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Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteSport am WochenendeDie Olympia-Verlierer von Achschtyr14.12.2013

Sotschi 2014Die Olympia-Verlierer von Achschtyr

In 55 Tagen beginnen die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Es sollen die größten Spiele aller Zeiten werden. Mehr als 40 Milliarden Euro wird das Sportgroßereignis am Ende kosten. Wladimir Putin hat die Spiele in Sotschi zu seinen Festspielen auserkoren. Die Welt soll stauen über ein neues, modernes Russland.

Von Arne Lichtenberg

Ein Blick auf den Olympischen Park in Sotschi (picture alliance / dpa / RIA Novosti / Alexander Vilf)
Ein Blick auf den Olympischen Park in Sotschi (picture alliance / dpa / RIA Novosti / Alexander Vilf)
Weiterführende Information

Putins Prestigeobjekt am Pranger 
(DLF, Hintergrund, 17.11.2013)

Olympia in Sotschi - Wie der Kreml das Fernsehen kontrolliert 
(DLF, Sportsendungen, 27.11.2013)

Baustelle Sotschi 
(DLF, Sportsendungen, 17.4.2010)

Sorge um Olympia in Sotschi 2014 
(DLF, Sportsendungen, 6.6.2009)

An eine Krücke geklammert steht Nadeschda Kucharenko am Straßenrand. Sie muss höllisch aufpassen, dass der heranbrausende LKW sie nicht überfährt. Die 73-jährige Russin ist mit ihren Nerven am Ende. Seitdem 250 LKW Tag und Nacht durch die kleine Siedlung Achschtyr donnern, um Steine vom nahegelegenen Steinbruch aufzuladen und abzutransportieren, ist ihr Leben zur Qual geworden. 

"Ich wohne in einem alten Holzhaus und durch die Arbeit am Steinbruch und durch die LKW fallen ständig Sachen vom Dach meines Hauses. Es ist furchtbar schäbig."

Die alte Frau ist stark gehbehindert, nur mithilfe einer Holzkrücke schafft sie es überhaupt noch aus ihrem Haus.

"Ich bin behindert, ich kann kaum in die Stadt kommen. Allein um den kleinen Laden im Dorf zu erreichen, muss ich drei Kilometer laufen. Falls ich irgendwo mal umfallen sollte, dann brauche ich einen Krankenwagen und es gibt keinen, der mir diesen Krankenwagen hier herholen würde."

200 Menschen leben in der kleinen Siedlung nur gut zehn Kilometer vom Olympia-Park entfernt. Schon von der Dorfstraße aus kann man den Steinbruch erkennen, der zum Verhängnis des kleinen Ortes geworden ist. Eigentlich ist die Gegend ein Naturschutzgebiet, aber die Bäume hat man gerodet, um an die Steine heranzukommen. Die werden dringend für die olympischen Sportanlagen benötigt. Naturschutz spielt dabei keine Rolle. Doch den Bewohnern geht es nicht nur um Dreck, Verkehr und Lärmbelästigung, wie Alexander Koronow sagt.

"Sie können sich davon überzeugen, dass wir hier kein fließendes Wasser haben. Einmal die Woche wird uns mit dem LKW Wasser gebracht und wir wissen überhaupt nicht, wo dieses Wasser herkommt. Wir müssen das trinken, weil wir keine andere Wahl haben."

Die Brunnen sind versiegt

Früher war die Wasserversorgung für das Dorf durch Wasserbrunnen gesichert, doch durch die Erschließung des Steinbruchs verschob sich der Grundwasserpegel. Die Wasserbrunnen versiegten. Durch die ganzen Straußenbauarbeiten und Tunnelkonstruktionen rund um Sotschi ist das Dorf mittlerweile nicht mehr an das Verkehrsnetz angeschlossen. Der Schulweg der Kinder hat sich enorm verlängert und die nächste Haltestelle für den Bus in die Stadt ist sieben Kilometer entfernt. Wirtschaftlich profitieren vom Steinbruch tut keiner der Einwohner - im Gegenteil. 

"Aufgrund dieses Steinbruchs sind einige Menschen bereits krank geworden. Dieser Staub setzt sich direkt in den Lungen fest. Wir können nicht mal die Türen öffnen, manche Häuser haben sogar Risse bekommen. Hinzu kommt, dass unser Gemüse und Obst, das wir früher auf dem Markt verkauft haben und das unsere Lebensgrundlage war, keiner mehr haben will, weil es voller Staub ist."

300 Meter vom Dorfzentrum entfernt thront der Steinbruch über der Siedlung. Von dort überblickt man den Fluss Msymta, der genau am Olympia-Park mündet. Der Lärm der Maschinen, die die Steinbrocken aus den Felswänden hauen, ist kaum auszuhalten. Einige Häuser stehen unmittelbar daneben. An Schlaf und Ruhe ist hier nicht mehr zu denken. Um Hilfe haben die Bewohner viele gebeten: Den Bürgermeister, den Gouverneur, den Präsidenten, das Organisationskomitee Sotschi 2014 - gebracht hat das alles nichts. Dabei hatte sich das Organisationskomitee der Spiele das Thema Kompensierung ganz groß auf die Fahnen geschrieben: Für jeden gefällten Baum sollte ein neuer gepflanzt werden. Ein Slogan, über den Wladimir Kimajew, Umweltschützer der Umweltwache Nordkaukasus, nur müde lächeln kann.

"Der Wald, der für diese Region typisch war, der ist eigentlich komplett zerstört worden. Es werden Kompensationspflanzungen gemacht, aber das sind für mich keine. Da werden Palmen aus Italien eingeflogen, irgendwelche Sträucher, die für diese Region nicht geeignet sind."

Heizen mit Feuerholz

Olympische Winterspiele unter Palmen, so lautet das inoffizielle Motto der Spiele von Sotschi. Doch die Palmen werden wohl nur zur Dekoration am Wegesrand stehen, damit die Illusion für die Olympia-Besucher perfekt ist. Einen natürlichen Lebensraum haben Palmen in den Bergen von Krasnaja Poljana, wo die alpinen Skiwettbewerbe stattfinden werden, nämlich nicht. Sergej Tscheglewski, ein 32-jähriger Bewohner von Achschtyr, blickt verbittert in den Steinbruch hinab. Teilweise sei dort auch Müll abgeladen worden, sagt er. Aber dann hätten die Verantwortlichen schnell Erde darauf gekippt, damit es niemand mehr sehen könne. Aber momentan hat er ganz andere Probleme.

"Wir haben weder Wasser, noch eine Verkehrsanbindung, noch Gas. Wir heizen mit Feuerholz, aber das hat man uns verboten, damit keiner der Olympia-Gäste während der Spiele Rauch aus unseren Schornsteinen kommen sieht. Damit alle denken, dass überall alles schön ist und wir eigene Gasleitungen haben."

Die Bewohner von Achschtyr sind die großen Verlierer der ersten Olympischen Winterspiele in den Subtropen. Dabei hatten sie sich eigentlich gefreut, als die Wahl des Olympia-Austragungsortes auf Sotschi fiel. Sie hofften auf den Sprung in die Neuzeit mit neuen Verkehrsanbindungen und Modernisierungsmaßnahmen. Doch jetzt sei das alles wie ein Rückfall in die Steinzeit.

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