz ohnehin überflüssig. Theo Röhle allerdings hält solche Thesen für naiv, da sie verkennen, dass im Netz, das alle Menschen transparent macht, noch lange nicht alle Menschen gleich sind. Theo Röhle:

"Dahinter steht die Vorstellung wenn es so was wie 'ne völlig transparente Gesellschaft gäbe, dann können wir auch das alles nachvollziehen, was die tun, die an der Macht sind. Aber das löst die Machtstrategien nicht auf. Sondern die Postprivacy-Ideologie nutzt immer bestimmten Leuten und insbesondere kommerziellen Akteuren, weil … die andere Möglichkeiten haben als die einzelnen Personen, die ihre Daten zur Verfügung stellen."

Auch Johannes Buchmann geht davon aus, dass es weiterhin Gesetze geben muss, um die Privatsphäre zu schützen. Allerdings müssen diese der globalen Struktur des heutigen In-formationsflusses gerecht werden. Ein nicht immer einfaches Unterfangen.

"Die deutschen Gesetze gelten in Deutschland, aber sie gelten nicht auf den Kaiman Inseln oder wo man gerade ist. Das ist Punkt Nummer eins, eine Herausforderung an die
Weltgemeinschaft. Auf der anderen Seite soll man nicht unterschätzen, was es auch schon für Gesetze gibt, die auch ihre Anwendung finden können. Nehmen wir man das Beispiel üble Nachrede bei Facebook. Das dürfen Sie nicht, das dürften Sie auch heute schon nicht, da brauchen Sie kein neues Gesetz."

Zudem aber, so Johannes Buchmann, müsse sich eine "Kultur der Privatsphäre und des Vertrauens" im Internet entwickeln, eine Kompetenz, mit den eigenen und fremden Daten adäquat umzugehen.

"Was meinen wir mit Kultur? Wir meinen damit einerseits Regeln, die gesetzlich existieren. Aber auch Regeln in den Köpfen der Menschen, an die sie sich halten, um das Internet zu nutzen. Medienentwicklungen haben immer dramatische Folgen gehabt, aber die Menschen waren klug genug, da bin ich Optimist, Kulturen zu entwickeln, die das Positive darin unterstützt."

Möglicherweise, meint Leonard Reinecke, entwickele sich aber mit einer neuen
Medienkompetenz ebenso ein Widerstand gegen die augenblickliche Form der Daten-plünderung:

"Wenn die sozialen Probleme, die sich aus der Veröffentlichung von Privatem ergeben, dass es auch 'ne Gegenbewegung geben kann, so 'ne Privatsphäre 2.0., 'ne steigende Medienkompetenz und kritische Reflexion dessen, was in diesem Bereich eigentlich passiert."

Und vielleicht bilden sich in Zukunft ja auch neue, unkommerzielle
Kommunikationsplattformen. Vielversprechend erscheint Theo Röhle zum Beispiel das jetzt schon bestehende Netzwerk "Diaspora", das durch Spenden finanziert wird. Bislang hat Diaspora allerdings gerade einmal ca. 357.000 Nutzer, verschwindend wenig zu den 800 Millionen von Facebook. Und trotzdem - es wäre nicht das erste Mal, dass User ein soziales Netzwerk zu Fall bringen, indem sie einfach – "umziehen". SchülerVZ und StudiVZ waren vor ein paar Jahren die bedeutendsten sozialen Plattformen für junge Leute. Und heute? Milena, 18 Jahre:
"Die meisten haben ihr SchülerVZprofil gelöscht und sind nur noch auf Facebook unterwegs. Und ich muss sagen, ich bin auch kaum bei Schüler VZ, ich guck' vielleicht einmal im Jahr, was da los ist. Aber es ist eigentlich weg vom Fenster."

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