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StartseiteDie neue PlatteReformatorische Choräle opulent ausgeschmückt21.05.2018

Spätromantische deutsche OrgelmusikReformatorische Choräle opulent ausgeschmückt

Der Organist Thomas Wilhelm hat für seine CD Werke von deutschen Komponisten ausgegraben, die Melodien von Luther kunstvoll verarbeiten. Ihre Namen: Töpfer, de Lange oder Gerhardt, sind kaum einem bekannt. Dabei lohnt es sich, ihre spätromantische Musik zu entdecken. Wie auch die historischen Orgeln, auf denen Wilhelm spielt.

Am Mikrofon: Klaus Gehrke

Der Orgelprospekt in der Lutherkirche in Wiesbaden. (Axel Sawert)
Der Orgelprospekt in der Lutherkirche in Wiesbaden, eine der historischen Orgeln auf der CD von Thomas Wilhelm. (Axel Sawert)

Mit seinen 95 Thesen wollte Martin Luther eigentlich zu Reformen in der katholischen Kirche aufrufen. Tatsächlich brachte er damit aber die Reformation in Gang, die schließlich zur Gründung der evangelischen Kirche führte. Das 500. Jubiläum der Reformation wurde im vergangenen Jahr nicht nur aus theologischer und gesellschaftlicher Sicht gefeiert, sondern stand auch im Blickpunkt zahlreicher musikalischer Veranstaltungen. Sozusagen einen Nachklapp zu den Feierlichkeiten bildet die vor Kurzem beim Label Querstand veröffentlichte Doppel-CD  "Reformation und Romantik". Dabei hat der Organist Thomas Wilhelm selten zu hörende, aber überaus bemerkenswerte Werke von Hermann Schellenberg, Samuel de Lange junior oder Hans Fährmann über Melodien von Luther auf drei historischen Orgeln eingespielt hat.

Musik: Paul Ernst Friedrich Gerhardt, Fantasie über "Ein feste Burg"

Düster und dramatisch beginnt die Fantasie op. 15 von Paul Friedrich Ernst Gerhardt, einem Komponisten, den wohl nur eingefleischte Kenner der spätromantischen deutschen Orgelszene kennen dürften. Dass er in diesem Werk über Luthers berühmten Choral "Ein feste Burg ist unser Gott" fantasiert, wird erst im weiteren Verlauf nach und nach erkennbar.

Orgelwerk zum Reformationsjubiläum 1917

Paul Friedrich Ernst Gerhardt, 1867 in Leipzig geboren und damit drei Jahre jünger als Richard Strauss, wirkte unter anderem als Kirchenmusikdirektor am Dom St. Marien in Zwickau. Dort entstand vermutlich zum 400-jährigen Reformationsjubiläum 1917 diese Orgelfantasie über "Ein feste Burg ist unser Gott". Viel zu feiern gab es damals angesichts des bereits drei Jahre andauernden Ersten Weltkrieges vermutlich nicht. Und vor diesem Hintergrund erscheint die Überschrift des ersten Teils der Fantasie mit der Textzeile "Der alt böse Feind mit Ernst er‘s jetzt meint" eher den Erzrivalen Frankreich im Blick zu haben als die gegenreformatorischen Kräfte.

Der berühmte, oft so bezeichnete lutherische "Kampfchoral" "Ein feste Burg" begegnet einem auf der CD "Reformation und Romantik" gleich in mehrfacher Gestalt: als Fantasie und auch in Form einer Sonate. Eine solche komponierte der 1840 in den Niederlanden geborene Samuel de Lange Junior, der als Pianist und Konzertorganist europaweit Erfolge feierte. Kompositorisch orientiert seine Sonate op. 8 sich sowohl an Felix Mendelssohn Bartholdy, als auch an Johann Sebastian Bach. Das verdeutlicht beispielsweise die raffiniert gesetzte Doppelfuge über das Choralthema im letzten Abschnitt des Werkes.

Musik: Samuel de Lange junior, Sonate über "Ein feste Burg", Fuge

Thomas Wilhelm spielte einen Ausschnitt aus der Sonate über "Ein feste Burg ist unser Gott" von Samuel de Lange junior an der 1844 erbauten Dreymann-Orgel in Trebur. Wilhelm ist Dozent an der Heidelberger Hochschule für Kirchenmusik, Kirchenmusiker in Bad Vilbel und Orgelsachverständiger der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Von ihm stammt das überaus interessante Programm auf dieser CD, die zugleich drei historische Orgeln in Hessen vorstellt.

Restauration und Erhalt der Orgellandschaft in Hessen

Seit mittlerweile 17 Jahren bemühen sich das hessische Landesamt für Denkmalpflege und die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen um die Erhaltung der dortigen bedeutenden Orgellandschaft. Die auf der CD vorgestellten Instrumente sind eindrucksvolle Zeugen für den lange verpönten, mittlerweile aber wieder wertgeschätzten romantischen Orgelbau in Deutschland. Zu dessen bedeutendsten Theoretikern gehörte Johann Gottlob Töpfer, der 1855 sein richtungweisendes "Lehrbuch der Orgelbaukunst" veröffentlichte. Der Organist der Herderkirche in Weimar hatte gute Kontakte zu Franz Liszt; und Liszts Einfluss ist beispielsweise in Töpfers Concert-Fantasie über die Choralmelodie "Jesu, meine Freude" deutlich hörbar.

Musik: Johann Gottlob Töpfer, Concert-Fantasie über "Jesu, meine Freude"

70 Jahre jünger als die Orgel der Laurentiuskirche in Trebur ist die 1905 gebaute Walcker-Orgel der französisch-reformierten Kirche in Offenbach am Main. Nach Kriegsschäden und Umbauten wurde das Instrument 2016 im Zuge von Restaurierungsarbeiten wieder in seinen Ursprungszustand gebracht. Auf ihm spielt Thomas Wilhelm die Fantasie und Fuge über "Ein feste Burg ist unser Gott" op. 28 von Hans Fährmann. Der 1860 geborene Komponist und Organist, der in Dresden lebte und arbeitete, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr beliebt und wurde auf eine Stufe mit Max Reger gestellt. Fährmann komponierte unter anderem 14 groß angelegte Orgelsonaten. Sie gerieten nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit - so wie fast alle seine Werke.; erst in der letzten Zeit werden Fährmanns Kompositionen wieder aufgeführt. In seiner Fantasie über "Ein feste Burg" klingen insbesondere zwei musikalische Vorbilder an: Gustav Mahler und Richard Wagner.

Musik: Hans Fährmann, Fantasie über "Ein feste Burg"

Sowohl Hans Fährmanns Fantasie als auch die Werke der anderen Komponisten auf dieser Doppel-CD eröffnen einen überaus interessanten Blick auf die spätromantische deutsche Orgelmusik: Denn sie sind eine spannende Alternative zu Felix Mendelssohn Bartholdy und Max Reger, den beiden wohl innovativsten Meistern auf diesem Gebiet. Dennoch zeigen auch Fährmann, Töpfer oder Paul Friedrich Ernst Gerhardt durchaus beeindruckende kompositorische Weiterentwicklungen auf: Töpfers hoch chromatische Einbettung des Chorals beispielsweise nimmt Regers Musikstil quasi vorweg; und Gerhardts Werke versuchen eine Verbindung zwischen deutscher Spätromantik und französischem Impressionismus.

Reichhaltige Orgelkultur vor dem Ersten Weltkrieg

Thomas Wilhelm präsentiert sie meisterhaft gespielt auf drei bemerkenswerten Instrumenten, die die große Facettenhaftigkeit des damaligen Orgelbaus erkennen lassen. Die klanggewaltigste der drei ist mit 44 Registern die 1910 für die Wiesbadener Lutherkirche gefertigte Walcker-Orgel. Zum 100-jährigen Bestehen wurde sie von der Bonner Orgelbauwerkstatt Klais grundlegend restauriert und rekonstruiert. Das klangliche Ergebnis wirft einen guten Blick auf die musikalische Opulenz der Kirchenmusik vor dem Ersten Weltkrieg, die mit vielen heute vergessenen Komponisten einmal sehr reichhaltig war. Ich finde es bemerkenswert, dass Thomas Wilhelm auf der CD an einige von ihnen erinnert.

Musik: Paul Friedrich Ernst Gerhardt, Fantasie zu "Wie schön leuchtet der Morgenstern"

Reformation und Romantik (2CDs)
Werke von Gerhardt, de Lange Junior, Töpfer, Fährmann
Thomas Wilhelm, Orgel
Querstand
4025796017199

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