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StartseiteEine WeltSoja-Monokultur und Biovielfalt in Argentinien24.05.2008

Soja-Monokultur und Biovielfalt in Argentinien

Die tropischen Regenwälder sind die üppigst ausgestatten Schatzkammern der Natur. Doch jedes Jahr werden über 100.000 Quadratkilometer gerodet, um Acker- und Weideland zu schaffen. Wo einst üppiges Grün wuchert, machen sich jetzt vielerorts riesige Sojafelder breit. Auch in Argentinien erreichen die Felder oft eine Größe von mehr als 1000 Hektar.

Von Victoria Eglau

Frische Sojabohnen (Stock.XCHNG / luis rock)
Frische Sojabohnen (Stock.XCHNG / luis rock)

"Im vergangenen Dezember wurde hier Soja ausgesät, zum ersten Mal. Wo früher Baumwolle angebaut wurde, wird nun immer öfter Soja gesät. Aber die meisten Soja-Felder befinden sich dort, wo einmal Wälder waren. Unsere Wälder werden platt gemacht, es wird alles rausgerissen und Soja gesät."

Luís Sajben steht vor dem endlosen Grün eines Soja-Feldes in der nordost-argentinischen Provinz Chaco. Er selbst ist Campesino, Kleinstbauer, und bewirtschaftet zweihundert Hektar: Baumwolle, Sonnenblumen, ein bisschen Viehzucht. Gegen den Soja-Anbau, für den im Norden und Nordosten Argentiniens in großem Stil Wälder gerodet werden, versucht er sich mit anderen Bauern aus dem Umkreis des Dorfes Tres Isletas zu wehren.

"Für uns ist der Wald sehr wichtig. Tausende von Familien haben in dieser Gegend vom Wald gelebt. Rundholz, Gerbsäure, Kohle, Brennholz, Holzpfähle - all das gab der Wald her. Jetzt leben hier in der Nähe kaum noch Leute, denn in dieser Gegend sind kaum noch Wälder übrig. "

Chaco, eine der ärmsten Provinzen Argentiniens, war vor siebzig Jahren noch zu fast drei Vierteln von Wald bedeckt - heute ist es weniger als die Hälfte.

Hier stand bis vor kurzem noch ein Wald, sagt Hernán Giardini von Greenpeace Argentinien und zeigt auf ein frisch abgeholztes Grundstück im Chaco. An einigen Stellen flackern kleine Feuer, mit denen zurückgebliebene Baumstümpfe verbrannt werden. An den Rändern des Grundstücks sind schmale Waldstreifen stehen geblieben. Hernán Giardini leitet bei Greenpeace in Buenos Aires die Kampagne gegen die Waldrodung:

"Wir verlieren in Argentinien fast 300-tausend Hektar Wald pro Jahr, und wir haben nur noch 31 Millionen Hektar. In Argentinien werden schätzungsweise fünf Mal so viele Wälder abgeholzt wie im internationalen Durchschnitt. In den letzten neun Jahren sind hier zwei ein halb Millionen Hektar Wald verschwunden - vor allem wegen des Soja-Anbaus. Das führt zum Verlust der reichen Artenvielfalt in den Wäldern. In den Wäldern sind fünfzig Prozent der Biodiversität Argentiniens konzentriert - und alle zwei Minuten wird ein Hektar Wald vernichtet."

Der Boom des grünen Goldes Soja hat in Argentinien vor zwölf Jahren begonnen - zunächst in der Pampa, der traditionellen Landwirtschaftsregion des Landes. Angesichts der großen Nachfrage, vor allem aus Asien und Europa, und der hohen Weltmarktpreise ist der Anbau von gentechnisch verändertem Soja im Direktsaatverfahren längst zur rentabelsten Tätigkeit für die meisten argentinischen Landwirte geworden. Die Anbau-Fläche wächst und wächst - zu Lasten anderer Getreidesorten, der Viehzucht - und der Wälder. Aus der Pampa haben sich die Soja-Plantagen in den Norden und Nordosten des Landes vorgeschoben, denn das Direktsaat-Verfahren lässt Soja auch in trockeneren Regionen wachsen. Walter Pengue von der Forschungsgruppe für Landschaftsökologie und Umwelt der Universität Buenos Aires:

"Das Technologiepaket Gensoja - Direktsaat hat den Prozess der Ausdehnung des Sojaanbaus aus der Pampa in andere Ökoregionen erleichtert. Deren Umwelt ist heute in Gefahr. Wegen der Jagd auf Land für die Soja-Produktion wird die Artenvielfalt beeinträchtigt, Flora und Fauna werden in Mitleidenschaft gezogen. Und viele Kleinbauern werden verdrängt, genauso wie die Urbevölkerung, die in den Wäldern der Provinz Chaco lebt. "

Der Campesino Luís Sajben und sein Nachbar Osvaldo Maldonado gehören zu den wenigen Bauern aus der Gegend um Tres Isletas, die sich noch nicht dem Druck der Soja-Großproduzenten gebeugt und ihr Land verkauft haben. Lebend bekommt man mich hier nicht weg, sagt Osvaldo Maldonado, der nicht nur viele Kaufangebote, sondern auch Drohungen bekommen hat. Mit seiner Familie lebt Maldonado in einer ärmlichen Behausung, die Kinder laufen barfuß und in zerrissener Kleidung durch den Staub. Die Sonne brennt sengend vom Himmel und nur wenige Bäume spenden Schatten. Das Leben ist hart für einen Campesino im Chaco, und der Gensoja-Anbau macht es noch härter. Osvaldo Maldonado klagt über Probleme, die er dem Verlust der Wälder und dem Einsatz von Herbiziden auf den nahen Soja-Feldern zuschreibt.

"Das Klima hat sich total verändert, seit unsere Wälder nicht mehr da sind! Mal regnet es zu viel, mal zu wenig. Wenn es heiß ist, ist es viel zu heiß. Und wenn es kalt ist, viel zu kalt. Es gibt keine Bienen mehr, früher haben wir Honig gemacht. Mit dem Wasser ist es schrecklich. Um sauberes Wasser zu haben, müssen wir 25 Meter in die Tiefe graben, früher reichten zehn Meter. Von unseren Wäldern blieb nur Rauch und Asche übrig. Und es gibt keine Vögel mehr, keine Tauben und kein Huasuncho, das ist eine Art Zicklein, das im Wald zuhause ist. Davon haben wir früher gelebt, wir haben ein Huasuncho erlegt und hatten Fleisch. "

Auch Hernán Giardini von Greenpeace Argentinien prangert vor allem das Verschwinden verschiedener Tierarten durch die Rodung der Wälder an:

"In den Wäldern der Provinz Chaco leben vom Aussterben bedrohte Tierarten, wie der Jaguar. Im Chaco gibt es inzwischen nur noch wenige Jaguare. Auch Tiere wie der Tatucareta, eines der größten Gürteltiere der Welt, sind vom Aussterben bedroht. In Gefahr ist auch der Tapir. Weil Waldgebiete verschwinden oder aber zerstückelt werden, verlieren diese Tiere ihre angestammten Gebiete, in denen sie sich entwickeln können. Die meisten dieser Tiere brauchen viele Quadratkilometer Auslauf. "

Dass auch der Einsatz chemischer Unkrautvernichtungsmittel beim Soja-Anbau dazu beiträgt, die Artenvielfalt zu zerstören, bestätigt Walter Pengue von der Forschungsgruppe für Landschaftsökologie und Umwelt der Universität Buenos Aires. Die in Argentinien verwendete sogenannte Roundup-Ready-Sojabohne ist genetisch so manipuliert, dass sie das Spritzmittel Glyphosat überlebt, während alle anderen unerwünschten Wildpflanzen absterben sollen. Walter Pengue:

"Glyphosat hat, wenn es in den Boden eindringt, Auswirkungen auf verschiedene Arten, die für die Bildung von Humus oder organischer Masse wichtig sind. Glyphosat ist ein Herbizid, das praktisch alle Pflanzen vernichtet. Sein Einsatz führt zu einer extremen Verringerung der Vielfalt von Pflanzenarten innerhalb eines Ökosystems. "

Durch den Soja-Anbau hat die Verwendung von Glyphosat in Argentinien explosionsartig zugenommen. Walter Pengue nennt Zahlen: 1990 waren es weniger als eine Million Liter - im vergangenen Jahr seien ganze 180 Millionen Liter Glyphosat in die Umwelt gespritzt worden. Weil manche Wildpflanzen bereits tolerant oder sogar resistent gegenüber Glyphosat geworden sind, werden immer größere Mengen des Mittels gebraucht, und es kommen zunehmend andere, noch giftigere Herbizide zum Einsatz - mit fatalen Folgen für die Artenvielfalt.

Dass dem Campesino Osvaldo Maldonado in der Provinz Chaco die Bienen wegbleiben, erklärt der Agrarökologe Walter Pengue so:

"Der Gensoja-Anbau hat Auswirkungen auf die Bestäuber. Wenn sie an genetisch veränderten Pflanzen saugen, wird scheinbar ihr neurologisches System beeinträchtigt, so dass sie den Heimweg nicht mehr finden. "

Der Verlust von Biodiversität durch die Soja-Monokultur alarmiert die Spezialisten, doch für Kleinstbauern wie Osvaldo Maldonado und Luís Sajben hat er existentielle Folgen. Ohne
die Früchte und Tiere des Waldes werden auch sie vielleicht bald aufgeben - und ihr Land verlassen müssen. Ehemaligen Campesinos bleibt oft nur der Weg in die Armensiedlungen der argentinischen Großstädte.

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