• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 16:00 Uhr Nachrichten
StartseiteThemen der Woche"Solidarität verlangt nach echter Hilfe"14.09.2013

"Solidarität verlangt nach echter Hilfe"

SZ-Journalist verlangt mehr Anstrengungen der europäischen Länder für syrische Flüchtlinge

5000, Deutschland nimmt 5000 Flüchtlinge aus Syrien. Das ist in etwa die Zahl der Flüchtlinge, die pro Tag aus dem Bürgerkriegsland flieht. Jeden Tag fliehen 5000 vor Chaos und Massaker. Deutschland hilft den Menschen in Syrien sozusagen einen Tag lang.

Von Heribert Prantl "Süddeutsche Zeitung"

Flüchtlinge aus Syrien am Flughafen Hannover. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Flüchtlinge aus Syrien am Flughafen Hannover. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Zwei Millionen Flüchtlinge aus Syrien sind in den Nachbarländern, in den Anrainerstaaten untergekommen: im Libanon, in der Türkei, dem Irak, in Jordanien. Nur 5000 in Deutschland - 5000. Das ist eine Geste, eine schwache Geste. Das ist Hilfe im Promillebereich.

Deutschland kann mehr tun, Deutschland muss mehr tun. Die Not der Menschen ist so ungeheuerlich, dass wir uns ein wenig mehr anstrengen dürfen. Es reicht nicht, gescheit daherzureden, Syriens Präsident Assad zum Abdanken und Obama oder die Weltgemeinschaft oder sonst jemand zum Eingreifen aufzufordern. Es reicht auch nicht, die Solidarität der Nachbarstaaten einzufordern und darauf zu hoffen, dass noch mehr syrische Flüchtlinge in der Region, also in Jordanien oder der Türkei aufgenommen werden. Wie soll der Libanon, wie soll Jordanien noch mehr Flüchtlingen verkraften?

Die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder. Man kann sich ihr Schicksal ausmalen. Es reicht nicht, wenn deutsche und europäische Politiker Flüchtlingslager in Al Mafraq oder sonstwo besuchen und dann der Regierung in Jordanien Geld spendieren. Solidarität verlangt nach mehr als nur nach Hilfspaketen. Solidarität verlangt nach echter Hilfe.

Schweden hat seine Grenzen für die syrischen Flüchtlinge geöffnet. Das ist vorbildlich. Während des Bosnien-Kriegs fanden in Deutschland dreihunderttausend Menschen Zuflucht. Das kann als Beispiel dienen. Manche sind geblieben, meist gut integriert; die meisten sind zurückgekehrt. In Deutschland leben 40.000 syrische Staatsbürger mit Aufenthaltserlaubnis. Man sollte ihren bedrängten Angehörigen in Syrien den Nachzug nach Deutschland erlauben, ohne die schon hierzulande lebenden Syrer zuvor mit unerfüllbaren Kostenverpflichtungs- und Übernahmeerklärungen zu drangsalieren.

In drei Monaten wickeln wir die Weihnachtskrippe und die Krippenfiguren aus dem Zeitungspapier des Vorjahres. Wir bauen den Stall auf und gruppieren Maria und Josef, das Jesuskind, die Hirten, den Ochs und Esel. Guten Gewissens können wir das heuer nur dann tun, wenn wir den syrischen Flüchtlingen helfen. Bethlehem ist heute in Syrien. Der Stall – man kann ihn sich heute als klapprigen Flüchtlingskahn auf dem Mittelmeer vorstellen. Die Könige – sie kommen heute in Rettungsbooten. Und Gold, Weihrauch und Myrrhe, - das sind die Erklärungen der EU-Länder, mit denen Flüchtlinge aufgenommen werden. Die Politiker in der Europäischen Union spielen so oft den Pontius Pilatus und waschen die Hände in Unschuld. Was soll man machen? Sollen die Leute halt nicht in die klapprigen Boote steigen!

Die EU sichert die Grenzen mit einem Netz von Radaranlagen und Satelliten, mit Hubschraubern und Schiffen, die die Flüchtlingsboote abdrängen. Diese Politik gilt als erfolgreich, wenn keine oder möglichst wenige Flüchtlinge Europa erreichen. Mit welchen Mitteln die Flüchtlingsabwehr funktioniert, fragt kaum einer, allenfalls einmal ein Flüchtlings-Gottesdienst, der dann den Psalm 69 zitiert: "Lass die Tiefe mich nicht verschlingen".

Die Europäische Union ist Friedensnobelpreisträger. Das verpflichtet: nicht zum Schutz der Grenzen, sondern zum Schutz der Flüchtlinge! Und das verpflichtet dazu, die Außengrenzen so zu öffnen, dass es für die Humanität wieder ein Durchkommen gibt. In den Flugblättern der Weißen Rose heißt es: "Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt habt". Und: "Wenn jeder wartet, bis der andere anfängt, wird keiner anfangen!" Diese Worte sind keine Worte nur für das Museum des Widerstands. Es reicht nicht, sie auf Gedenkveranstaltungen zu zitieren. Diese Worte haben ihre eigene Bedeutung in jeder Zeit, auch in der gegenwärtigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk