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StartseiteBüchermarktSpäte Ehre für Flugpionier21.06.2011

Späte Ehre für Flugpionier

Johannes Schweikle: "Fallwind", Klöpfer & Meyer

Vor 200 Jahren ist Albrecht Ludwig Berblinger bei einem Flugversuch in die Donau gestürzt. Er überlebte, in Ulm hatte man aber nur noch Spott für ihn übrig. Johannes Schweikle erzählt die Geschichte eines tragischen Helden, der an der Borniertheit einer Gesellschaft zugrunde ging.

Von Eva Zeller

Der Nachbau eines Fluggerätes hängt in Ulm im Stadthaus.  (picture alliance / dpa)
Der Nachbau eines Fluggerätes hängt in Ulm im Stadthaus. (picture alliance / dpa)
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"Der Schneider von Ulm" ist vor 200 Jahren am 31. Mai 1811 beim Flugversuch in die Donau gestürzt. Er überlebte, ertrank aber danach an dem Spott und der Häme der Ulmer. Und er ging mit einem Spottvers in die Geschichte des Fliegens ein und nicht mit einem Denkmal. Dabei war dieser Albrecht Ludwig Berblinger ein Flugpionier und der Erfinder des Gleitflugs.

Es dauerte auch lange, bis dieser Schneidermeister rehabilitiert wurde. Vor 60 Jahren wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass es nicht an seinem Fluggerät lag, dass er abgestürzt ist, sondern an den Abwinden, die über der Donau an der Adlerbastei herrschen.

"Er träumte nicht zu früh, er startete am falschen Ort", schreibt Johannes Schweikle. Er hat gerade einen Roman und eine literarische Ehrenrettung über diesen Schneidermeister geschrieben. Wie kam es dazu?

"Da stand am Anfang ein Moment des Erschreckens. Ich war in Ulm zu einer standesamtlichen Hochzeit eingeladen und hinterher beim Sekttrinken hing in dieser Halle ein Nachbau dieses Fluggeräts des Schneiders von Ulm. Da lag ein Faltblatt aus, das habe ich mir angeguckt. Da setze dieses Erschrecken ein, dass ich dachte, diesem Menschen hast du Unrecht getan, weil ich bin mit diesem Spottvers aufgewachsen: "der Schneider von Ulm hat's Fliegen probiert, da hat ihn der Teufel in die Donau neig´führt". Ich dachte, der Schneider war ein Spinner, ein Hochstapler, ein Blender. Und als er sein Fluggerät vorführen sollte, hat es nicht geklappt. Jetzt erfuhr ich, dass es sich anders verhalten hat. Da war der Haken gesetzt, da habe ich gesagt, über den will ich einen Roman schreiben."

Der Roman "Fallwind" ist kein gewöhnlicher Roman, der einem linearen Erzählstrang folgt, sondern er setzt sich aus vielen kurzen Kapiteln zusammen. Fast jedes ist aus einer anderen Perspektive geschrieben. Da wird Berblingers Flugversuch aus den Augen von verschiedenen Zeitgenossen geschildert. Da entwirft Schweikle eine Ulmer Gesellschaft, die, gebeutelt zwischen den Fronten der Österreicher und der Franzosen, ihr Selbstbewusstsein verloren hat. Und da gibt es zwei journalistische Kapitel, in denen die Geschichte der Flugpioniere nachzeichnet wird.

Mit Hilfe verschiedener Mosaiksteinchen versucht also Johannes Schweikle das Bild eines gebrochenen Helden zusammenzusetzen. Er zeichnet einen genialischer Eigenbrödler, einen Alleingänger und Schweiger, einen Getriebenen, der Fliegen wollte und Fliegen lernte. Nur, als es dies vorführen sollte, geriet er in die Abwinde über der Donau und stürzte ab.

"Mich hat gereizt, eine fiktive Biografie zu schreiben. Ich habe zuerst mal meine Hausaufgaben gemacht, ich war im Stadtarchiv in Ulm, ich war im deutschen Museum in München, ich war im Lilienthal-Museum in Anklam und habe mir diese flughistorischen Dinge angeeignet. Im Stadtarchiv in Ulm ist mir dann aufgefallen, dass man eigentlich wenig weiß, es liegt daran, dass alles rund um das Geschehen des Flugversuchs der württembergischen Zensur unterlag und viele Nachrichten gar nicht an die Öffentlichkeit gekommen sind. Das war mir Recht, weil ich gesehen hab, da gibt es viel Raum, den der Romancier ausfüllen kann. Kein Mensch weiß, wie er auf die Idee gekommen ist, es mit dem Fliegen zu probieren. Man weiß, dass er ein Tüftler war, der eine Prothese entwickelt hat, die wunderbar funktioniert hat. Das war seine Leidenschaft, das ist auch aktenkundig. Aber kein Mensch weiß, wie ist der Kerl auf die Idee gekommen, ich will das Fliegen probieren. Als Romancier fand ich das eine gute Ausgangslage, damit konnte ich weißes Land betreten."

Johannes Schweikle ist von Haus aus Journalist. Das merkt man. Die eingeschobenen Kapitel über die Geschichte der Flugpioniere sind gut und farbig geschrieben. Durch diese Informationen kann der Leser erst einschätzen, wie kühn das Unterfangen des Schneiders war. Sie unterscheiden sich sprachlich nicht vom fiktiven Romangeschehen. Dies führt zu einem leicht distanzierten Leseverhalten. Man schaut dem Autor beim Lesen über die Schulter, wie er versucht diesem Schneider Leben einzuhauchen. Was ist denn das Faszinierende an dieser historischen Figur?

"Das Faszinierende ist, dass er aus der Enge dieser Stadt ausgebrochen ist, dass er sich seinen Weg gesucht hat, dass er sich nicht einfach angepasst hat, dass er nicht einer dieser Haderer geworden ist, nein, er hat es probiert und er hat solange an seiner Idee gearbeitet, bis er glaubte, sie umsetzen zu können. Er war Teil dieser Gesellschaft, er war ein angesehener Handwerksmeister, es war keiner, den die Not angetrieben hätte, sein Betrieb lief einwandfrei, er hat eine Werkstatt in bester Lage am Münsterplatz, er hat mehrere Gesellen beschäftigt. Er war auch schon um die 40 Jahre alt, als er das mit der Fliegerei probiert hat, mit anderen Worten, er war ein gestandener Mann. Das war kein junger Spinner, der Flausen im Kopf hatte. Nein, er war ein gemachter Mann. Mit 40 war man damals deutlich älter, als man das heute ist mit 40. Und trotzdem hat er diesen Traum nicht nur geträumt, sondern er hat ihn verwirklicht, das ist das, was mich an dieser Figur gereizt hat. Und die dann natürlich in Konflikt mit der Umwelt geraten muss. Das stärkste Motiv war eigentlich, warum ist man so ungnädig mit ihm umgegangen nach seinem Absturz. Die Leute hätten ihm auch auf die Schulter klopfen können, hätten sagen können: Du Albrecht, schade, dass du heute abgestürzt bist, bleib dran, vielleicht klappt es beim nächsten Mal. Aber genau das haben sie nicht getan, sie haben ihn nicht aufgemuntert, sondern er wurde zum Sündenbock gemacht."

Die Schadenfreude, mit der die Ulmer nach seinem Sturz über den Schneider herfielen, ist durch Karikaturen, Gedichte und Spottverse belegt und pädagogisch ausgeschlachtet worden. Nachdem Motto: wer zu hoch hinaus will, der stürzt ab. Sogar die Hungersnot einige Jahre nach seinem Absturz wollte man ihm in die Schuhe schieben, denn er hätte Gott versucht mit seiner Fliegerei.

"Es hat lange gebraucht bis Ulm umdekoriert hat, bis man gesehen hat, Mensch das war kein Spinner, der ums blamiert hat, sondern das war einer, der der Zeit voraus war, das hat 150 Jahre gedauert. Ich glaube nicht, dass das nur ein besonders schwäbisches Problem ist. Mag sein, dass es im Schwäbischen vielleicht stärker ausgeprägt ist als anderswo, aber dieses Motiv, wenn einer scheitert, dann will man nichts mehr mit ihm zu tun haben, ich fürchte, das reicht weit über den schwäbischen Kulturkreis hinaus."

Zum Jubiläumsjahr schmückt sich Ulm mit seinem Schneider. Da kommt Schweikles Buch gerade Recht. Aber es ist widerständig, es schildert einen zeitlosen, tragischen Helden, der an der Borniertheit einer Gesellschaft zugrunde ging, in der wirtschaftliche Interessen stärker wiegen als die Vernunft. Kommt einem irgendwie vertraut vor.
Was hätte der Berblinger damals besser machen können?

"Der Fehler, den er gemacht hat, war sicher der, dass er als Einzelgänger unterwegs war. Er hat sich zu wenige Bundesgenossen gesucht. Diese Erfindung zu machen, das ging nur als Einzelleistung, das war diese singuläre Person, die diese Sache vorangetrieben hat und diesen Apparat zum Fliegen gebracht hat. Aber er hat darüber hinaus nicht dafür gesorgt Bundesgenossen zu gewinnen, er hatte kein Netz und hat keinen Rückhalt gefunden als dann die große Demonstration gescheitert ist."

Johannes Schweikle: Fallwind. Vom Absturz des Albrecht Ludwig Berblinger. 188 Seiten, Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen, 18,90 Euro

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