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Soziologe: Studentische Mitbestimmung ausbauen statt abschaffen

Hochschulforscher widerspricht JU-Forderung nach ASten-Abschaffung

Tino Bargel im Gespräch mit Manfred Götzke

Weniger Demokratie wagen: Die Junge Union hält die AStA-Mittel "in der personellen und technischen Ausstattung unserer Hochschulen besser angelegt".
Weniger Demokratie wagen: Die Junge Union hält die AStA-Mittel "in der personellen und technischen Ausstattung unserer Hochschulen besser angelegt". (dpa / picture alliance / Bernd Wüstneck)

Der Konstanzer Soziologe Tino Bargel verteidigt die studentische Mitbestimmung gegen die Fundamentalkritik durch die Junge Union. Statt, wie von der CDU-Jugendorganisation gefordert, die ASten abzuschaffen, sei vielmehr ein Ausbau studentischer Mitwirkung "funktional notwendig".

"Wir haben ein Problem mit ASten generell, weil wir glauben, dass an den meisten Unis, an den meisten Hochschulen mittlerweile der AStA nicht mehr wirklich die Interessen der Studenten vertritt. Ganz oft habe ich das erlebt, auch an der Uni Köln, wo ich studiert habe, dass ganz viele AStA-Mitglieder, gerade im Vorstand von AStA, Interessenvertreter nur in eigener Sache sind."

Manfred Götzke: Sagt Marcel Grathwohl aus dem Vorstand der Jungen Union schon vor einigen Wochen in unserem Programm. Und weil die Junge Union das tatsächlich so sieht, will sie den AStA abschaffen, hat sie am Wochenende in ihrem neuen Grundsatzprogramm beschlossen. Aber stimmt das überhaupt? Wessen Interessen vertritt der AStA wirklich und wie groß ist das politische Engagement eines normalen Bachelor-Studenten überhaupt? Darüber sprechen möchte ich mit jemandem, der das wissen muss: Tino Bargel, Soziologe der Uni Konstanz. Er hat sich in mehreren Studien mit dem politischen Engagement der Studierenden befasst. Herr Bargel, sind die Leute an der Uni, die Hochschulpolitik machen, Interessenvertreter nur in eigener Sache?

Tino Bargel: Selbstverständlich nicht, sie sind Interessenvertreter der Studierenden. Dass natürlich die gewählten Vertreter dann ein spezifisches Konzept haben, ist ja in der Politik immer selbstverständlich. Und deswegen sozusagen CDU-Angehörigen oder RCDS eine falsche Brille vorzuwerfen, oder den Jusos oder anderen politischen Gruppierungen, ist natürlich völlig verfehlt. Demokratie lebt gerade von dem Ärger, dass andere eine andere Meinung haben und das eben ausgehandelt werden muss.

Götzke: Was bewegt den Studierende, Hochschulpolitik zu machen?

Bargel: Einerseits das früh entwickelte Interesse an öffentlichen Geschehnissen, andererseits die Einsicht, dass, wenn man sich nicht einmischt und nicht mitwirkt, eben die anderen bestimmen, was mit dem eigenen Leben passiert, nicht? Welche Prüfungsordnungen bestehen, welche Studiengänge akkreditiert werden, und so weiter. Und wenn sich die Studenten dann nicht darum kümmern, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn sie am Ende Studiengänge vorgesetzt bekommen, die ihnen am Ende nicht gefallen, oder die sie in die Hetze bringen. Insofern ist so eine Interessenvertretung in der verfassten Studentenschaft auch für diese Funktion der Einflussnahme außerordentlich wichtig.

Götzke: Nun sagt die Junge Union in hochschulpolitischen Gremien gehe es öfter um die Benachteiligung der Palästinenser als um Auswirkungen der Bologna-Reform. Ist da etwas dran?

Bargel: In der Regel nicht. In Ausnahmefällen kann es mal eine abendliche Debatte geben, wo tatsächlich dieses im Mittelpunkt der Diskussion steht. Aber in der Regel, was man beobachten kann, gerade in der Fachschaftsarbeit, gerade aber auch in den hochschulischen Gremien, sind die dort vertretenen Studierenden immer sehr interessiert, an diesen Entwicklungen teilzuhaben und darauf Einfluss zu nehmen. Das Problem ist, dass sie von ihren Kommilitonen oft dabei nicht hinreichend unterstützt werden.

Götzke: Der Hauptkritikpunkt der Jungen Union ist allerdings ein anderer: Hören wir doch mal rein, was Marcel Grathwohl sagt.

"Eine studentische Mitbestimmung, wenn ich mir das an der Uni Köln immer angeguckt habe, lebt ja auch davon, dass daran partizipiert wird. Und an der Uni Köln lag die Wahlbeteiligung meistens so bei 15 Prozent, da weiß ich nicht, ob man wirklich noch von einer Vertretung der Studenten sprechen kann, wenn dort vor allem im Studierendenparlament, aber auch im AStA alles sehr intransparent ist. Ich kann mir das zwar abrufen, für was der AStA Geld ausgibt, ich habe aber eigentlich als normaler Studierender überhaupt keinen Einfluss."

Götzke: Haben die Asten die Studentenparlamente aufgrund der geringen Wahlbeteiligung ein Legitimationsproblem?

Bargel: Im Prinzip ja, das gilt aber für unsere Demokratie generell. Wenn wir an die Wahlbeteiligung bei Bürgermeisterwahlen oder Europaparlamenten, selbst in der Schweiz bei Volksabstimmungen denken, die gehen auch oft über 15, 30 Prozent nicht hinaus, sie haben nur demokratisch ihre Gültigkeit, denn es liegt an den Wahlbeteiligten oder Wahlaufgerufenen, sich zu beteiligen oder nicht. Wer sich nicht beteiligt, nimmt einfach das Ergebnis hin, es wird ja generell eben die abnehmende Wahlbeteiligung auch entsprechend diskutiert, genau so über die Fragen der Intransparenz bei solchen Sachen, das ist nur nicht eine Frage dann der grundsätzlichen Regelung und der Prinzipien, sondern der Realisierung dieser Prinzipien, und die Prinzipien werden nicht durch eine höhere oder geringere Wahlbeteiligung ausgehebelt. Das heißt, eine Person ist unabhängig von der Wahlbeteiligung in ihr Amt, in ihre Funktion gewählt, das ist unsere Demokratie. Und die darf die CDU, oder wer immer, darf die nicht aushebeln.

Götzke: Woran liegt es eigentlich, dass sich so wenige Studierende beteiligen: am Bachelor-Stress oder eher an einer generellen Entpolitisierung unserer Gesellschaft?

Bargel: Ja, es liegt eindeutig nach den Befunden aus Untersuchungen, aber auch nach den Erfahrungen an den Hochschulen, sehr stark an einem längerfristigen Trend. Das Bachelor-Studium mit seiner Verengung, auch mit seiner gewissen Hetze, hat das noch mal verstärkt, aber die grundsätzliche Distanz gegenüber dem kritischen Feld, sich zu engagieren, sich zu beteiligen, Konzepte für die Politik zu entwickeln und die dann auch zu vertreten, das hat schon seit Mitte der 90er-Jahre eingesetzt und hat sich noch vor der Bachelor-Reform, das heißt, Anfang dieses Jahrtausends verstärkt, und hat noch mal einen weiteren Akzent, das muss man sagen, auch durch dieses Bachelor-Studium erhalten. Aber es wäre – das sage ich mal ganz deutlich – für die Studierenden eine faule Ausrede zu sagen, wegen des Bachelor-Studiums können wir uns nicht engagieren, das ist nicht der Fall. Andere machen es ja.

Götzke: Eben. Nun haben Sie klar Stellung bezogen, AStA abschaffen macht überhaupt keinen Sinn. Aber sehen Sie irgendwo Reformbedarf?

Bargel: Erheblich, eben gerade die studentische Mitwirkung zu verstärken und Verantwortung von den Studenten regelrecht zu verlangen. Das heißt auch, bei der Mittelvergabe an den Hochschulen, bei der Lehrplangestaltung, bei der Akkreditierung und so weiter – es macht sowohl Sinn, ist auch funktional notwendig, eben, dass sie Verantwortung übernehmen, dass sie an den Auseinandersetzungen teilnehmen, und dass sie Konzepte entwickeln.

Götzke: Das heißt, Sie würden die Studierenden irgendwie dazu zwingen, sich in der Fachschaft im Studentenparlament, in den AStAs zu beteiligen, dort mitzuwirken?

Bargel: In gewisser Weise ist das zu überlegen, um sie wieder in Bewegung zu bringen, zum Beispiel eben, es werden bestimmte Mittel nicht ausgegeben, meinetwegen was aus Studiengebühren entstanden ist oder aus anderen Mitteln, wenn nicht die Studenten mitentscheiden, was mit diesen Mitteln geschieht, dann liegen die eben auf Halde. Das ist ein mögliches Modell sozusagen, die Studenten in die Entscheidung einzubeziehen.

Götzke: Definitiv ein interessanter Vorschlag. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bargel!

Bargel: Ja, gern geschehen!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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