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Soziologie schafft Gesellschaft

Armin Nassehi über den soziologischen Diskurs der Moderne

Von Hans-Martin Schönherr-Mann

Gesellschaft ohne Soziologie ist für Armin Nassehi nicht denkbar.
Gesellschaft ohne Soziologie ist für Armin Nassehi nicht denkbar. (AP)

Gesellschaft und Soziologie gehören zusammen, befindet Armin Nassehi, Autor des Buches "Der soziologische Diskurs der Moderne". Letztendliche produzierte die Soziologie ihren wissenschaftlichen Gegenstand, nämlich die moderne Gesellschaft, selber mit.

Lebten die Menschen im Mittelalter oder in der Antike in Gesellschaften? Natürlich, wird man spontan antworten. Doch wenn man genauer hinschaut, dann erscheint es nicht abwegig, auf diese Frage sogar mit Nein zu antworten. Denn vormoderne Gemeinschaften verstanden sich selbst nicht als Gesellschaften, sondern vielleicht als feudaler Hof und als bäuerliches Dorf im Mittelalter oder als antike Polis. Der Münchner Soziologe Armin Nassehi stellt dabei einen überraschenden Zusammenhang her:

"Ich würde mal behaupten, das es so etwas wie Gesellschaft ohne Soziologie oder ohne soziologieähnliche Reflexionsformen nicht gegeben hätte."

Die Soziologie entsteht langsam im Laufe des 19. Jahrhunderts, in der Hochphase des Bürgertums, nicht in der Antike, nicht im Mittelalter. Just mit dem Bürgertum entwickelt sich erst die Gesellschaft und zwar als bürgerliche Gesellschaft, die durch kapitalistische Ökonomie, rechtliche Regelung und öffentliche Institutionen geprägt wird, in denen auch über politische Probleme öffentlich diskutiert wird. Armin Nassehi bemerkt:

"'"Mit dem Wiener Kongress von 1815 hat letztlich in Europa eine Welt von Kollektivitäten begonnen. Vorher hatten wir eine Welt von Herrschaftsräumen. Jetzt haben wir eine Welt von Kollektivitäten, die sich historisch als Nationalstaaten niedergeschlagen haben. Und Nationalstaaten und Gesellschaften waren fast das Gleiche. Man konnte eine Art Solidarraum entstehen lassen. Man konnte auch einen Raum für Kritik entstehen lassen.""

So avanciert im 20. Jahrhundert die Wissenschaft von der Gesellschaft, die Soziologie, zur großen Leitwissenschaft, die als solche erst in den letzten zwei Dekaden verblasst. Sie drückt für Armin Nassehi das Selbstverständnis moderner Gesellschaften aus, das was diese als sich selbst wahrnehmen, wie diese sich selbst verstehen: beispielsweise eher in Klassen aufgeteilt oder eher als vereinzelte Individuen. Allemal aber diskutieren moderne Gesellschaften darüber in bestimmten öffentlichen Foren: in den Medien, den Parlamenten, in Clubs, in Veranstaltungen.

"Und deshalb versuche ich ja auch am Anfang des Buches so eine Figur zu entwickeln, die ich die Arena-Figur nenne, das heißt, ein Sozialraum produziert innerhalb seiner selbst einen Kommunikationsraum, in dem sich Gesellschaften selbst als Gesellschaften thematisieren und sowohl durch Gemeinsamkeiten als auch durch Konflikte integrieren."

Abgesehen davon, dass heute Fußballstadien überall unter diesem Deckmantel aus dem Boden schießen, klingt mit dem Wort "Arena" natürlich Jürgen Habermas' berühmtes Buch aus dem Jahr 1985 an: "Der philosophische Diskurs der Moderne". Für Habermas beruht die moderne Gesellschaft auf Kommunikations- und Verständigungsprozessen, die implizit ein Ideal des zwanglosen Zwangs des besseren Arguments, also des vernünftigen Gesprächs bergen.
So jedenfalls nehmen sich moderne Gesellschaften selbst gerne war, wenn in ihnen die Öffentlichkeit eine wichtige Rolle spielt, in der über zentrale Fragen und Anliegen für alle wahrnehmbar, aber auch möglichst vernünftig und nicht bloß hitzig diskutiert werden soll: In den Parlamenten beispielsweise dürfen sich die Parteien doch nicht bloß gegenseitig blockieren, sondern müssen nach für alle tragfähigen Kompromissen suchen.

Hier schließt im Sinne von Armin Nassehi "Der soziologische Diskurs der Moderne" an, der aber die moderne Gesellschaft nicht nur von außen analysiert, sondern sie auch von innen her teilnehmend mitgestaltet:

"Mir scheint, dass das Spannende an der Soziologie ist eben zu sehen, dass auch Beschreibungen zur Gesellschaft gehören und nicht etwas sind, was von außen passiert."

Gesellschaft und Soziologie gehören zusammen, und nicht nur weil es historisch Gesellschaften erst mit der Soziologie und die Soziologie erst mit Gesellschaften gibt. Die Soziologie beschreibt nicht bloß die Gesellschaft, sondern beteiligt sich daran, das gesellschaftliche Bewusstsein überhaupt entstehen zu lassen. Denn die Gesellschaft versteht sich - jedenfalls zu einem gewissen Anteil - selbst so, wie die Soziologie sie beschreibt. Damit ergibt sich aber die überraschende Situation, dass die Soziologie ihren wissenschaftlichen Gegenstand, nämlich die moderne Gesellschaft selber mitproduziert: Ergo die moderne Gesellschaft existiert nicht ohne den soziologischen Diskurs der Moderne:

"Der Begriff der Gesellschaft, wenn man ihn nimmt wie er seit Hegels Begriff der bürgerlichen Gesellschaft funktioniert hat, bedeutet eigentlich nichts anderes, als dass ein Raum entsteht, in dem Arenen entstehen. Solche Räume werden automatisch politisiert, das heißt, auf einmal haben wir es mit großen sozialen Einheiten zu tun, die Kollektive sind. Das hat es in der früheren Welt nicht gegeben."

Doch in der Arena beziehungsweise in der öffentlichen Debatte setzt sich mit dem zwanglosen Zwang nicht - wie Habermas hofft - einfach das bessere Argument durch, sondern es melden sich immer mehr Stimmen zu Wort, vervielfältigen sich ständig Argumente und Positionen. Diese Stimmen erheben dabei den Anspruch, ernst genommen zu werden, und zwar nicht nur dadurch, dass sie sich auf die Vernunft, sondern auch dadurch, dass sie sich auf ihre Herkunft, ihre Tradition, ihre Religion oder ihre Kultur berufen. Unter einer kommunikativen, vermittelnden Perspektive bleibt der Soziologie auch gar nichts anderes übrig, als alle diese Stimmen anzuerkennen. Diverse Meinungen müssen heute ernst genommen werden, selbst wenn sie ziemlich unvernünftig erscheinen. Armin Nassehi bemerkt häretisch:

"Wir können Kulturen schrecklich finden. Aber wenn sie als Kultur auftauchen, sind sie authentische Sprecher und nun kann man nicht mehr sagen, dass sie böse, schlecht und zurückgeblieben oder sonst etwas sind. Nicht dass ich ein Raster haben möchte und sagen, welche Kulturen sind zurückgeblieben und welche nicht - unter uns gesagt - es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn man sich so etwas trauen würde, das zu formulieren."

Die Soziologie hat also nicht einfach einen Gegenstand, den sie von außen betrachtet, sondern sie nimmt selbst an ihren Gegenstand teil, legitimiert, ihn definiert ihn, schafft ihn. Sie spielt in der Gesellschaft mit, und dieses Spiel muss sie nun reflektieren, also das betrachten, was gerade geschieht. Gesellschaft präsentiert sich derart als ein aktuelles Geschehen. Armin Nassehi betont:

"Gesellschaft ist nun mal nichts anderes als Prozesse, als Ereignisse, die in Echtzeit sich entfalten müssen. Ich entwickle ja so ein Konzept der Gesellschaft der Gegenwarten, was nichts anderes bedeuten soll, als wenn wir uns Gesellschaften anschauen, wir feststellen, dass Prozesse eigentlich sich selber erzeugen."

"Der soziologische Diskurs der Moderne" muss sich somit selbst reflektieren, wenn er die Gesellschaft analysieren will, muss die Grenzen seiner Begriffe genauso einschätzen wie das, was vor seinen Augen passiert. Wenn Institutionen durch den sich beschleunigenden sozialen Wandel ständig an orientierender Kraft verlieren, darf es dabei nicht verwundern, dass sich die Soziologie ihrer selbst gleichfalls nur schwierig zu vergewissern vermag.

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