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StartseiteEuropa heute"Sollen doch die Leute in den Reichenvierteln sie nehmen"20.08.2009

"Sollen doch die Leute in den Reichenvierteln sie nehmen"

Aus schierer Not verkaufen Pariser Bürger ihre Habseligkeiten - zum Unmut der Anwohner

Getragene Schuhe, zerschlissene Hemden oder Mehlpäckchen stehen zum Verkauf, es ist ein Markt, wie man ihn in Entwicklungsländern finden kann. Dieser liegt mitten in Paris. Hier versuchen sich die über Wasser zu halten, für die der Pariser Alltag schon lange viel zu teuer ist.

Von Margit Hillmann

Die Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois, geprägt von Armut und Gewalt (AP Archiv)
Die Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois, geprägt von Armut und Gewalt (AP Archiv)

Früher Vormittag auf der Avenue de la Porte de Montmartre: Bis zum legendären Pariser Flohmarkt, dem "Marché aux Puce" sind es zu Fuß noch zehn Minuten. Und doch tummeln sich hier bereits Hunderte von Menschen auf beiden Straßenseiten der Avenue: Franzosen, aber auch viele Einwanderer; dort wo die Armen Geschäfte mit den Armen machen.

Es gibt keine Stände. Die Ware wird auf schäbigen Decken oder Plastikplanen ausgebreitet: Berge von ausgetretenen Schuhen; gebrauchte Handyladegeräte; alte Küchenmaschinen, Secondhandkleidung – häufig schmutzig und abgetragen. Es gibt Geschirr, Spielzeug - und sogar Lebensmittel. Marcelle - eine kleine zierliche Frau, Mitte 60 - sitzt mit ihrer Ware auf der Bordsteinkante direkt am Straßenrand: zwei Tiefkühlpizzen, ein Paket frische Nudeln, ein Dose Fischpastete und ein kleines Stück Käse.

Die Lebensmittel waren eigentlich für ihren Besuch gedacht, erzählt die alleinstehende Rentnerin. Der habe aber kurzfristig abgesagt. "Und bevor das Zeug schlecht wird", sagt sie, "verkaufe ich es lieber". Am Wochenende davor hat Marcelle ihre Küchenrezeptbücher verkauft und einige Kleider, die sie nicht mehr tragen kann. Acht Euro hat sie dafür insgesamt bekommen und gleich zur Seite gelegt – fürs magere Monatsende, wenn das Geld nicht mehr für den Einkauf im Supermarkt reicht. Mit ihren 677 Euro "Minimum Vieillesse" – ein staatlich finanziertes Mindesteinkommen für Franzosen im Rentenalter, die keine oder zu wenig Rentenbeiträge eingezahlt haben - käme sie ja längst nicht mehr über die Runden, sagt Marcelle.

"Ich habe nur eine kleine Rente. Auch wenn der Präsident die Renten ein bisschen angehoben hat, es reicht einfach nicht. Also schlage ich mich durch, so gut es geht. Ich will ja schließlich nicht betteln gehen."

Ein paar Meter weiter unter der Autobahnüberführung: Neben einer Gruppe chinesischer Verkäufer, die sich auf gebrauchtes Elektronikzubehör spezialisiert haben, wartet ein Mann um die 50 auf Kundschaft. Auf seiner Pappe am Boden steht eine angebrochene Flasche Shampoo, daneben liegen eine Gürtelschnalle und eine grüne Schirmmütze. Jeder Artikel kostet einen Euro. Es sind nicht seine persönlichen Sachen, die er verkauft.

"Ich verkaufe, was ich den Mülltonnen finde"," sagt er ohne Umschweife. Der Mann ist Langzeitarbeitsloser und lebt von 455 Euro Sozialhilfe.

""Das ist ja sehr knapp. Und das Leben ist so teuer geworden. Und jetzt mit der Krise wird noch alles schlimmer. Gucken Sie sich nur mal um, wie viel Leute hier sind. Es werden immer mehr. Die kommen, weil sie keine Arbeit und kein Geld mehr haben."

Der Armenmarkt am Rande von Paris wächst von Monat zu Monat. Innerhalb eines Jahres hat sich die Zahl der illegalen Verkäufer auf mehr als tausend verdoppelt. Und auch die Kundschaft kommt immer zahlreicher auf den improvisierten Markt am Rande des 18. Arrondissements. Sie kaufen für einen oder zwei Euro, was anderswo - selbst gebraucht - ein Vielfaches kostet.

"Man findet hier Sachen, die man braucht, sich in den Geschäften aber nicht leisten kann. Schuhe zum Beispiel. Alle Leute haben doch jetzt Geldschwierigkeiten."

"Ich habe ein Comicbuch gekauft für zwei Euro. Im Laden kostet es 12. Hierher kommen nicht nur Obdachlose oder Arbeitslose. Auch Leute, die einen Job haben, kommen mit ihrem Geld nicht mehr über den Monat. Das Geld, was man hier spart, kann man für andere Dinge ausgeben."

Der Markt ist zwar illegal und die Verkäufer riskieren Strafen zwischen 170 und 340 Euro. Doch bisher hat die Polizei nicht ernsthaft eingegriffen. Das könnte sich aber schon bald ändern. Die Bewohner aus den angrenzenden Miethäusern wollen Dreck und Elend vor ihrer Haustür nicht länger dulden, droht eine Sprecherin der aufgebrachten Nachbarn.

"Weil sie woanders weggejagt werden, kommen sie hierher. Aber wir haben hier selbst genug Armut. Sollen doch die Leute in den Reichenvierteln sie nehmen. Sollen sie doch auf die Champs-Elysées gehen."

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