• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 16:35 Uhr Forschung aktuell
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturMangelnde Anerkennung und Ablehnung16.03.2014

Soldaten im EinsatzMangelnde Anerkennung und Ablehnung

Soldaten im Krieg gehören zu den verdrängten Themen. Anerkennung erfahren Soldaten häufig nur, wenn sie in Notfällen im eigenen Land zum Einsatz kommen. Deutschland hat den Umgang mit im Krieg Traumatisierten verlernt. Sabine Würich und Ulrike Scheffer rücken in ihrem Buch "Operation Heimkehr" den Mensch in den Mittelpunkt.

Interview mit Ulrike Scheffer und Sabine Würich

Interview auf der Leipziger Buchmesse am Stand von Deutschlandradio. Zu sehen sind von links nach rechts die Fotografin Sabine Würich, die Journalistin Ulrike Scheffer und "Andruck"-Redakteurin Catrin Stövesand. (Deutschlandfunk)
"Andruck"-Redakteurin C. Stövesand im Interview mit S. Würich und U. Scheffer (Deutschlandfunk)
Weiterführende Information

Ulrike Scheffer; Sabine Würich: Operation Heimkehr. Bundeswehrsoldaten über ihr Leben nach dem Auslandseinsatz, Ch. Links Verlag, 192 Seiten, 24,90 Euro

Mit mehr als 70 Porträts von Soldaten und Soldatinnen, die bei Auslandseinsätzen waren, verdeutlichen sie die Kluft zwischen Gesellschaft und Militär. Die Bundeswehrangehörigen sprechen über mangelnde Anerkennung und Ablehnung. Das Buch wirft Fragen zur künftigen Sicherheitspolitik auf. 

Die Idee zu dem Buch sei bei einem Fotoprojekt über Kriegsversehrte entstanden, erläuterte Sabine Würich im Interview mit "Andruck" auf der Leipziger Buchmesse.

Sabine Würich: Ja, das kam durch ein Vorgängerprojekt, wo ich die Gelegenheit hatte, mit Fotos von Gesichtsversehrten aus dem Zweiten Weltkrieg zu arbeiten. Die sind auf dem Sperrmüll gefunden worden und sind dann ins NS-Dokumentationszentrum getragen worden. Da hat man mich dann angesprochen, weil ich dort auch ein anderes Projekt gemacht habe, ob ich mir die mal ansehen will und da habe ich dann auch festgestellt, dass das noch immer ein Tabu-Thema ist, und hab mich dann darum bemüht, von diesen Gesichtsversehrten-Fotos Ausschnitte zu nehmen, um eher den menschlichen Aspekt zu zeigen und nicht die Wunde, vor der man sich erschreckt und die man nicht sehen will.

Catrin Stövesand: In Deutschland wartet nun mal keine Musikkapelle auf uns" ein sehr eindrücklicher Satz eines Soldaten in Ihrem Buch. Da geht es um fehlende Anerkennung, die ein großes Thema ist für die Soldatinnen und Soldaten. Einige vermissen es, andere sagen - na gut, so ist es nun einmal in Deutschland. Viele sprechen aber auch von Ablehnung, sogar Feindseligkeit. Hat Sie das überrascht?

Ulrike Scheffer: Eigentlich nicht, weil man kennt es vielleicht auch von sich selbst, wenn man jetzt einen Soldaten in Uniform auf der Straße sieht oder im Zug - früher war das häufiger der Fall, als es noch die Wehrpflicht gab. Heute nicht mehr so sehr, aber es ist einem doch erst mal fremd so eine Uniform. Das schafft erst mal Distanz. Dass es dann tatsächlich zu Ablehnung kommt - manche Soldaten berichten sogar, wenn sie in Uniform unterwegs sind, müssen sie damit rechnen, angespuckt zu werden. Das hätte ich mir in Deutschland wiederum auch nicht vorstellen können, dass es so krass ist. Aber die Soldaten haben uns schon berichtet, in manchen Städten würden sie in manche Stadtteile in Uniform ganz sicher nicht hingehen. Und das ist ja schon eine Frage, wenn wir als Demokratie eine Bundeswehr haben, die auch auf der Grundlage der Verfassung steht. Und bei Fluthilfe gibt es ja dann immer die ganz anderen Bilder, wo die Soldaten herzlich willkommen sind und die Bevölkerung denen Schnittchen schmiert und die versorgt - da fragt man sich halt schon, warum ist das so, warum gibt es diese Gegensätze und wie kommt es dazu, dass trotz dieser guten Bilder, die es eben auch gibt von der Fluthilfe, dann doch auch so eine Ablehnung existiert, die die Soldaten erfahren im schlimmsten Fall. Im besten Fall vielleicht eher, dass die Leute dann eher auf Distanz gehen.

Stövesand: Das erste Porträt, was Sie uns liefern, ist gleich sehr hart für den Leser. Da beschreibt ein Soldat "In Kundus bin ich nie ins Lager zurückgekommen, ohne nicht mindestens einen Treffer auf meinem Auto zu haben. Das war normal zu dieser Zeit" schreibt er. Das macht schon klar, von hier bis zum Alltag ist es ein mehr als schwieriger Weg. Klaus Naumann, der Militärhistoriker schreibt in Ihrem Buch, die Heimkehrer würden als Integrationskandidaten betrachtet. Also so als völlige Fremdkörper in der Gesellschaft.

Scheffer: Ja, das ist ja auch fremd. Also auch die körperlich Versehrten wie die Traumatisierten - so etwas hat es ja auch seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland nicht gegeben. Man weiß es von den Amerikanern, dass es nach dem Vietnam-Krieg ein großes Problem war. Auch nach Irak vielleicht, aber in Deutschland kennen wir das nicht. Wir haben auch so ein bisschen wahrscheinlich die Vorstellung in Deutschland, entweder gehen die Soldaten nur als zivile Aufbauhelfer oder halbzivile Aufbauhelfer in so einen Einsatz, und wenn es dann mal brenzlig wird dann hat die deutsche Öffentlichkeit ja aber auch die Erwartung - na ja, wenn die Deutschen da sind, dann passieren keine schlimmen Dinge. Das sagt auch ein Soldat in einem Porträt. Das ist halt so die Vorstellung, die eben auch von den Politikern vermittelt wird, weil die ja im Parlament auch rechtfertigen müssen: Warum schicken wir Soldaten in so einen Einsatz. Dann wird der Einsatz erst mal als harmlos dargestellt. Und wenn die Soldaten eben dann zurückkommen und man gar nicht weiß, dass das so gefährlich ist, dann versteht man natürlich auch nicht, dass die jetzt traumatisiert sind. Und da man eben in Deutschland über Jahrzehnte überhaupt keine Erfahrung mit solchen Leuten hat, ist das eben einfach erst mal total fremd und man hat dafür kein Verständnis. Das ist, glaube ich, relativ normal.

Würich: Man möchte ja nicht verantwortlich sein.

Scheffer: Dann distanziert man sich vielleicht und denkt - na ja, der hat dann irgendetwas anderes, aber man will sich damit auch nicht auseinandersetzen.

Stövesand: Sie schreiben im Vorwort "Ihre Erfahrungen sind ein wichtiger Beitrag zur anstehenden Debatte der künftigen deutschen Sicherheitspolitik, denn sie wissen sehr genau, was Deutschland zur internationalen Friedenssicherung beitragen kann und welche Folgen ein solches Engagement hat." Noch fragt die Soldatinnen und Soldaten aber niemand, noch sind sie auf ihrer militärischen Insel, wo sie sich dann sehen. Was denken Sie, wo in unserer Demokratie, wo in unserem Staat haben die Streitkräfte momentan ihren Platz und wo sollte der sein?

Würich: Also, ich denke, der Platz, den sie im Moment haben, ist gar nicht mal so schlecht, aber die Bundeswehr sollte sich vielleicht auch insgesamt mehr öffnen. Das wurde auch in den Interviews immer wieder thematisiert, dass die Soldaten gesagt haben, wir müssen mehr auf die Bevölkerung zugehen, wir müssen uns mehr öffnen, wir müssen mehr erzähle. Und ich denke mir, dieses Dreieck Politik - Bevölkerung - Militär ist als solches ja schon mal eine gute Einrichtung, so wie sie ist aber alle drei sollten mehr miteinander reden.

Scheffer: Ja und Bundespräsident Gauck hat ja neulich auf der Münchner Sicherheitskonferenz mal das Beispiel gebracht, dass im Bundestag in den vergangenen Jahren 240 Mandate beschlossen worden sind für die Soldaten, aber es gab, glaub ich, nicht mal zehn sicherheitspolitische Debatten. Und da könnten ja die Soldaten auch mal dazukommen. Das wäre ja eigentlich interessant. Erstens bräuchten wir vielleicht mehr solcher Debatten im Bundestag, wo mal darüber diskutiert wird: was können wir überhaupt leisten, was sind wir auch bereit, zu riskieren in solchen Auslandseinsätzen wo sind die Grenzen, wo sind die Chancen? Da finden wir, könnten doch Soldaten auch mal sprechen. Die haben es ja nun wirklich erlebt, was muten wir unseren Mitbürgern zu, die in solche Einsätze gehen, ist das wert oder nicht und wieweit sind wir bereit zu gehen für welche Ziele setzen wir uns ein und mit welchem Risiko?

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das vollständige Gespräch mit Sabine Würich und Ulrike Scheffer können Sie für mindestens fünf Monate nach der Sendung in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören.

 

Ulrike Scheffer / Sabine Würich, Operation Heimkehr.
Christoph Links Verlag, 192 S., 24,90 €, ISBN: 978-3-861-53759-5.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk