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Seit 18:40 Uhr Hintergrund

SowjetunionStalin war nicht allein

Großer Terror, Deportationen, Gulag: Stalins Herrschaft kostete Millionen Menschen in der Sowjetunion das Leben. In "Stalins Mannschaft" zeigt die Historikerin Sheila Fitzpatrick, dass der Diktator dabei von einem loyalen Team unterstützt wurde - das erschreckend effizient mitregierte.

Von Gemma Pörzgen

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Undatierte Aufnahme des sowjetischen Diktators Josef Stalin. (picture-alliance / dpa)
Undatierte Aufnahme des sowjetischen Diktators Josef Stalin. (picture-alliance / dpa)

Werke über Stalin haben sich lange vor allem mit dem Diktator selbst beschäftigt, sich auf seine Machtfülle, den Terror und den Personenkult konzentriert. Seit der Öffnung der russischen Archive in den 1990er Jahren ist in der Stalin-Forschung der innere Machtzirkel um den kommunistischen Herrscher stärker ins Blickfeld gerückt. Die US-amerikanische Sozialhistorikerin Sheila Fitzpatrick hat "Stalins Mannschaft", wie es in der deutschen Übersetzung heißt, ein Buch gewidmet, das bereits 2015 in den USA erschienen ist. In der amerikanischen Originalfassung ist von "Stalins Team" die Rede. Eine Wortwahl, die zunächst irritiert, aber die Autorin verdeutlicht schon im Vorwort, worum es ihr geht:

"Man könnte von einer Bande sprechen, wenn man andeuten will, dass ihre Tätigkeit - das Land zu regieren - einen illegitimen Anstrich hatte, so dass sie sich eher wie Verbrecher denn wie Regierungsmitglieder aufführten. Man könnte sie 'das Politbüro' nennen, das auf den turnusgemäßen Parteitagen gewählte Exekutivorgan des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. Nur wäre das nicht ganz richtig, denn die Mitgliedschaft in diesem Organ deckte sich aufgrund von Stalins Vorliebe für informelle Arbeitsgruppen nie vollkommen mit jenem Kreis. Man könnte sie, um einen anderen abwertenden Begriff im sowjetischen Diskurs zu verwenden, auch als 'Fraktion' bezeichnen. Lesern, die das Wort 'Bande' oder eine der anderen Bezeichnungen vorziehen, steht es frei, dieses im Geist zu ersetzen."

Stalin war der Chef, aber die Mannschaft mischte mit

In jedem Fall handelte es sich um eine Gruppe, deren Mitglieder sich regelmäßig trafen und nach Lenins Tod die Macht in der Sowjetunion übernommen hatten. Stalin hat, so schreibt Fitzpatrick, die Rolle des Mannschaftskapitäns. Zu seinen Vorrechten habe die politisch entscheidende Macht gehört, die anderen Mitspieler aussuchen und entfernen zu können.

"Tatsächlich habe ich im Laufe meiner Forschungen für dieses Buch darüber gestaunt, wie groß seine Autorität beim Rest der Gruppe war und wie wenig seine Vorrangstellung angezweifelt wurde. Die großen politischen Initiativen gingen von ihm aus, während die Beiträge seiner Mannschaft sich im Allgemeinen auf ihr jeweiliges Fachgebiet und die Institutionen beschränkten, für die sie verantwortlich war - das heißt: auf Fragen, die Stalin für zweitrangig hielt. Tatsache aber ist, dass es Stalin, obwohl er der unangefochtene Platzhirsch war, im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Mussolini und Hitler vorzog, mit einer Gruppe mächtiger Männer um sich zu arbeiten - einer Gruppe, die ihm zwar persönlich treu ergeben war, aber auch als Mannschaft tätig wurde."

Dieser These folgend gelingt es Fitzpatrick in faszinierender Weise mehr als 30 Jahre sowjetischer Geschichte gut lesbar aufzubereiten. Dabei erzählt sie vor allem davon, wie dieser innere Zirkel von Spitzenfunktionären seit Ende der 1920er Jahre das Land regierte. Die Historikerin vermittelt ein erstaunlich plastisches Bild des Miteinanders der politischen Weggefährten, dazu gehörten unter anderem Regierungschef Molotow, Geheimdienstchef Berija, Minister Mikojan und der spätere Nachfolger Stalins, Chruschtschow. Dass diese Schilderungen so lebendig ausfallen, liegt auch daran, dass Fitzpatrick nicht nur eine politische Männerwelt beschreibt. Mit erstaunlicher Detailkenntnis erzählt sie auch von den Ehefrauen, Geliebten und Kindern, gibt Einblick in die Familienverhältnisse.

Im Ausland war Stalin der einsame Herrscher - das war falsch

Sie zeichnet die biographischen Wege der Mannschaftsmitglieder nach und lässt dazu eine Fülle von Sekundärliteratur, aber auch Memoiren und Briefwechsel einfließen. Was sich heute im historischen Rückblick rekonstruieren lässt, blieb für viele Zeitgenossen völlig intransparent. So wurde der Einfluss der "Mannschaft" im Ausland damals völlig unterschätzt.

"Wenn die Phantasie im Land sich Stalin als von seinen Rittern umgeben vorstellte, so zeichnete ihn die ausländische Presse als jemanden, der alleine dastand. Der Grund dafür war nicht, dass die Mannschaft von allen außenpolitischen Angelegenheiten ausgeschlossen blieb: Im Gegenteil, es ist erstaunlich, wie tatkräftig Stalin sie einzubinden suchte, ob nun in den offiziellen Sitzungen des Politbüros oder außerhalb. Eine Einschränkung gab es jedoch für Mitglieder der Mannschaft. Sie sprachen kaum mit ausländischen Journalisten, das ist der Grund, warum sie vor dem Krieg in den Berichten des Auslands so gut wie unsichtbar waren."

Zu den informativsten Passagen des Buches gehören die Kapitel, die sich mit der Zeit nach Stalins Tod beschäftigen. Darin beschreibt Fitzpatrick, wie die Mannschaft den Übergang regelte und sich 1953 von der Herrschaft des Terrors konsequent verabschiedet hat.

Positiver Gesamteindruck, kleine Mängel

"Wie sich zeigte, hat Stalins Mannschaft auch ohne Stalin recht gute Arbeit geleistet, ja, verglichen mit den letzten Jahren vor seinem Tod sogar wesentlich bessere. Jeder war davon ausgegangen, dass nach Stalin die Anarchie ausbrechen würde, und auch die Mannschaft hatte das befürchtet. Tatsächlich gelang ihr aber ein erfolgreicher Übergang, bei dem - nach sowjetischen Begriffen - nur wenige umkamen und ein bemerkenswert weitreichendes und radikales Reformprogramm durchgeführt wurde. Der Umstand, dass die Reformen sofort eingeleitet wurden, ist ein starkes Indiz dafür, dass die Mannschaft sich lange vor Stalins Tod darüber einig war, dass ein Wandel dringend nötig, aber solange Stalin das Sagen hatte, undurchführbar war."

Trotz des positiven Gesamteindrucks schleicht sich bei der Lektüre ein gewisses Unbehagen ein. Gerade in den Passagen über den Großen Terror, der alleine im Jahr 1937 Hundertausende das Leben kostete, wird die Konzentration der Autorin auf die Machtriege teilweise zum Tunnelblick, der eine angemessene Darstellung der ungeheuerlichen Gewaltverbrechen und des Klimas der Angst in jener Zeit vernachlässigt. Dennoch bleibt es Fitzpatricks Verdienst, einem Leserkreis außerhalb der Fachwelt nachvollziehbar darzulegen, dass die Machtfülle damals - und vermutlich heute auch - nicht nur bei einer Person im Kreml lag.

Sheila Fitzpatrick: Stalins Mannschaft. Teamarbeit und Tyrannei im Kreml
Ferdinand Schöningh Verlag, 315 Seiten, 39, 90 Euro.

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