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StartseiteKultur heuteSozial engagierter Politfuror mit einer Prise Kapitalismuskritik19.03.2012

Sozial engagierter Politfuror mit einer Prise Kapitalismuskritik

Franz Xaver Kroetz´ Stück dreht sich vor dem Hintergrund eines realen Falles vor allem um Schuld. Letztlich macht diese Produktion noch einmal deutlich, dass das Residenztheater unter dem Intendanten Martin Kusej vor allem seine Kriterien für neue Texte dringend überprüfen muss.

Von Sven Ricklefs

Für Kroetz sind alle Figuren schuldig und versuchen sich zugleich in seinem Stück aus dieser Schuld herauszureden. (AP Archiv)
Für Kroetz sind alle Figuren schuldig und versuchen sich zugleich in seinem Stück aus dieser Schuld herauszureden. (AP Archiv)

Das Kind ist tot und fünf Männer reden sich aus ihrer Schuld heraus. Die zwei Frauen waren ihnen nur Handlanger, auch wenn sie abkassiert haben, wie die Männer sagen, jedes Mal, wenn das Kind, der Junge aus der Gasthofstoilette kam "Wenn man sich um alles kümmert, sagt die eine Frau, die Wirtin, kann man sich darum nicht auch noch kümmern. Und die andere, die auf goldenen Hochhacken und in der Kinderturnhose wie ein pervertierter Wiedergänger ihres toten kleinen Sohnes aussieht, sagt immer wieder: Wer will noch mal, wer hat noch nicht" und bietet sich selbst den Männern an.

Schließlich kann sie das Kind nicht mehr anbieten, schließlich ist das Kind ja tot, wie gesagt. Wahrscheinlich ist es in der schäbigen Gefriertruhe, die bedrohlich schief und tropfend aus dem Bühnenhimmel herunterhängt. Vor ihr ducken sich die Männer weg, wenn ihr Blick mal wieder nach oben zuckt. Ansonsten erinnern sie sich im manischen Redefluss an den kleinen Jungen, den sie geliebt haben, wie sie beteuern, dem sie niemals etwas hätten zuleide tun können, wie sie versichern, und den jetzt einer kaputt gemacht hat, wie sie das formulieren. Ohnehin sagen sie, kann das Opfer ja nicht ganz unschuldig gewesen sein, Was hast du getan, lautet ihre Frage, dass einer dich am Hals gepackt und gewürgt hat. Ansonsten beruhigen sie sich in ihren imaginierten Dialogen, dass sie selbst ja nie zu etwas Bösem fähig wären:

"Hab ich Dir jemals etwas Böses gemacht?"

"Nein, Du hast mir nichts Böses gemacht."

"Hab ich jemals etwas gemacht, wo Du gesagt hast, das macht jetzt Aua?"

"Nein, das hast Du nicht gemacht.""

Franz Xaver Kroetz´ "Du hast gewackelt. Requiem für ein totes Kind" besteht aus diesen imaginierten Dialogen und aus dem manischen Sprechen von fünf Männern, von fünf Tätern. Angelehnt ist das Stück an den realen Fall des kleinen Pascal von 2003, dessen Leiden und dessen Tod nie gesühnt wurde, weil das Gestrüpp aus Geständnissen und Widerrufen aus Beschuldigungen und mangelnden Beweisen am Ende für eine rechtsstaatliche Eindeutigkeit nicht ausreichte.

Für Kroetz dagegen sind sie alle schuldig und versuchen sich zugleich in seinem Stück aus dieser Schuld herauszureden, indem sie sich all das, was im Übergriff begann und im Gewaltakt endete zu Gesten der Fürsorge umwidmen oder zu bösen Träumen banalisieren.

"Ich hab gewackelt, Du bist dran."

"Du hast eine Haut Onkel und dahinter sind keine Fleischstücken."

"Wirklich nicht?"

"Nein wirklich nicht."

"Schieb sie ganz zurück."

"Da sind keine Fleischstückchen."

"Schieb sie vor und zurück, such ganz genau."

So peinsam dieser auf die verschiedenen Stimmen verteilte oder auch mal von diesen Stimmen als Chor vorangetriebene Redefluss stellenweise auch ist, trotzdem hat man die Botschaft des Stückes ziemlich schnell verstanden, sodass es in seiner ständigen Wiederholung schnell ins Leere läuft.

Zudem hat Franz Xaver Kroetz sich in seinem ebenso sympathischen wie allerdings auch altbekannten sozial engagierten Politfuror dazu verstiegen, noch eine ordentliche Prise Marx und Kapitalismuskritik unterzumischen.

So wird der Junge von seinen Peinigern als skrupelloser Verkäufer seiner selbst dargestellt, der das Spektrum seiner Dienste zwischen 50 Cent und 50 Euro auffächert. Und so ist "Du hast gewackelt. Requiem für ein totes Kind" bei allem respektablen Engagement kein wirklich gutes Stück, daran kann auch die jetzt nach fast zehn Jahren wohl zu Recht sehr späte Uraufführungsinszenierung von Anne Lenk im Münchner Cuvilliéstheater nichts ändern.

Lenk und ihre sichtlich um das Sujet bemühten Schauspieler geben dem vielleicht eher noch als Hörspiel denkbaren Text im schwarzen Bühnenraum immerhin eine Struktur, sie versuchen dem immer gleichen Prinzip der einen sich aus der Gruppe herausschälenden Stimme szenische Subtexte zu liefern, doch letztlich macht auch diese Produktion nur noch einmal deutlich, dass das Residenztheater unter seinem neuen Intendanten Martin Kusej vor allem auch seine Kriterien für neue Texte dringend überprüfen muss.

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