Donnerstag, 22.02.2018
 
Seit 02:05 Uhr Kommentar
StartseiteInterview"Überrascht, wie viel Romantik es im Netz gibt"14.02.2018

Soziologe über Online-Dating"Überrascht, wie viel Romantik es im Netz gibt"

Menschen auf Partnersuche würden beim Online-Dating oft schnell sehr intime Dinge von sich erzählen, sagte der Soziologe Kai Dröge im Dlf. Ein reales und körperliches Treffen sei nach einem solchen Kennenlernen dann "ein sehr kritischer Moment". Oft würden dann Vertrautheit und Nähe schlagartig zusammenbrechen.

Kai Dröge im Gespräch mit Mario Dobovisek

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Aufnahme einer Computer-Tastatur mit einer Herztaste (imago )
"In der Liebe und in der Sexualität ist es immer so, dass gewisse Freiräume auch neue Chancen und Möglichkeiten eröffnen", sagt der Soziologe Kai Dröge. (imago )
Mehr zum Thema

Ausstellung "Future Love" in Basel Inspirationen aus der Dating-App

Dating-Apps für Muslime Der Koran hat nichts dagegen

Nigeria Dating-Agentur für HIV-Positive

Dating-Apps für jeden Bedarf Partnersuche à la Silicon Valley

Mario Dobovisek: Heute ist Valentinstag, 14. Februar. Doch um seiner oder seinem Liebsten heute eine kleine Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, müssen Mann, Frau oder das dritte Geschlecht sich erst einmal in einer Beziehung befinden, erst einmal einen Partner, eine Partnerin gefunden haben. Vor 50 Jahren bahnten sich Beziehungen vielleicht noch am ehesten beim Tanzkurs an, beim Foxtrott-Schwofen, vor 25 Jahren die Beats in der Disko. Und heute? – All das gibt es sicher auch noch. Doch wer sich jetzt bei Singles im Alter, sagen wir, zwischen Teenage und Ende 30 umhört, der stolpert zwangsläufig über Partnervermittlung im Internet. Auf der einen Seite allein mit der Kraft des Bildes bei Tinder zum Beispiel, sozusagen wisch und weg, auf der anderen Seite ausgeklügelt über das Zusammenführen passender Charaktereigenschaften wie bei Parship, Elitepartner und Co.

Romanzen im Netz – längst sind sie raus aus der Ecke der miteinander chattenden Nerds und für viele Firmen ein lohnendes Geschäft. Darüber spreche ich mit Kai Dröge. Er ist Soziologe in Frankfurt und Luzern, erforscht dort das Online-Dating. Guten Morgen!

Kai Dröge: Ja, guten Morgen!

Dobovisek: Ist das Online-Dating heute das, was vor 50 Jahren der Tanzkurs war?

Dröge: Ja, ein Stück weit schon. Aber aus einem besonderen Grund, glaube ich. Weil, man muss ja sehen: In der Liebe und in der Sexualität ist es immer so, dass gewisse Freiräume auch neue Chancen und Möglichkeiten eröffnen, Dinge auszuprobieren, Experimente zu wagen und so weiter. Und ich würde sagen, auf diese Weise ist ähnlich wie früher die Tanz-Cafés so ein Ort waren, wo man sich mal aus der Beobachtung durch die Eltern herausbegeben konnte und Leute kennenlernen konnte und so, so ist das Internet heute vielleicht so ein Freiraum, wo man Sachen ausprobieren kann, wo man sich kennenlernt und so weiter. In dem Sinne würde ich das sagen.

"Ein Raum, wo man auch mal etwas Neues ausprobieren kann"

Dobovisek: Ein Freiraum vielleicht, aber sicherlich kein Experiment mehr, wenn man sich die Zahlen anguckt. Denn Online-Dating ist inzwischen ein Massenphänomen geworden.

Dröge: Ja, absolut. Wobei man muss natürlich sagen: Es gibt da sehr, sehr viele Spielarten und sehr, sehr viele Möglichkeiten, und eher in dem Sinne meine ich einen Raum, wo man auch mal etwas Neues ausprobieren kann. Das haben wir auch in unseren Interviews immer wieder gehört, dass Leute das auch nutzen, um mal in Bereiche reinzuschnuppern, wo sie vielleicht außerhalb des Netzes, außerhalb auch ein wenig dieses Schutzraumes, den auch die Anonymität und dieses Medium erst mal bietet, sich so nicht unbedingt reintrauen würden.

Dobovisek: Geht es beim Scannen der unzähligen Profile im Netz noch um Romantik, oder eher schon um Nutzenmaximierung, um die bestmögliche Beziehung, den rechnerisch bestmöglichen Match, wie es beim Online-Dating ja auch heißt?

Dröge: Wenn man sich diese Plattformen anguckt, dann sind viele natürlich schon sehr so wie eine Art Partnerschaftsmarkt aufgebaut, so eine Art eBay der Liebe im Grunde, ich meine auch schon rein von der Optik und der Benutzung dieser Plattformen. Es ist sehr ähnlich wie bei einem Online-Shop. Man hat eine Übersicht, was so im Angebot ist, mit Bildern und ein paar Eigenschaften. Man kann sich das dann ein bisschen genauer anschauen, auswählen nach Eigenschaften und so. Das ist natürlich etwas sehr, sehr anderes, als wenn man Menschen in anderen sozialen Kontexten kennenlernt, wo man oft gar nichts weiß über eine Person, über das Alter, über vielleicht auch Hobbys oder Vorlieben oder Einkommen oder Bildungsstand oder so, sondern wo man erst mal intuitiv sich zu einer Person hingezogen fühlt und dann erst langsam im Gespräch sieht, was ist das eigentlich für ein Mensch. Das ist tatsächlich so eine Art von Massenkonsum der Liebe.

Ich muss aber eins dazu sagen: Das war auch eine Vermutung, ein Interesse, mit dem wir auch gestartet sind in diese Untersuchung. Aber ich war doch überrascht, wie viel Romantik und auch romantische Kommunikation es im Netz gibt.

"Es kommt zu sehr, sehr intensiven Gesprächen in diesem Medium"

Dobovisek: Wie kann das existieren, wenn im Prinzip diese Nutzenmaximierung, im Grunde ja auch unternehmerisches Denken, wenn ich so und so viel investiere in diese Beziehung, bekomme ich vielleicht so und so viel zurück, weil unsere Eigenschaften gut zusammenpassen, wie kann daraus Romantik entstehen?

Dröge: Erst mal ist es natürlich auch so, dass Leute diese Logik auch ein Stück unterlaufen, auch spielerisch damit umgehen. Das gibt es. Aber es ist natürlich auch so: Wenn sie dann doch mal in eine Kommunikation mit einer einzelnen Person eintreten, dann passieren eben  auch noch andere Dinge. Und wir kennen das ja. Es hat ja eine ganz, ganz lange Tradition schon, dass auch eine medial vermittelte Kommunikation die Intensität der Gefühle durchaus auch steigern kann. Wir kennen das aus der romantischen Literatur schon, die Briefromane der Romantik etc. Und so ist es auch im Netz. Es ist wirklich seltsam, dass eigentlich dadurch, dass wir durch diese primär textbasierte Kommunikation jetzt erst mal relativ wenig über das Gegenüber erfahren, oder in einem sinnlichen Sinne auch, die Fantasie sehr beflügelt wird. Hinzu kommt noch, wie ich schon gesagt habe, dass das Internet auch so ein Schutzraum ist, durch diese Anonymität ein Stück weit. Und das zusammen führt dazu, dass die Leute sich oft sehr schnell sehr weit öffnen, sehr intime Dinge von sich erzählen und es zu sehr, sehr intensiven Gesprächen kommt in diesem Medium, die dann nicht mehr so viel mit Nutzenmaximierung unbedingt zu tun haben.

Dobovisek: Wie groß ist die Gefahr dann beim ersten echten Treffen in der wirklichen Welt, offline sozusagen, beim ersten Treffen, beim ersten sich Beschnuppern, wo die Chemie dann überhaupt nicht stimmt, dass das Kartenhaus zusammenbricht?

Dröge: Ja, das ist leider ein sehr, sehr kritischer Moment, und häufig passiert es, dass diese große Vertrautheit und Nähe, die im Netz entstanden ist, dann sehr schlagartig zusammenbricht. Es war interessant, wie uns Leute auch erzählt haben in den Interviews, dass es oft körperliche Aspekte sind, sehr kleine Dinge, wie jemand einem schon zur Begrüßung die Hand gibt, oder kleine Details im Äußeren, die auf einem Foto so nicht erkennbar sind, wie sich jemand gibt im Raum, wenn man sich trifft etc. Der Grund ist einfach, dass tatsächlich auch diese Fantasie, wo ich mir ein Gegenüber bereits imaginiere, dass da natürlich auch viel schon dieser Dinge irgendwie in diesem Bild enthalten ist, und das bricht dann schnell zusammen, wenn man sich tatsächlich trifft.

Dobovisek: Ich bekomme bei einem solchen Match konstruiert vielleicht das, was ich mir wünsche. Ist das dann am Ende aber auch das, was ich wirklich brauche? Das stellt ja zum Beispiel einer der Parship-Gründer inzwischen selber in Frage.

Dröge: Ich bin da sehr skeptisch, muss ich sagen, was diese Matching-Algorithmen betrifft – einfach weil die Liebe ja auch ein Ort ist, wo wir auch immer in so einer Beziehung etwas Neues an uns entdecken, uns auch ein bisschen neu kennenlernen, und das macht es ja gerade auch so spannend und so interessant, wenn man jemand kennenlernt. Das macht auch ein Stück den Reiz aus. Deswegen: Wenn diese Passung zu gut ist, dann ist das eigentlich nur noch langweilig. Da ist der Reiz weg und das ist das Problem bei diesem Matching.

"Das Netz verleitet dazu, die Suche immer weiter fortzusetzen"

Dobovisek: Verändert Online-Dating generell unsere Beziehungen und den Begriff, den wir haben von Liebe, oder bloß die Art und Weise, wie all das entsteht?

Dröge: Das ist schwer zu sagen, denke ich. Welche langfristigen Auswirkungen das auch hat und wie sich unsere Beziehungen durch diese massenhafte Verbreitung von Online-Dating letztlich verändern werden, können wir, glaube ich, im Moment noch nicht wirklich absehen.

Dobovisek: Wie verändert sich damit unsere Beziehungsfähigkeit? Lässt sich das absehen? Unsere Toleranz, unsere Hemmschwelle, Beziehungen auch zu unterbrechen, abzubrechen?

Dröge: Ein großes Problem ist natürlich im Netz diese gigantische Auswahl, die sozusagen nie auszuschöpfen ist. Das ist wirklich sehr schwierig, weil es dazu verleitet, diese Suche immer weiter fortzusetzen. Wir haben das oft gesehen in unserer Forschung, dass Leute dann über Jahre das betreiben, vielleicht mal kurze Beziehungen haben, aber nichts, was irgendwie von Dauer ist. Es ist natürlich immer diese Idee, da ist ja noch so viel, ein paar Mausklicks weiter, vielleicht gibt es da noch jemand Besseren. Das Problem ist, dass Sie dann tatsächlich Ihre Beziehungsfähigkeit, Ihre Bindungsfähigkeit an eine einzelne Person letztlich nahezu einbüßen, und das ist eine große Gefahr.

Dobovisek: Ist Online-Dating am Ende schädlich für unsere Beziehungsfähigkeit?

Dröge: Ich würde sagen, es ist eine schöne neue Möglichkeit. Man sollte sie nutzen. Aber man sollte auch sehen, dass man sich darin auch verlieren kann – ja.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk