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StartseiteSport am WochenendeSoziale Ballarbeit08.06.2013

Soziale Ballarbeit

Die Koordinationsstelle Fanprojekte feiert Geburtstag

In der Saison 1992/1993 besuchten im Schnitt rund 26.000 Zuschauer die Spiele der Fußball-Bundesliga, zwanzig Jahre später sind es 43.000 Zuschauer. Viele europäische Ligen beneiden Deutschland um kreative Fans, um moderate Eintrittspreise und um die Kommunikation zwischen Klubs und Anhängern. Die pädagogischen Fanprojekte haben an dieser Entwicklung einen großen Anteil. Der Dachverband dieser sozialen Ballarbeiter feiert jetzt 20jähriges Jubiläum.

Von Ronny Blaschke

Fanprojekt für mehr Mitspracherecht: 12 Minuten und 12 Sekunden ohne Fans und Stimmung beim Spiel Bayer 04 Leverkusen gegen 1.FC Nürnberg.  (dpa picture alliance / Mika Volkmann)
Fanprojekt für mehr Mitspracherecht: 12 Minuten und 12 Sekunden ohne Fans und Stimmung beim Spiel Bayer 04 Leverkusen gegen 1.FC Nürnberg. (dpa picture alliance / Mika Volkmann)

Die Geschichte der sozialen Fanarbeit ist eine Geschichte von Rechtfertigung und Überlebenskampf. Wissenschaftler hatten 1981 in Bremen den Anfang gemacht, sie wollten die Fankultur erforschen. Monate später, vor dem Pokalspiel des Hamburger SV gegen Werder Bremen, geriet der 16-jährige Werder-Fan Adrian Maleika in einen Hinterhalt. Er wurde von einem Stein eines Hamburger Hooligans getroffen, am Tag darauf starb er. Als Reaktion wurde auch in Hamburg ein Fanprojekt gegründet. Der Deutsche Fußball-Bund wollte zunächst nichts mit Sozialarbeitern zu tun haben, sagt Thomas Schneider, einer der Mitbegründer der modernen Fanbetreuung.

"Also wir waren eigentlich zu gering, um feindselig wahrgenommen zu werden. Wir waren Exoten. Man hat uns für naive Weltverbesserer gehalten. Als wir 1983 mal bei einer Manager-Tagung des DFB eingeladen waren, Rudi Assauer, Uli Hoeneß, Günter Netzer. Da war eine gewisse Befangenheit auch bei uns mit diesen Fußball-Heroen. Uli Hoeneß brachte das damals auf den Kernsatz, wir seien alle arbeitlose Sportlehrer und arbeitslose Akademiker, die sich auf Kosten des Fußballs – er sagte nicht ´bereichern’, sondern er sagte: ´einen Job verschaffen wollen`."

Im März 1991 randalierten hunderte Dresdner Fans beim Europapokalspiel gegen Roter Stern Belgrad, die Partie wurde abgebrochen. Der Vorfall löste eine Sicherheitsdebatte aus. Das Ergebnis war 1992 das Nationale Konzept Sport und Sicherheit, das NKSS. Darin wurden Sicherheitsrichtlinien festgeschrieben. Über bauliche Maßnahmen in den Arenen, Stadionverbote, Ordnerdienste. Laut dem NKSS sollte eine Drittellösung die Kosten der Fanprojekte ermöglichen, unter Beteiligung von DFB, Kommune und Land. Die Vernetzung übernahm 1993 die Koordinationsstelle Fanprojekte, die KOS, angegliedert an die Deutsche Sportjugend. Heute berät die KOS 49 Fanprojekte, die sich an 54 Fanszenen richten. Ein weltweit einmaliges Konzept, sagt der Sozialwissenschaftler und Fanforscher Gerd Dembowski, aber optimal seien die Bedingungen nicht.

"Wir haben ein Nationales Konzept Sport und Sicherheit, in dem drin steht: drei Stellen plus eine Verwaltungskraft. Von über fünfzig Fanprojekten erfüllt noch nicht mal eine Handvoll diese Mindeststandards. Die meisten Fanprojekte arbeiten mit einer und einer halben Stelle. Diese eine Stelle ist eigentlich schon verbraucht, wenn die sich zu allen Auswärts- und Heimspielen bewegt, zu teilnehmenden Beobachtungen. Fanprojekte leben auch sehr stark davon, dass die Leute sowieso schon über ihr Arbeitspensum hinausarbeiten."

Die Errungenschaften der Fanprojekte sind enorm: Sie haben dazu beigetragen, Gewalt und Diskriminierung in den Stadien zurückzudrängen, in den deutschen Ligen, aber auch während Europa- und Weltmeisterschaften. Fanprojekte vermitteln zwischen Fans, Klubs und Polizei. Sie wollen Jugendliche ermächtigen, am demokratischen Gemeinwesen teilzunehmen. Auch deshalb haben die Sozialarbeiter an zwölf Fußballstandorten sogenannte Lernzentren auf den Weg gebracht. Doch die hohen Anforderungen hinterlassen Spuren: Zuletzt haben 25 Mitarbeiter die Fanprojekte verlassen. Die Verbände wollen daher ihre Förderung noch einmal erhöhen: 2,9 Millionen Euro haben DFB und Deutsche Fußball-Liga bislang jährlich in Projekte investiert, mit Beginn der neuen Saison werden es 5,8 Millionen sein. Mit dem Anteil von Ländern und Kommunen stehen dann knapp 13 Millionen Euro zur Verfügung. Wolfgang Niersbach, Präsident des DFB.

"Da sind wir in einer Bringschuld. Aber bei all dieser Präventivarbeit: Die Restgruppe, die Ihnen Kummer bereitet, die bleibt. Du hast in diesen Fanblöcken Leute, die beeinflussbar sind zwischen Plus und Minus. Und die können über die Arbeit der Fanprojekte auf Plus hingezogen werden."

Im Frankfurter Römer feierte die Koordinationsstelle Fanprojekte am Freitag ihren runden Geburtstag. Wolfgang Niersbach hielt eines der Grußworte. Der DFB baut auf seine Sozialarbeiter – vor zwanzig Jahren hätte das wohl niemand für möglich gehalten.

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