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Seit 09:10 Uhr Europa heute
StartseiteUmwelt und VerbraucherSpagat zwischen Windenergie und Naturschutz02.04.2012

Spagat zwischen Windenergie und Naturschutz

Tagung zum Ausbau erneuerbarer Energien

Der Generalsekretär des Deutschen Naturschutzrings, Helmut Röscheisen, sagt, dass bereits bei einer übergeordneten Planung für Windkrafträder die Themen Naturschutz, Tierschutz und Wohnraum für Menschen berücksichtigt werden müssten. Ziel der Tagung in Kassel sei eine einheitliche Position zu erreichen, so Röscheisen.

Helmut Röscheisen im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

Erneuerbare Energie mit Hilfe von Windrädern (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Erneuerbare Energie mit Hilfe von Windrädern (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Susanne Kuhlmann: Seit der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossene Sache ist, stellen sich plötzlich viele dringende Fragen, die eigentlich erst in einigen Jahren zu beantworten gewesen wären: Wie schnell können Leitungen von Windparks vor der Küste zum Festland verlegt werden? Wo können Trassen gebaut werden, die den Strom von Nord nach Süd transportieren? Und wo wären noch geeignete Standorte für Windräder? - Ausbaupläne rufen oft Protest von Anwohnern hervor und auch Naturschützer haben häufig Bedenken. Damit wenigstens Umweltverbände zu einer einheitlichen Argumentationslinie finden, hat der Deutsche Naturschutzring DNR sie heute zu einer Tagung nach Kassel eingeladen. Dort ist Dr. Helmut Röscheisen am Telefon, der Generalsekretär des Deutschen Naturschutzrings. Herr Röscheisen, Naturschutz und Ausbau erneuerbarer Energien kollidieren immer wieder. Warum? Was sind die strittigen Themen?

Helmut Röscheisen: Es geht zunächst um die geeigneten Standorte. Insbesondere führt es dann richtig zu Spannungen, wenn man sehr viele neue Windkraftanlagen braucht, benötigt, was wir ja wollen, um eben tatsächlich Strom zu 100 Prozent in absehbarer Zeit aus erneuerbaren Energien herstellen zu können. Deswegen ist sehr wichtig unsere Tagung heute in Kassel-Wilhelmshöhe. Dort geht es darum, dass wir mithilfe der Raumordnung und Regionalplanung die richtigen Standorte herausfiltern. Die müssen zum Beispiel genügend Abstände zur Wohnbebauung haben, die dürfen nicht in einem Gebiet sein, wo ein Vogeleinzugsbereich ist, wo Vogelzug herrscht, oder wo ein starkes Fledermausvorkommen ist. Das ist sehr wichtig, das bereits bei der übergeordneten Planung festzulegen. Natürlich suchen wir da Gebiete aus, wo sehr starker Wind weht, also Eignungsflächen für die Windenergie. Gleichzeitig muss es aber auch so sein, dass die anderen Gründe, die ich genannt habe, nicht vorliegen dürfen, also Naturschutz, Landschaftsbild oder auch der Abstand zur Wohnbebauung.

Kuhlmann: Sollten Sie im Laufe Ihrer Tagung innerhalb der Umweltverbände Einigkeit über die Planungsvorgaben für Windkraftanlagen erreichen, dann bleibt ja immer noch die Skepsis oder auch sogar Ablehnung von Menschen, die solche Anlagen in ihre Nähe bekämen. Wie lassen sich die Leute denn gewinnen?

Röscheisen: Ja, das ist richtig. Da geht es insbesondere um die Lärmauswirkungen. In der Regel ist es so, dass Abstände von 1000 Metern zur Wohnbebauung für ausreichend erachtet werden, und dann gibt es noch eine sehr interessante Möglichkeit, hier zu einer größeren Akzeptanz zu kommen: Das sind die sogenannten Bürgerwindparks, wo eben die Bevölkerung als Eigner, als Miteigentümer einer Windkraftanlage infrage kommt.

Kuhlmann: Wie könnte das konkret aussehen beziehungsweise wie fängt man die Menschen auf diesem Weg ein und gewinnt sie für das Thema?

Röscheisen: Ja, das ist sehr wichtig, dass man von vornherein transparent und mit der vollständigen Information herangeht in einer frühen Phase, dass man sagt, hier an dieser Stelle wollen wir neue Windkraftanlagen bauen, die werden voraussichtlich die und die Auswirkungen haben, während der Bauphase, während des Betriebes, und dann ist es natürlich sehr schön, wenn man das in Form einer Genossenschaft machen kann, wo die Bevölkerung eben direkt beteiligt ist.

Kuhlmann: Wie wollen Sie denn die zuständigen Planungsbehörden einbinden und ebenfalls für Ihre Vorschläge gewinnen?

Röscheisen: Unsere Tagung dient ja heute in Kassel dazu, zu einer einheitlichen Position zu kommen. Wir werden das dann ausdiskutieren innerhalb der Naturschutzverbände und dann wollen wir diese gemeinsame Empfehlung an die Umweltministerkonferenz herantragen, also an die einzelnen Bundesländer, und ich bin sicher, dass diese Empfehlungen beachtet werden, weil wir ja versuchen, diesen Spagat hinzubekommen, einerseits für Windenergie, für den weiteren Ausbau, andererseits für Naturschutz, Landschaftsschutz und den Schutz der Menschen, die da in der Nähe wohnen.

Kuhlmann: Noch einmal zurück zu den Naturschutzverbänden. Gibt es da auch zwischen den einzelnen Verbänden große Unterschiede, was die Beurteilung von Windenergieanlagen betrifft?

Röscheisen: Na ja, natürlich. Es ist klar: wir haben zum Beispiel heute hier Vertreter des deutschen Alpenvereins und der Wanderverbände, die sehr stark natürlich das Thema Landschaftsbild in den Vordergrund stellen, weil sie draußen wandern wollen, und wenn dann Windkraftanlagen, sagen wir mal, auf einer Bergkuppe stehen, die man von Weitem sehen kann, dann erzeugt das nicht nur Freude. Hier müssen wir intensiv diskutieren und die Vor- und Nachteile abwägen.

Kuhlmann: Und die Zeiten, dass Anlagen zur Energieerzeugung relativ zentral an wenigen Standorten in der Nähe großer Städte waren, die sind ein für alle Mal vorbei?

Röscheisen: Na ja, es wird schon so sein: Wir wollen sehr stark dezentral das Thema nach vorne bringen, insbesondere jetzt in den Bundesländern, die bisher kaum oder nur relativ wenig Windkraftanlagen haben - auch deswegen, weil man dann wesentlich weniger Netze braucht, um den Strom von der Nordsee nach Bayern zu transportieren beispielsweise.

Kuhlmann: Der Ausbau erneuerbarer Energien lässt sich mit den Zielen des Naturschutzes verbinden. Das war ein Gespräch mit Dr. Helmut Röscheisen, dem Generalsekretär des Deutschen Naturschutzrings. Ihnen, Herr Röscheisen, vielen Dank nach Kassel.

Röscheisen: Ich danke auch. Auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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