Kultur heute / Archiv /

 

Später Nietzsche mit neuer Musik

Wolfgang Rihms "Dionysos" an der Oper Heidelberg

Von Jörn Florian Fuchs

Wolfgang Rihm schrieb das Libretto selbst und stellte es aus späten Nietzsche-Texten, den "Dionysos-Dithyramben", zusammen.  (AP)
Wolfgang Rihm schrieb das Libretto selbst und stellte es aus späten Nietzsche-Texten, den "Dionysos-Dithyramben", zusammen. (AP)

In seiner Oper "Dionysos" nimmt sich Wolfgang Rihm Nietzsches "Dionysos-Dithyramben" vor. Das 2010 in Salzburg uraufgeführte Werk feierte jetzt an der Oper Heidelberg Premiere. Musikalisch ist damit zwar ein Triumph gelungen. Doch als Stück, als Musiktheater, funktioniert "Dionysos" nicht.

Natürlich ist das sehr schade. Da wächst ein relativ kleines Haus über sich hinaus, verausgabt sich bis an die Grenze und doch bleibt alles letztlich irgendwie vergebliche Mühe. Mit der Zweitaufführung von Wolfgang Rihms Opernfantasie "Dionysos" ist dem neuen Heidelberger Operndirektor Heribert Germeshausen zweifellos ein musikalischer Triumph gelungen. Chefdirigent Yordan Kamdzhalov und seine Orchestermusiker folgen jedem noch so komplexen Klanggewirk Rihms und trudeln dabei nie ins Wirre, Unsaubere. Es gibt schöne Raumeffekte, vor allem beim Schlagzeug oder dem manchmal vom Rang aus singenden Chor. Und besser besetzen kann man die Sache wohl auch kaum, etwa mit der phänomenalen Sharleen Joynt, die fast alle Anforderungen Rihms mühelos umsetzt.

Wunderbar auch Namwon Huh, der kräftig und elegant samtweiche Bögen wie heftige Intervallsprünge bewältigt. Sehr gut auch Holger Falk, er singt die Titelpartie. Auch die Nebenrollen sind hervorragend besetzt, dazu kommt ein kluger Regisseur mit Händchen fürs präzise Erzählen kleiner Geschichten. In gewisser Weise gibt es sogar einen großen Bogen, wir erleben nämlich den Leidensweg eines psychisch arg belasteten Mannes, der mit sich, der Welt und vor allem den Frauen ein Problem hat.

Ingo Kerkhof erzählt von psychischen Gefährdungen und realer Gewalt, von Angst beziehungsweise Lust vor Weiblichkeit und von religiösem Ringen. In einem herunter gekommenen Raum mit altem Mobiliar, fahlen Luken, zugenagelten Fenstern, einem Klavier, Biertischen und einem leicht plüschigen Bett irrt der im Libretto "N." genannte Mann umher, er begegnet singenden, klingenden Damen, einem Faktotum namens "ein Gast" und den mal nur stumm glotzenden, dann wieder aufbrausend singenden Chormassen. Die Masse Mensch hüllt sich gegen Ende in hoch geschlossene Krägen, was sehr an Claus Guths Regiehandschrift erinnert. N. bespritzt sich kurz vor dem Finale neben einer Marienstatue mit Blut, dann führt uns die Musik galant in ein klangsinnliches Delirium.

Vermutlich weil im zweiten Teil des Abends vieles so eingängig war und Rihm so manches Zitat eingebaut hat, wurde das Gesamtergebnis vom Publikum heftig und ausdauernd beklatscht. Also alles gut? Leider nein. Denn wir haben ja praktisch noch nichts über den wirklichen Inhalt gesagt. Wolfgang Rihm schrieb das Libretto selbst und stellte es aus späten Nietzsche-Texten, den "Dionysos-Dithyramben" zusammen. In selbigen vermischt Nietzsche auf genuin postmoderne Weise dieses und jenes, Sinnsprüche treffen auf Ariadnes Klage, es wird leicht pornografisch über Euter reflektiert oder schön Wort gespielt, wenn zum Beispiel "Selbstdenker" in "Selbsthenker" übergeht. Der schon halb im Wahnsinn steckende Philosoph hat seine Gedankensplitter der Nachwelt hinterlassen, sie sind ein wirklich perfektes Betätigungsfeld für Uni-Seminare. Doch was hat solch ein Textkonglomerat bitte auf einer Opernbühne zu suchen?

Bei aller – aufrichtigen – Liebe zu Rihms Musik und seinen immer recht eigenwilligen Sujets, hier muss jetzt einfach mal Schluss sein. "Dionysos" wurde 2010 in Salzburg uraufgeführt, damals verkitschte Pierre Audi die Chose, in einem immerhin hübsch bunten Bühnenbild von Jonathan Meese. Auch der zweite Inszenierungsblick zeigt nun deutlich, das Ding gehört nicht auf die Bühne. Man könnte sich eine Installation mit Tanz vorstellen, eine Videowelt mit Interaktionsmöglichkeiten und manches mehr. Doch als halbwegs "normales" Musiktheater funktioniert "Dionysos" einfach nicht. Und daran können auch die phänomenalen Leistungen aller in Heidelberg Mitwirkenden leider wenig ändern.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Tschechische KulturhauptstadtDie Achse Pilsen-München

St. Bartholomäus-Kathedrale auf dem Hauptmarkt in Pilsen.  (picture alliance / dpa / Daniel Kalker)

Die bayerische Hauptstadt und die Heimat des Pils verbinden nicht nur die Liebe zum Bier, sondern vor allem auch die Liebe zur Kunst. Dies wird jetzt in einer Ausstellung im tschechischen Pilsen deutlich. Seit Jahrhunderten verbindet die beiden Städte eine vielfältige Freundschaft.

Kultur heute Die Sendung vom 31. Januar 2015

Satirezeitschrift "Titanic"Das Humor-Kalifat verteilt weiter seine Fatwas

Logo der Satirezeitschrift Titanic (picture alliance / dpa / Robert Fishman)

Die erste Ausgabe des Satiremagazins "Titanic" nach den Attentaten auf die Redaktion der französischen Zeitschrift "Charlie Hebdo" zeigt: Die Macher bleiben sich treu. Es herrscht weiter aufmüpfige Albernheit. Nichts wird verschont: Weder der Islam noch diejenigen, die jetzt plötzlich Satire ganz toll finden.

 

Kultur

Berlin Graphic DaysAuf Kriegsfuß mit dem Establishment

Der Künstler Jim Avignon hat auf dem Innenhof des Tagesspiegels am 21.06.2014 in Berlin ein Wandbild gemalt. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Jim Avignon ist einer der bekanntesten deutschen Pop-Art-Künstler. Jetzt ist er das Aushängeschild der Berlin Graphic Days, wo am Wochenende Straßenkünstler, Illustratoren, Drucker und Grafiker aus aller Welt ihre Arbeiten zeigen und vor allem verkaufen wollen.

Kirche im KongoIm Kampf gegen die katholischen Hutu-Gotteskrieger

Ein bewaffneter Soldat steht auf einer Straße, um ihn herum Zivilisten. (dpa / picture alliance / Legnan Koula)

In der Demokratischen Republik Kongo nutzen die "Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas" (FDLR) religiöse Überzeugungen, um ihren brutalen Krieg zu rechtfertigen. Auch wenn in den letzten Jahren über 12.000 FDLR-Kämpfer entwaffnet und demobilisiert wurden, sind noch viele Extremisten übrig. Die katholische Kirche versucht, sie zum Aufgeben zu bewegen.

Siemens Musikpreis"Christoph Eschenbachs Musik spricht zum Hörer"

Christoph Eschenbach mit dem Taktstock vor dem NDR-Sinfonieorchester. (picture alliance / dpa - Olaf Malzahn)

Der Ernst-von-Siemens-Musikpreis zählt zu den bedeutendsten Kulturauszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Peter Ruzicka, Komponist und Jury-Mitglied, sagte im DLF, die Jury sei sich schnell einig gewesem, den Dirigenten Christoph Eschenbach auszuzeichnen. Er sei stets ein Ansprechpartner für die Neue Musik gewesen.