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StartseiteHintergrundSpagat zwischen Literatur und Kommerz11.10.2009

Spagat zwischen Literatur und Kommerz

Der Deutsche Buchpreis in der Diskussion

Kleiner Klub versammelter Dichter und Verlage oder doch repräsentatives Abbild des deutschen Literaturwerks? Beim noch jungen Deutschen Buchpreis scheiden sich die Autoren- und Verlagsgeister. Sicher ist, dass mit Spannung erwartet werden darf, ob die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller auch in Deutschland geehrt werden wird.

Von Detlef Grumbach

Die rumäniendeutsche, frischgekürte Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller  (AP-Archiv)
Die rumäniendeutsche, frischgekürte Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller (AP-Archiv)

O-Ton Gottfried Honnefelder
"Den Deutschen Buchpreis 2005 für den Roman des Jahres verleiht der Börsenverein des deutschen Buchhandels an Arno Geiger für 'Es geht uns gut'."

Frankfurt, im Oktober 2005. Zum ersten Mal verleiht Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, den Deutschen Buchpreis. In einer kulturpolitischen Landschaft, in der es wegen der Kulturhoheit der Länder keinen nationalen Preis für deutsche Literatur gibt, entwickelte er sich schnell zur wichtigsten literarischen Auszeichnung in Deutschland.

In diesem Jahr wird der Preisverleihung besondere Aufmerksamkeit zu teil: Schließlich hat gerade erst die die Auszeichnung Herta Müllers mit dem Literaturnobelpreis deutsche Literatur ins Blickfeld gerückt. Und schon steht jetzt mit dem Deutschen Buchpreis zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse das nächste Highlight für die geneigte Leserschaft an – zumal Herta Müller auch für diese Auszeichnung nominiert ist. Die spannende Frage ist also: Bekommt die Schriftstellerin auch gleich noch den Deutschen Buchpreis oder nicht?

Ins Leben gerufen wurde er vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, morgen wird er zum fünften Mal verliehen.

Im Börsenverein sind Buchhandlungen und Verlage zusammengeschlossen. Er benennt die Akademie des Deutschen Buchpreises. Diese beruft eine unabhängige Jury, die sich aus sieben Literaturkritikern, Verlegern, Buchhändlern und auch Autoren zusammensetzt. Die Jury kürt den besten Roman des Jahres.

Zwei Romane, die seit Oktober des Vorjahres erschienen sind, kann jeder Verlag einreichen. Bis zu 145 Titel wurden bisher pro Jahr auf diese Weise ins Rennen geschickt. Es steht den Mitgliedern der Jury aber auch frei, sich für weitere Titel starkzumachen. Im August wählt die Jury dann zunächst die besten 20 Romane aus, die sogenannte Longlist. Mitte September entscheidet sie in einem zweiten Schritt, welche sechs in das Finale gehen, die sogenannt Shortlist. Der Gewinner wird erst am Abend der Preisverleihung bekannt gegeben. Gottfried Honnefelder in seiner programmatischen Ansprache im Jahr 2005:

"Eine solche Auszeichnung hat gefehlt. Natürlich gibt es nahezu 2000 literarische Auszeichnungen in Deutschland. Sie alle sind in je ihrer Weise wichtig – vor allem für die Autoren."

Sylt leistet sich einen Inselschreiber, die Stadt Düsseldorf vergibt einen Preis in Gedenken an ihren Sohn Heinrich Heine, Radio Bremen verleiht einen Krimipreis. Mal wird ein Autor oder ein Buch mit einer renommierten Auszeichnung geschmückt, mal schmückt sich aber auch eine Stadt oder eine Institution mit dem Namen eines bekannten Autors, wenn sie ihm eine Ehrung zukommen lässt. Preise und Stipendien werden für unterschiedliche Gattungen, für erste Bücher einer Autorin oder eines Autors, in Gedenken an große oder auch nur provinzielle Vorbilder oder zur Ehre einer Region, eines Ortes ausgelobt.

"Das große Preistheater"- so hat Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses in Hamburg, vor drei Jahren einen Kommentar überschrieben. Darin wandte er sich gegen eine "Vetternwirtschaft", die immer wieder die gleichen Autoren begünstige, andere gute Schriftsteller jedoch leer ausgehen lasse. Rainer Moritz:

"Wer einmal überblickt, was es alles an Preisen gibt in Deutschland – man ist einerseits froh darüber viele Autoren könnten sonst nicht überleben, das muss man ganz lapidar so sagen – aber man ist auch ein bisschen erschüttert, einmal, weil es die kuriosesten und erschütterndsten Preise gibt. Wo man heute überall Stadtschreiber oder Bahnhofsschreiber werden kann, das hat glaube ich nicht nur seine guten Seiten. Und es hat natürlich auch dazu geführt, dass eine Art Preis-Prosa entstanden ist. Man hat manchmal das Gefühl, dass Autoren in ihrer Not genau die richtige Textform für den richtigen Preis schreiben."

Von größerer Bedeutung sind vor allem der Büchner-Preis, der Joseph-Breitbach-Preis und der Preis der Leipziger Buchmesse. Mit dem ersten werden Autoren für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet, der zweite punktet mit der Höhe des Preisgeldes – stolze 50.000 Euro. Der Preis der Leipziger Buchmesse konzentriert sich nicht auf ein Werk, sondern wird in verschiedenen Sparten vergeben.

Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Deutschland brauchen Preise und Stipendien. Zwei, drei Jahre arbeiten sie in der Regel an einem Roman, manchmal dauert es noch länger. Wenn das Buch dann 20 Euro kostet, müssten sie schon 60.000 Exemplare verkaufen, um halbwegs davon leben zu können.

Doch davon sind die meisten von ihnen weit entfernt. Der Frankfurter Schriftsteller Bodo Kirchhoff, Mitglied und Sprecher der Buchpreis-Jury 2005:

"Das ganze Mittel-Segment von Auflagen, wo man noch 15, 20 Tausend Bücher verkauft, das ist so ein mittleres Segment, das ist fast weggebrochen. Sie haben heute Bücher, da verkaufen sich zwei-, drei-, viertausend, wenn man Glück hat, und dann eben plötzlich gleich 100.000. Und dazwischen ist es sehr dünn geworden."

Feridun Zaimoglu, der es mit seinem Roman "Liebesbrand" im letzten Jahr immerhin auf die Longlist der besten 20 Romane geschafft hat:

"Für diejenige Person, die diesen Preis bekommt, ist es natürlich ein großes Glück. Das bedeutet, dass sie viel Geld verdient, dass sie sich damit auch Zeit freikauft für andere Projekte. Und wenn es ein literarisches Buch ist, wie toll!"

Wer den Deutschen Buchpreis bekommt, hat erst einmal ausgesorgt. Arno Geiger konnte binnen weniger Wochen über 100.000 Exemplare seines Romans verkaufen, insgesamt wurden es etwa doppelt so viele. Uwe Tellkamps Roman "Der Turm", der den Preis im letzten Jahr gewann, schaffte sogar 450.000. Zu den Honoraren kommen Übersetzungen in andere Sprachen, Einnahmen aus Lizenzen also, und – das Preisgeld in Höhe von 25.000 Euro, Einladungen zu Lesungen, weitere Auszeichnungen.
Ob der Preis auch auf das nächste oder übernächste Buch ausstrahlt, lässt sich noch nicht sagen. Den Nachfolgeroman eines Buchpreisträgers gibt es noch nicht. Arno Geiger konnte immerhin von seinem Erzählband "Anna nicht vergessen" über 30.000 Exemplare verkaufen – für diese ansonsten schlecht verkäufliche Textform sensationell. Der Hanser-Verlag, aber auch andere, registrieren ein wachsendes Interesse an deutscher Literatur.

Dennoch ist bei Zaimoglu Skepsis heraus zu hören. Geht es beim Deutschen Buchpreis tatsächlich um den besten Roman, um das literarische Wagnis, das Experiment? Oder wird gerade um dieses ökonomischen Erfolges willen das zwar anspruchsvolle, aber vielleicht auch eingängige, bestverkäufliche Buch ausgewählt?

"Der Deutsche Buchpreis ist ein Skandal."

So spitzt er zu, was viele Kolleginnen und Kollegen denken. Bodo Kirchhoff hatte sich anfangs sehr für den Deutschen Buchpreis eingesetzt. Er weiß, wie schwer es ist, mit anspruchsvollen Büchern eine größere Aufmerksamkeit zu erwecken, hat sich mediale Unterstützung für Bücher gewünscht, die nicht in großen Stapeln in den Buchläden liegen.

"Das ist auch hundertprozentig eingetroffen, ich hatte allerdings die stille Hoffnung, dass das mindestens fünf Bücher betrifft, die dann übrig bleiben, dass sich nicht alles auf eins konzentriert. Ich hatte nicht mit diesem Hype gerechnet und das geht dann zulasten anderer Bücher."

Daniel Kehlmann hat es mit seinem Roman "Die Vermessung der Welt" 2005 neben Arno Geiger in die Endausscheidung geschafft. Er kritisierte darauf in einer "Arte"-Dokumentation vor allem das Ausscheidungsverfahren über Longlist, Shortlist und Preisverleihung. Das sei eine Show, an deren Ende eine Art "Super-Star" gekürt werde. Er plädierte gar dafür, den Buchpreis wieder abzuschaffen.

"Ich bin nicht Schriftsteller geworden, um in diese Casting-Show-Situation mich einer Öffentlichkeit gegenüber und auch Kollegen, die ich schätze und mag gegenüber, und die in der gleichen Situation sind wie ich, und nur einer von uns wird diesen wichtigen und lebensverändernden Preis kriegen, ich bin nicht Schriftsteller geworden, und auch die Kollegen sind nicht Schriftsteller geworden, um sich in eine solche Situation zwingen zu lassen."

Mit Verve verteidigt dagegen Günter Berg, früher bei Suhrkamp und seit einigen Jahren Leiter des Hoffmann & Campe Verlags, dass sich beim Deutschen Buchpreis alles auf einen Sieger zuspitzt:

"Ich glaub, dass das sinnvoll ist, weil dieses Buch dann wenigstens und hoffentlich Pars pro Toto in den Köpfen der Leute bleibt. Also ich würde das immer wieder unterschreiben, dieses mit der Gießkanne sich davor zu bewahren, eine klare Entscheidung zu treffen, das hat zwar mehr Charme, aber weniger Wirkung."

Der Börsenverein will ausdrücklich den Buchmarkt beflügeln, den Stellenwert deutscher Literatur bei den Lesern zu Hause und auf fremden Märkten stärken. Gottfried Honnefelder:

"Er möchte nicht nur die deutschsprachige Gegenwartsliteratur fördern, sondern auch breite Aufmerksamkeit schaffen für das Schreiben, das Lesen, für Autoren und das Leitmedium Buch. Dass dies auch von Nutzen ist für einen Berufsstand, der sich dem Buch verschrieben hat, versteht sich von selbst."

Das Randständige zu fördern, ist nicht sein Ziel. Elmar Krekeler, Literaturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und Mitglied der zweiten Buchpreis-Jury, kann die Skepsis vieler Autoren verstehen:

"Es gibt sieben Juroren, die sich irgendwie einig werden müssen, die unterschiedliche Geschmäcker haben und sich am Ende auf einen Kandidaten einigen müssen. Das Querständige wird es in solchen Kompromissveranstaltungen immer schwer haben. Das hat jetzt aber nichts damit zu tun, dass die jetzt in der Jury sitzen würden und sagen würden, Mensch, das können wir ins Ausland nicht verkaufen, das können wir nicht auszeichnen."

"Wir hatten auf unserer Shortlist Dietmar Dath, ein sehr dicker Roman, der sicher nicht in diese Verkäuflichkeitsstrategie des Börsenvereins gepasst hätte. Er stand trotzdem auf der Shortlist und war vom Sieg gar nicht so weit entfernt."

Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg und Sprecher der Jury im vergangenen Jahr, hat für die Einwände überhaupt kein Verständnis:

"Ich darf daran erinnern, wer hat diese Preise bekommen? Wer kannte Arno Geiger vor dem Gewinn des Buchpreises, wie viel Bücher hat Arno Geiger verkauft vor seinem großen Erfolg? Wie sah es mit Katharina Hacker aus vor dem Buchpreis? Das Buch ist, glaube ich, im März erschienen, also ein Frühjahrstitel, und hatte bis Oktober, ich habe mir das extra mal angesehen, 3000 Exemplare. Dann kam der Buchpreis und plötzlich lag auch Frau Hacker im sechsstelligen Verkaufsbereich. Also man muss bitte nicht so tun, als hätten die Jurys der vergangenen Jahre den Mainstream in ihren Preisträgern gefördert."

Geht es um die hohe Literatur oder nur ums Geschäft? Wie dem auch sei – ein literarisches Werk ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken – diese Funktion erfüllt kaum einer der übrigen, zahlreichen Literaturpreise oder eines der Stipendien.

"Jede siebte Neuerscheinung auf dem deutschen Buchmarkt stammt von ausländischen Autoren, während jährlich nur etwa halb so viele Lizenzen für deutsche Bücher ins Ausland vergeben" werden."

So beschreibt Gottfried Honnefelder die Ausgangslage, auf die der Deutsche Buchpreis reagiert.

""Vor allem im Bereich der Literatur herrscht ein deutliches Ungleichgewicht: Den etwa 2000 literarischen Büchern, die jährlich aus dem Englischen und Amerikanischen ins Deutsche übertragen werden, stehen nur rund 40 Titel gegenüber, die vom Deutschen ins Englische übersetzt werden."

Auch die Bestsellerlisten werden von amerikanischen Autoren dominiert. Ernst zu nehmende deutsche Konkurrenz sind vor allem die Krimi-Autorin Andrea Maria Schenkel mit "Tannöd" und "Kalteis" und Cornelia Funke mit "Tintenherz" und "Tintentod".

Hat die deutsche Literatur also einen Preis nötig, der ihr auf die Sprünge hilft? So wie die Franzosen das seit 1903 mit ihrem Prix Goncourt machen, die US-Amerikaner mit dem Pulitzer-Preis, die Briten mit dem Booker-Prize? Günter Berg vom Verlag Hoffmann & Campe setzt verstärkt auf deutsche Autorinnen und Autoren und meint "ja".

"Der Deutsche Buchpreis ist ja auch die Reaktion darauf, dass es keinen großen, nationalen, kanonisierten Buchpreis gegeben hat. Es gibt keinen Pulitzer- es gibt keinen Booker-Prize, es gab nie einen einzigen, wirklich wichtigen Preis. Also hat der Börsenverein gesagt, kommt, wir gehen jetzt her und küren das beste Buch, natürlich den besten Roman, also die Königsklasse, mit einem Preis."

Wilfried Weber, Mitglied der Preisakademie und Inhaber der renommierten Hamburger Buchhandlung Felix Jud, ist froh über den Deutschen Buchpreis. Denn traditionell wurde in Frankfurt bislang der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen, der eben keine literarische Auszeichnung ist. Außerdem starrt zu Messezeiten alles darauf, wer den Literaturnobelpreis erhält. Denn auch dessen Träger wird jedes Jahr Anfang Oktober bekannt gegeben (In diesem Jahr war es Herta Müller, Anm. der Online-Redaktion).

"Es ist wirklich so, dass, seit es diesen Buchpreis gibt, eine allgemeine, verstärkte Ermunterung stattfindet, und die kommt eben allen zugute. Die kommt den Autoren zugute, den Verlagen, dem Buchhandel und dem Leser: der Leser, der nun wirklich in einer verstärkten Weise einen Anlass findet, sich mit unterschiedlichen deutschen Autoren zu beschäftigen und nicht nur nach Amerikanern zu schielen."

Die großen Feuilletons stellen ihren Lesern wenigstens die Titel der Longlist ausführlich vor. Clemens J. Setz' Roman "Die Frequenzen" beispielsweise erschien schon im Frühjahr, fiel vollkommen durch, wurde komplett übersehen. Jetzt steht er auf der Shortlist und wurde in der Frankfurter Rundschau, in der Süddeutschen Zeitung und in der Frankfurter Allgemeinen besprochen. Der Gewinner kommt dann noch einmal richtig in die Diskussion – oft durchaus auch kontrovers.

Deshalb hat der Deutsche Buchpreis für Melanie Winkler von der Buchhandlung Thalia in Hamburg eine genauso große Bedeutung wie für Wilfried Weber.

"Also 'Der Turm' war unglaublich gefragt, und eben nicht nur die ein, zwei Wochen nach Verleihung des Preises, sondern wirklich bis nach Weihnachten. Also es war einer uns ganz starken Weihnachtstitel darauf hin."

Mit so einem Buch muss die Buchhändlerin sich dann auch beschäftigen, auch wenn sie ansonsten eher actiongeladene, auch bitterböse Krimis amerikanischer Autorinnen liebt. Die sechs Finalisten des Buchpreises werden bei Thalia, wie in vielen anderen, großen wie kleinen Buchhandlungen auch, besonders präsentiert. Gerade kleinen Verlagen fehlen oft die Mittel für Marketing- und Werbekampagnen, viele scheitern schon daran, in großen Buchhandelsketten überhaupt wahrgenommen zu werden. Diesen Mechanismus zu durchbrechen – dazu will der Deutsche Buchpreis beitragen. Jörg Sundermeier vom Berliner Verbrecher-Verlag zweifelt jedoch daran, dass ihm das gelingt:

"Die Longlist und die Shortlist sind im Regelfall ein Abbild vom Zustand der deutschen Literaturkritik, die erst mal wahrnimmt, was Presseabteilungen empfehlen, die natürlich nur große Verlage haben, und vieles fällt da durchs Raster. Gar nicht aus bösen Verschwörungsgründen, sondern tatsächlich aus einer gewissen Bequemlichkeit heraus. Ich kann die Kritik von meinen Kolleginnen und Kollegen verstehen, die sagen, als kleiner Verlag hast Du eh keine Chancen, brauchst du deine Bücher gar nicht hinschicken."

Von den insgesamt 100 Romanen, die seit seinem Bestehen für die Longlists nominiert wurden, stammen 20 der Titel aus dem Hanser Verlag und seinen Töchtern, 19 aus den Verlagen der Holtzbrinck-Gruppe, Rowohlt, Fischer und Kiepenheuer & Witsch, 10 aus dem Hause Suhrkamp. Bücher kleiner Verlage wie Droschl, Jung & Jung, Blumenbar oder Liebeskind bilden die absolute Ausnahme.

Deshalb haben einige von ihnen spontan und per Telefonkonferenz ohne Jury, zwanzig Titel aus ihren Verlagsprogrammen zusammengestellt und als sogenannte "Hot-List" verbreitet, egal, ob deutsche Autoren oder Übersetzungen, egal ob Roman, Lyrik oder Erzählungen:

"Die Hotlist ist einfach der Versuch, einiger kleiner Verlage, so ein bisschen am Mythos des Deutschen Buchpreises zu kratzen, zu sagen: Hallo! Wir sind da, um ein bisschen gegen die Tendenz vorzugehen, dass man den Eindruck hat, es gibt so drei, vier Verlage, die sind auf den Buchpreis oder zumindest auf die Listen abonniert. Und ich glaube, mit dem Eindruck liegt man ja auch nicht so ganz falsch."

"Diese Hotlist der Independents finde ich eine sehr gute Idee."

kommentiert Elmar Krekeler von der Tageszeitung "Die Welt" die Initiative, aus der sich im Handumdrehen eine weitere, alternative Auszeichnung für gute Literatur zu etablieren scheint.

"Sie müssen sich vielleicht noch etwas intensiver um die Regeln des Buchpreises kümmern – das sollte schon irgendwie deckungsgleich sein, also keine Übersetzungen, keine Erzählbände usw.– , um eben auch mal ein paar Kollegen darauf zu bringen, dass in kleineren Verlagen interessantere Bücher gibt zum Teil als in denen, die ständig auf der Shortlist oder Longlist stehen."

Der größter Erfolg des Deutschen Buchpreises ist also womöglich, dass über ihn gestritten wird, über literarische Kriterien, das Verfahren, darüber wer auf den Listen vergessen wurde, wer den Preis eigentlich verdient und gar nicht nötig hätte. So kommt die deutsche Literatur – auch außerhalb der Feuilletonredaktionen – wieder stärker ins Gespräch.

Sechs Romane schickt die diesjährige Jury unter der Leitung Hubert Winkels vom Deutschlandfunk ins Finale. Man darf gespannt sein, ob sich die Juroren von der Entscheidung der Schwedischen Akademie für Herta Müller frei machen können. Immerhin gilt der Literaturnobelpreis dem gesamten Werk, der Buchpreis einem einzigen Roman! Von Herta Müller ist ihr jüngstes Werk "Atemschaukel" über das Überleben im Stalin'schen Lager nominiert. Kathrin Schmidt verarbeitet in "Du stirbst nicht" die Erfahrung, wie sie nach einer Art Gehirnschlag im Krankenhaus aufwacht, der Körper nicht mehr funktioniert, Gefühle und Erinnerungen abhandengekommen sind. Entgegen der Beliebtheit, die Familienromane hierzulande immer wieder erfahren, wählt Rainer Merkel in "Lichtjahre entfernt" einen familienlosen Familientherapeuten zur Hauptfigur und lässt ihn das Desaster seiner eigenen Beziehung erleben. Auf der Shortlist stehen außerdem: Norbert Scheuer mit "Überm Rauschen", Clemens J. Setz mit "Die Frequenzen" und Stephan Thome mit "Grenzgang". Die Kandidaten für den Buchpreis sind recht unterschiedlich, vor allem fehlen Namen wie Brigitte Kronauer oder Peter Stamm, mit denen die Branche im Sinne einer guten Verkäuflichkeit eher gerechnet hat. Auch Herta Müllers "Atemschaukel" war bis vergangenen Donnerstag mit bisher 40.000 verkauften Exemplaren noch kein "Bestseller". Hat die Jury mit ihrer diesjährigen Auswahl also auf die Kritik der vergangenen Jahre reagiert?

Das Web-Portal "Buch-PR" merkt immerhin an, dass das "Konsumierbare" auf der Liste fehle. Ina Hartwig von der "Frankfurter Rundschau" spricht von einer "Anti-Liste", da mit Ausnahme Herta Müllers kein bekannter Name darauf stehe. Und Dirk Knipphals von der "taz" stellt fest, dass in diesem Jahr die "Verwertungsinteressen", also die gute Verkäuflichkeit, nicht von vornherein den Ausschlag gegeben hätten. Das – so betont Rainer Moritz, der Sprecher der Jury 2008 – sei in den vorangegangenen Jahren allerdings nicht anders gewesen. Aber:

"Niemand im Börsenverein, da bin ich mir sicher, hat 2004 oder 2003, als man auf diese Idee kam, einen solchen Preis ins Leben zu rufen, daran gedacht, dass er solchen Effekt haben wird, das heißt, dass er so einschlagen wird, dass er vor allem für den Preisträger, aber mittlerweile auch für die Shortlist-Kandidaten doch von erheblichen ökonomischen Nutzen sein würde. Das ist sensationell, damit hat niemand gerechnet."

Deutschlandradio übertragt ab Montag, 18 Uhr aus dem Kaisersaal des Frankfurter Römers die Preisverleihung "Der Deutsche Buchpreis 2009" auf den Langwellen 177 kHz und 153 kHz, der Mittelwelle 990 kHz, über Kabel und Satellit sowie als Livestream unter www.dradio.de.

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