Seit 02:30 Uhr Lesezeit
 

Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteCorso"Ein Wunder, dass ich es soweit geschafft habe"24.06.2017

Solo-Debüt von Peter Perrett"Ein Wunder, dass ich es soweit geschafft habe"

Zu virtuos und dennoch unbestreitbar cool: Die Band The Only Ones war ein respektierter Außenseiter der britischen Punk-Szene. Knapp 40 Jahre nach ihrem ersten Hit "Another Girl, Another Planet" hat ihr Frontman Peter Perrett nun sein erstes Solo-Album aufgenommen, zusammen mit seinen beiden Söhnen.

Peter Perrett im Corsogespräch mit Robert Rotifer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Peter Perrett, sich die Haare zersausend im Halbdunkel (Bild: Steve Gullick) (Steve Gullick)
Peter Perrett startet mit 65 Jahren seine Solo-Karriere. (Steve Gullick)
Mehr zum Thema

Neue Deutsche Welle "Ich bin da überhaupt nicht nostalgisch"

Iggy-Pop-Film "Gimme Danger" Mit nacktem Oberkörper in den Punkrock-Himmel

Ian Curtis von "Joy Division" Die Kultfigur des Post-Punk

Zum Nachhören im englischen Originalton: Das Corsogespräch mit Peter Perrett

Robert Rotifer: Als ich Ihre jüngste Single "How The West Was Won" zum ersten Mal hörte, fragte in den sozialen Medien gerade jemand: "Was wohl Peter Perrett heutzutage macht?" Also schickte ich triumphierend den Link zu Ihrem Song weiter und alle waren sehr aufgeregt. Interessant jedenfalls, dass die Nummer genau da auftauchte, als die Leute nach Ihnen zu fragen begannen. Wie kam Ihre neue Platte nach so langer Pause zustande und warum?

Peter Perrett: Die Leute fragen sich wahrscheinlich einmal pro Jahrzehnt, was wohl Peter Perrett macht. Leider bin ich ziemlich faul, aber sobald die Entscheidung gefallen war, dass es für ein produktives Leben gut wäre, wieder Gitarre zu spielen, fing ich auch an, wieder Songs zu schreiben - und nach einem Jahr war das Album fertig.

"Lachen macht jede Situation besser"

Rotifer: Aus heutiger Perspektive hört sich der Song sehr aktuell an, aber Sie müssen Ihn geschrieben haben, bevor Donald Trump gewählt wurde.

Perrett: Es wurde im März 2016 aufgenommen, es war ein Lied aus dem Bewusstseinsstrom. Ich wollte kein politisches Lied schreiben und machte es apolitischer, indem ich humorvolle Referenzen einstreute. Ich glaube, das ist eine meiner Stärken, denn Lachen macht jede Situation besser.

Rotifer: Da ist Humor, aber auch einiges, das sehr nahe geht. Im letzten Song heißt es, Sie hätten noch genug Kraft für einen letzten trotzigen Atemzug.

Perrett: Nun ja, ich bin 65 Jahre alt und es ist ein Wunder, dass ich es so weit geschafft habe. Einige taten das nicht und ich habe noch was zu meinem Erbe beizutragen. Als junger Mensch dachte ich nicht an sowas. Als The Only Ones in den Siebzigern "Another Girl Another Planet" aufnahmen, war das Musikmachen nur ein Teil des Spaßes, den ich hatte, neben Mädchen und Partys. Ich machte es nicht so gut ich konnte, ich machte einfach. Jetzt dagegen stellte ich sicher, dass es keine Ablenkungen gab. Dass meine Stimme im Mix im Vordergrund ist, denn meine Stimme und meine Texte waren immer das, was mich von allen anderen unterschied.

"Mir gefiel es, herauszufinden, dass ich ein Jude bin"

Rotifer: Absolut, Sie haben diesen bestimmten, gewitzten Londoner Akzent, der seither fast ausgestorben ist. Es ist erfrischend den wieder zu hören.

Perrett: Ich finde, jeder sollte danach klingen, wo er herkommt.

Rotifer: Wo Sie von der Herkunft reden: Sie haben Ihre Eltern sehr jung verlassen und in Biographien steht, ihre Mutter sei eine österreichische Jüdin gewesen. Das interessiert mich.

Perrett: Meine Mutter war eine Wienerin. Ihr Name war Emilie Leopoldine Fischer. Sie entkam auf einem Boot, das die Donau hinunter bis nach Palästina fuhr. Das war eines der Boote vor dem Exodus. Sie sah ihre Familie nie wieder. Sie war die einzige, die entwischte. Mein Vater war in Palästina Polizist. Es war eine turbulente Zeit, sie trafen sich und verliebten sich ineinander. Ich wusste nicht, dass meine Mutter Jüdin war, bis ich in den Mittsiebzigern meine Halbschwester aus Israel traf, die meine Mutter mit dem Mann gehabt hatte, mit dem sie Wien verließ. Meine Mutter sprach nie über den Krieg, es war schmerzhaft für sie. Mir gefiel es, herauszufinden, dass ich ein Jude bin, denn meine zwei großen Helden in der Musik waren beide jüdisch: Bob Dylan und Lou Reed. Und einige meiner anderen Helden, Karl Marx, Einstein und Trotzki, waren auch alle Juden.

"Ich war einer der neuen Leute"

Rotifer: Ihre eigenen Söhne sind auch Musiker. Sie haben eine Zeitlang mit Pete Doherty in einer Band gespielt, haben sich aber mit ihm zerstritten.

Perrett: Sie hielten es etwa drei Monate mit ihm aus. Ich bin froh, dass sie nicht mit ihm spielen, denn sie spielen jetzt mit mir.

Rotifer: Der Punkt, auf den ich hinaus wollte, ist, dass hier die Generationen zusammenkommen: Da sind ihre Söhne, da sind Sie - und schon Ihre Band The Only Ones schien dem Narrativ des Punk als Stunde Null zu widersprechen. War das nicht bloß ein Konstrukt? Sie hatten ja Leute in der Band, die schon in den Sechzigern dabei gewesen waren.

Perrett: Oh ja, unser Drummer Mike Kellie hatte in den Sechzigern in Bands gespielt, von denen ich schon gehört hatte. Spooky Tooth zum Beispiel. Ich denke, ich half uns, in der Punk-Szene damit davonzukommen, denn ich war mit Johnny Thunders befreundet. Ich war eindeutig einer der neuen Leute, die reinen Tisch machten. Aber Kellie war großartig, denn die Tatsache, dass ein echter professioneller Musiker an mich glaubte, gab mir das Selbstvertrauen, ich selbst zu sein und Spaß daran zu haben.

Rotifer: Er ist vor Kurzem gestorben. Hatte er eine Gelegenheit, Ihre Platte anzuhören?

Perrett: Nein, aber er ermutigte mich sehr. Ich wünschte, er hätte sie gehört.

"Wir waren über diesen Punkt hinaus"

Rotifer: Hätte es auch eine Platte der Only Ones werden können?

Perrett: Wir waren über diesen Punkt bereits hinaus. Wir hatten zwischen 2007 und 2009 unsere Reunion gehabt, wo es darum ging, die Bedürfnisse der Leute zu befriedigen, die dachten, dass sie uns nie wieder sehen würden. Das war nicht die geeignete Dynamik, um neues Material zu schreiben. Es brachte mich aber dazu, mit dem Gitarrespielen wieder von vorn anzufangen, was mir wiederum das Songschreiben ermöglichte.

Rotifer: Ihre Platte klingt manchmal wie die Only Ones, auf jeden Fall aber nach einer Band.

Perrett: Das ist es auch, denn alle Songs wurden gemeinsam live eingespielt. Auf drei der Songs, "How The West Was Won", "Something In My Brain" und "Take Me Home" habe ich sogar die rohe Stimme der Live-Aufnahme verwendet, weil ich damit zufrieden war.

"Ich habe mich gerettet"

Rotifer: "Something In My Brain" ist ein sehr ehrliches Lied mit seiner Zeile über eine Laborratte, die statt Nahrung immer die Fressschale mit dem Crack drin wählt. Sie haben viele Drogen genommen. Hat Sie das als Künstler aufgehalten?

Perrett: Es begrenzte meine Kreativität und hielt meine Interaktion mit dem Rest der Menschheit auf, aber es brachte mich auch dahin, wo ich jetzt bin, also hab ich keine Beschwerden. Das Experiment mit der Ratte zeigt, dass sie vielleicht ein paar falsche Entscheidungen traf. Aber ich habe mich gerettet, bevor ich verhungert bin. Das eine, was man lernt, ist jeden Moment und jeden Tag zu genießen.

Rotifer: Vielen Dank für das Gespräch!

Perrett: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk