Sonntag, 17.12.2017
StartseiteBüchermarktSoldaten von Salamis13.10.2002

Soldaten von Salamis

Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen

Wie ist es möglich, dass Javier Cercas, ein bislang in Spanien nicht sehr bekannter Autor, das Glück hatte, dass innerhalb von zehn Monaten 200 000 Exemplare seines Romans "Soldaten von Salamis" verkauft wurden? Das Erstaunliche an diesem Erfolg: Der Roman ist nicht die leichte Ware, die man hier in Spanien massenhaft als "literatura light" kennt. Und mitnichten wird erzählt, was der Titel womöglich assoziiert: den Untergang der persischen Flotte in der Seeschlacht bei Salamis. Aber vielleicht ist dies ferne Ereignis in der Nahsicht als eine zugespitzte Metapher zu lesen, die auf die zwei Lager am Ende eines Krieges anspielt, auf die der Sieger und Besiegten im Spanischen Bürgerkrieg? Wir werden sehen.

Hans Jürgen Schmitt

<p>Von Willi Zurbrüggen fabelhaft verdeutscht, - schildert Cercas’ Ich-Erzähler mit detektivischem Schwung eine Begebenheit aus dem Jahr 1939, aus den letzten Monaten des Bürgerkriegs also; sie ist gewissermaßen der Focus des Romans, um den sich die Tiefenstruktur erst entwickelt; die Geschichte um die wundersame Rettung des Schriftstellers Rafael Sánchez Mazas, des Gründers und Chefideologen der Falange, der mit einer Gruppe Franquisten nahe den katalanischen Pyrenäen erschossen werden sollte, aber als die Kugeln um ihn flogen, entkam; später war er im ersten Kabinett Francos Minister ohne Portefeuille.<br /><br />Schwer vorstellbar, dass ein "Fascho" das ausschließliche Interesse eines Autors wie Cercas auf sich zieht. Der Autor, 1962 in der Extremadura geboren, lehrt als Literaturprofessor an der Universität in Girona spanische Literatur, hatte einen Erzählungsband und bislang zwei Romane veröffentlicht und war den Lesern der Tageszeitung <em>El País</em> mit Rezensionen und Artikel bekannt geworden.<br /><br />In der Tat, der Roman speist sich längst nicht aus der angedeuteten Bürgerkriegsepisode allein. Zu der freilich höchst ambivalenten Figur des seiner Hinrichtung entkommenen Schriftstellers und Faschisten Sánchez Mazas erfindet der Autor einen Antipoden: die Gestalt des einstigen republikanischen Kämpfers und Weltkriegskombattanten, den Spanier Miralles, der, historisch und von seiner Haltung her gesehen, im dritten Teil des Romans der wahre Held der Geschichte wird. Unabtrennbar damit verwoben thematisiert Javier Cercas zugleich vielfach ironisch gebrochen das Entstehen eines Romans und das Werden eines Schriftstellers, der sich eigentlich als gescheitert sieht, gar keinen Roman mehr schreiben will. Insofern hat der Roman drei Protagonisten, im erzähltechnischen Terminus drei "Helden". <br /><br />Als Ich-Erzähler einen der jungen Generation angehörenden Erzähler-Rerchercheur; und im zweiten und dritten Teil je die "Helden", die ideologisch getrennte Wege gehen, in der Romanfiktion aber eine kontrapunktische Berührung erfahren, ohne dass sie es wissen. Ohne Umschweife, eben wie der Kriminalroman das entscheidende Ereignis gleich kundtut, erfahren wir von der Initialzündung des Erzählers und seinem persönlichen Scheitern:<br /><br /> <em>Vor über sechs Jahren, im Sommer 1994, hörte ich zum ersten Mal von der Erschießung Rafael Sánchez Mazas’. Damals hatten sich gerade drei Dinge in meinem Leben ereignet: Mein Vater war gestorben, meine Frau hatte mich verlassen, und ich hatte meine Karriere als Schriftsteller aufgegeben. Falsch. Die Wahrheit ist, dass von diesen drei Dingen die ersten beiden stimmen, unbestreitbar; nicht so jedoch das dritte: In Wirklichkeit hatte meine Schriftstellerkarriere überhaupt nicht angefangen, so dass ich sie schwerlich aufgeben konnte. Richtiger wäre es wohl, zu sagen, dass ich sie aufgab, kaum, dass sie begonnen hatte. 1989 war mein erster Roman veröffentlicht worden. Wie der zwei Jahre zuvor erschienene Band mit Erzählungen wurde das Buch mit allgemeiner Gleichgültigkeit aufgenommen, doch gelang es meiner Eitelkeit, verbunden mit der lobenden Rezension eines Freundes jener Tage, mich davon zu überzeugen, dass ich ein Schriftsteller werden könnte und dass ich dafür meine Arbeit in einer Zeitungsredaktion am besten aufgab und mich ausschließlich dem Schreiben widmete. Das Ergebnis dieser Umstellung meines Lebens waren fünf Jahre wirtschaftlicher, physischer und metaphysischer Ängste, drei unvollendet Romane und eine grauenvolle Depression, die mich zwei Monate lang an einen Sessel vor dem Fernseher fesselte.</em><br /><br />Hier beginnt also sogleich das Verwirr- und Detektivspiel im Austausch zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Fakten aus dem Leben Javier Cercas werden mit erfundenen gemischt. Ein Schriftsteller in schwerer Krise, der auch noch Javier Cercas im Roman heißt, rettet sich erneut in die Zeitungsredaktion, will ganz wieder Journalist sein und macht als kleiner, untergeordneter Mitarbeiter vornehmlich Interviews im Kulturteil. Da trifft er in Girona - die katalonische Stadt und andere Schauplätze liegen alle zwischen der Costa Brava und den Pyrenäen - den Schriftsteller Rafael Sánchez Ferlosio, einen Sohn des Falange-Ideologen, der ihm die Geschichte der Rettung seines Vaters erzählt.<br /><br /> <em> 'Er wurde ganz in der Nähe von hier erschossen, im alten Kloster von Collell.’ Er schaute mich an. ’Waren Sie mal da? Ich auch nicht, aber ich weiß, dass es in der Nähe von Banyoles liegt. Es war gegen Ende des Krieges. Der 18.Juli hatte ihn in Madrid überrascht und er musste in der chilenischen Botschaft Zuflucht suchen, wo er mehr als en Jahr verbrachte. Ende 1937 floh er aus der Botschaft und verließ Madrid, versteckt in einem Lastwagen, vermutlich mit der Absicht, nach Frankreich zu gelangen. In Barcelona wurde er jedoch verhaftet und, als Francos Truppen die Stadt erreichten, nach Collell gebracht, was näher an der Grenze liegt. Dort hat man ihn erschossen. Es war eine Massenhinrichtung, bei der es ziemlich chaotisch zugegangen sein muß, denn der Krieg war ja verloren, und die Republikaner flohen Hals über Kopf in die Pyrenäen, und ich glaube, sie wussten nicht einmal, dass sie einen der Gründer der Falange erschossen, zudem einen enge Freund von José Antonio Primo de Rivera. Mein Vater bewahrte zu Hause die Jacke und die Hose auf, in der er erschossen wurde...die Hose war zerrissen, weil die Kugeln ihn nur streiften, als er das Durcheinander des Augenblicks nutzte, um in den Wald zu rennen und sich dort zu verstecken... Irgendwann hörte mein Vater ein Geräusch von Zweigen, drehte sich um und sah eine Milizionär, der ihm direkt ins Gesicht starrte. Im selben Moment kam von hinten der Ruf: ‚Ist er da irgendwo?’ Mein Vater erzählte, der Milizionär habe ihn noch einige Sekunden lang angesehen und dann ohne den Blick abzuwenden, gerufen.’ Hier ist niemand!’ Dann habe er sich umgedreht und sei davongegangen.’</em><br /><br />Diese zweifache Rettung vor dem Tode, verbürgt als historische Tatsache, durch den Sohn dokumentiert, wird im zweiten Teil des Buches vom Erzähler noch einmal in ihrer existenziellen Dramatik höchst poetisch "nachgestellt", wobei ihn die Frage nicht loslässt: Wer war dieser Milizionär? Was hat er wohl gedacht? Denn es ist diese Episode und das nachfolgende Überleben von Sánchez Mazas im Walde, wo ihn drei junge Deserteure der Nationalen Armee retten, was den Journalisten Javier allmählich zum Rechercheur werden lässt. <br /><br />Als läse man einen Kriminalroman, folgt der Leser gespannt diesem spanischen Meisterdetektiv beim Zusammensetzen der Mosaiksteine. Es gehört zum listigen Spiel des Erzählers, variantenreich zu thematisieren: alles sei wirklich und kein Roman, während er doch vor den Augen des Lesers sein überaus kunstreiches Netz aus Wirklichkeit und Imagination spinnt.<br /><br />Im ersten Teil des Romans, "Die Freunde des Waldes", gemeint sind Sánchez Mazas’ Retter, berichtet der Autor, wie sein Double, der Journalist Javier, das ganze Werk von Sánches Mazas liest, wie er noch die Bäuerin, die dem Falangisten mit Essen versorgte, und zwei der drei einstigen Deserteure ausfindig macht. Dies geschieht alles in einer zurückhaltenden, zweifelnden Art des Journalisten, dem sich aber deshalb seine Interviewpartner nicht verschließen. Von einem von ihnen, dem nun 82jährigen Angelats, erfährt er:<br /><br /> <em>Bevor er ging, hat Sánchez Mazas zu uns gesagt, er wolle ein Buch über die ganze Geschichte schreiben; ein Buch, in dem wir vorkommen würden. Er wollte es Soldaten von Salamis nennen. Komischer Titel, nicht? Er sagte auch, er wolle es uns schicken, aber das hat er nie getan.’[...] Am nächsten Tag in der Zeitung ging ich sofort zum Chefredakteur und handelte einen unbezahlten Urlaub aus. ‚Wofür, fragte er ironisch. ‚Für einen neuen Roman?’ ‚Nein antwortete ich äußerst zufrieden. ’Eine Erzählung nach der Wirklichkeit." Ich erklärte ihm, worum es in meiner Erzählung nach der Wirklichkeit ging. - ‚Gefällt mir’, sagte er. Hast du schon einen Titel?’ - ‚Ich glaube ja’, erwiderte ich. >Soldaten von Salamis

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