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StartseiteBüchermarktSonnenenergie aus Sachsen-Anhalt16.07.2009

Sonnenenergie aus Sachsen-Anhalt

Monika Maron: "Bitterfelder Bogen", S.Fischer

Mit dem Ort Bitterfeld verbindet man meist giftige Seen und abgasverseuchte Luft. Jetzt hat Monika Maron, deren literarische Karriere einst mit dem Roman "Flugasche" über die Bitterfelder Umweltprobleme begann, ein Buch über eine boomende Solarfirma geschrieben, die heutzutage das Bild von Bitterfeld prägt.

Von Florian Felix Weyh

Wer von Berlin nach Leipzig fährt, passiert das "Solar Valley", Deutschlands Zentrum der Photovoltaik-Industrie. (Stock.XCHNG / Steve Woods)
Wer von Berlin nach Leipzig fährt, passiert das "Solar Valley", Deutschlands Zentrum der Photovoltaik-Industrie. (Stock.XCHNG / Steve Woods)

Städte gibt es, die bürden ihren Bewohnern historische Lasten auf. Dachau im Süden Deutschlands gehört dazu, Bitterfeld im Osten. Bitterfeld, der Name beschwor in DDR-Zeiten das Bild einer durch giftige Seen zerstörten Landschaft herauf, stand für ein Leben unter einem Himmel, von dem herab es täglich 180 Tonnen Asche regnete. Doch Bitterfeld hat sich längst gewandelt.

Wer auf der A9 von Berlin nach Leipzig fährt, passiert das Solar Valley - Deutschlands Zentrum der Photovoltaik-Industrie. Mit Q-Cells sitzt hier der derzeit größte Solarzellenhersteller der Welt, und Monika Maron, deren literarische Karriere einst mit dem Roman "Flugasche" über die Bitterfelder Umweltprobleme begann, wurde von einem Freund überredet, doch mal ein Auge auf dieses Ost-Wirtschaftswunder zu werfen.

"Mich kannte da überhaupt keiner. Da hab ich immer gesagt: 'Guten Tag, ich bin Monika Maron, ich bin Schriftstellerin.' - 'Ach, und was schreiben sie so?' Ich hab sehr buhlen müssen um viele. Manchmal hab ich ein dreiviertel Jahr gebraucht, ehe ich endlich einen Termin hatte, und irgendwie hatten sie, glaube ich, von Journalisten die Nase voll","

erzählt Monika Maron mit einem Schmunzeln, ließ aber nicht locker, denn die börsennotierte Weltfirma Q-Cells hat keine ganz gewöhnliche Geschichte, doch halt! Wie spricht man das Unternehmen eigentlich aus? Dem international orientierten Management scheint dies klar:

""Die sagen Kju-Cells, und die Bitterfelder sagen: Kuh-Zells! Also wirklich, diese Sprachlinie geht ganz eindeutig durch."

Wobei die Einheimischen näher an der Wahrheit liegen, denn der Ursprung von Q-Cells findet sich in Berlin-Kreuzberg, wo ein Q schlicht für Qualität steht, Qualitäts-Solarzellen macht Q-Cells. Anfang der 80er-Jahre bildete sich um den Ingenieur Rainer Lemoine eines jener Alternativkollektive, das die Welt verbessern, aber nicht in einer puren Verweigerungshaltung erstarren wollte. Während draußen der Kampf gegen die Atomkraft tobte, setzten Lemoine und seine Mitstreiter auf moderne Technik. Sie gründeten die "Wuseltronic":

"Das heißt Wind- und Sonnen-Elektronik, also es ist ganz ernst. Und die haben dann eben Messgeräte hergestellt, die fingen dann alle mit "Wu" an und hießen dann "Wum", das heißt Wu-Messmodul. Oder "Wuwickel", das heißt Wu-Windklassierer. Komisch fanden die das natürlich auch und es sollte auch so klingen, aber es hatte einen ganz ernsten Hintergrund."

Aus dieser Keimzelle - der Bericht darüber erinnert ein wenig an Bernd Caillouxs Roman "Das Geschäftsjahr 68/69" über eine Berliner Hippie-Firma - entstand um die Jahrtausendwende der heutige Weltkonzern. Rainer Lemoine, dessen ursprüngliches Leitmotiv lautete "Scheiß auf den Kommerz. Lass uns was Richtiges machen", tat sich - ganz kommerziell - mit einem Ex-McKinsey-Mann zusammen, und damit nahm das Projekt "Solarenergie für alle" an Fahrt auf. Vom Kreuzberger Hinterhof ging es ins ehemalige Chemierevier, wo aufgeschlossene Lokalpolitiker Steine aus dem Weg räumten, hatten sie doch ein hohes Interesse an einer neuen Industriekultur. Lemoine erlebte noch den Börsengang, wurde reich und gründete eine Stiftung, doch persönlich konnte ihn Monika Maron nicht mehr befragen:

"Er war schon tot. Ich hab ihn nur kennengelernt aus den Erzählungen aller anderen, und alle Leute haben sehr warmherzig, sehr begeistert und mit großer Anteilnahme von ihm gesprochen. Das steckt an. Ich bin eine Lemoine-Verehrerin."

Was dem Buch zum Glück nicht schadet, ebenso wenig wie die doch etwas heikle Konstellation, eine ausgewachsene Aktiengesellschaft zum Buchmittelpunkt zu machen. In der reinen Wirtschaftspublizistik sind die Fälle so selten nicht, in denen dann Gelder fließen, die zwar das Schreiben erleichtern, doch die Bewertung des Recherchierten erschweren:

"Nein um Gotteswillen, ich hab einen Verlag, und ich schreib keine Auftragsarbeiten! So ist es überhaupt nicht gelaufen! Ich habe keine Aktie von Q-Cells, und mich hat jemand da von der Stiftung gefragt, brauchen Sie Geld dafür? Wir können Ihnen was geben? Da hab ich gesagt: Um Gotteswillen, also weil ich bin ja nicht im Auftrag von Q-Cells unterwegs gewesen. Ich bin auch nur dem Verlag und mir gegenüber verantwortlich."

Diese geistige Freiheit macht sich im Buch nach allen Seiten hin bemerkbar, denn die große Sympathie, die Monika Maron für die Reindustrialisierung Bitterfelds aufbringt, kehrt sich durchaus gegen den noch immer vorherrschenden romantischen Ton im Kulturbetrieb: Der "Bitterfelder Bogen", benannt nach einer Skulptur von Claus Bury, ist ein entschieden fortschritts- und wirtschaftsfreundliches Sachbuch, das sogar wagt, ein gutes Wort für die allseits verfemte Treuhand einzulegen:

"Ich kann auch nicht sagen, dass die Treuhand nur Fürchterlichkeiten gemacht hat! Also ich hab keinen wirklich tiefen Einblick, ich kann das jetzt nur für Bitterfeld sagen. Aber was sie dort gemacht haben mit dem Chemiepark und mit der Sanierung der Böden, das ist einfach toll! Das wissen auch alle."

Alle außer einem. Günter Grass, Wortführer der Wiedervereinigungsgegner, hält die Treuhand bis heute für eine tendenziell kriminelle Vereinigung, doch gerade in Bitterfeld, findet Maron, hat Grass sich nicht Ruhm bekleckert, weswegen sie dem Nobelpreisträger eine zornige Passage im Buch widmet.

"Ich hab bei meiner Recherche zu diesem Buch diese Bitterfelder Rede gefunden, die er 1991 in Bitterfeld gehalten hat. Ein Jahr nach dem Mauerfall, also wo in Bitterfeld gar nichts anderes passieren konnte, als dass alles abgerissen wird, dass die Böden saniert werden! Das konnte ja nicht stehen bleiben. Und der stellt sich da hin und beklagt diesen Zustand und sagt, mit einer Konföderation wäre alles anders gewesen. Ja, schrecklich wäre es gewesen, wenn es anders gewesen wäre! Also wenn diese Werke stehen geblieben wären, und dieser Dreck und dieses Gift weiter auf die Stadt gerieselt wäre - was wäre der Vorteil gewesen?"

Die Bitterfelder sind glücklich mit der Sanierung ihrer zernichteten Landschaft und hoffen auf weitere Industrieansiedlungen im Solar Valley. Dass die Fotos von Jonas Maron im Buch ein für Nicht-Bitterfelder Augen immer noch tristes Bild der Region zeichnen, gehört zur Souveränität des Buchprojekts. Am Aufbruch vom industriellen Dunkel des 19. in die lichteren Höhen des 21. Jahrhunderts haben freilich nicht nur die Kreuzberger Alternativen und der McKinsey-Mann ihren Verdienst, sondern auch die Bitterfelder selbst.

"Ich wünschte mir eigentlich, dass sich die Wahrnehmung des Ostens vielleicht mal ein bisschen anders gestaltet. Da sind ja wirklich Leute, die Imponierendes gemacht haben! Und deren persönliche Biografien einfach auch begeistern. Die haben erfolgreich ihre Unternehmen gegründet und sind auch heute noch erfolgreich, und wissen aber: Man hat ihnen nichts zugetraut! Das wäre schön, wenn das diesen Blick korrigieren könnte."

Monika Maron: "Bitterfelder Bogen"
Mit Fotos von Jonas Maron
S.Fischer, 174 Seiten, 18,95 Euro

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