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StartseiteBüchermarktSpannendes Staufertum21.06.2010

Spannendes Staufertum

Bernd Scheidmüller, Stefan Weinfurter u. Alfried Wieczorek (Hrsg.): "Verwandlungen des Stauferreichs". Konrad Theiss Verlag

Die Reiss-Engelhorn-Museen haben das "Stauferjahr 2010" ausgerufen. Es wird seinen Höhepunkt in einer ab September in Mannheim laufenden Staufer-Ausstellung haben, in deren Vorfeld im Herbst 2008 ein internationales Symposion stattfand. Hierzu ist nun im Theiss Verlag ein voluminöser Band erschienen.

Von Martina Wehlte

Die Staufer stiegen von einer schwäbischen Grafenfamilie zum bedeutendsten Herrscherhaus des Mittelalters empor. (Stock.XCHNG - Daniel Wildman)
Die Staufer stiegen von einer schwäbischen Grafenfamilie zum bedeutendsten Herrscherhaus des Mittelalters empor. (Stock.XCHNG - Daniel Wildman)

Ein historisches Ereignis, das es 2010 als Staufer-Jubiläum zu feiern gäbe, lässt sich nicht finden. Wohl aber eine groß inszenierte PR-Aktion, die von den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim gesteuert wird. Sie vernetzt bundesweit zahlreiche historische Orte miteinander, die zwischen 1150 und 1250 mit dem mächtigen Königs- und Kaisergeschlecht in Bezug standen. Es sind insbesondere solche in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen, wo sich viele staufische Königspfalzen, Burgen, Städte und Klöster finden.

Die Ministerpräsidenten der drei Bundesländer sind Schirmherren der von den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim geplanten Ausstellung "Die Staufer und Italien". Die Veranstalter wollen auf die historische Bedeutung der Rhein-Main-Neckar-Region als einem der staufischen Herrschaftszentren neben der Lombardei und Sizilien aufmerksam machen. Womit das Rätsel um die "drei Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa" gelöst ist, das sich im Titel des schwergewichtigen Geschichtsbandes "Verwandlungen des Stauferreichs" stellt. Er präsentiert auf über 500 Seiten die neuesten Forschungsergebnisse zu Fragestellungen, die sich auf regionale Schwerpunkte in Italien und dem südwestdeutschen Kernbereich entlang des Rheins richten. Das klingt nach einem Kompendium für Fachgelehrte, ist es aber nicht nur, wenn man bedenkt, dass das Hochmittelalter zu den spannendsten Epochen gehört und Friedrich I. Barbarossa, Heinrich VI. und Friedrich II. seine schillerndsten Figuren waren.

Sieht man von der umfangreichen Literatur allein zu diesen drei Regenten ab, so datiert die letzte umfassende Darstellung zu den Staufern auf Basis des aktuellen Forschungsstandes von 2002. Welche neuen Erkenntnisinteressen und Ergebnisse haben die Autoren des nun vorliegenden Buches?

Die Staufer stiegen von einer schwäbischen Grafenfamilie zum bedeutendsten Herrscherhaus des Mittelalters empor. Insgesamt neun Könige und Kaiser stammten aus dieser Dynastie, die Europa im 12. und 13. Jahrhundert entscheidend prägte. Ihr Herrschaftsgebiet erstreckte sich von Nord- und Ostsee bis in die südliche Provence, vom westlichen Lothringen bis über ganz Böhmen. Jenseits der Alpen griffen sie als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches auf Oberitalien und Sizilien zu. Wie ließ sich das westliche Europa mit seinen bildungspolitischen, religiösen, wirtschaftlichen und politischen Unterschieden einigen, außer durch die regelmäßige Präsenz des Reisekönigtums und mit gewaltsamer Durchsetzungskraft? Welcher Persönlichkeiten bedurfte so ein Kraftakt und bestimmte der Kaiser das Geschehen vor Ort oder richtete sich umgekehrt sein Verhalten nach den gesellschaftspolitischen Vorgaben der Regionen? Allein in Italien gab es grundverschiedene Strukturen: in der Lombardei die selbstbewussten, reichen und auf ihre kommunale Unabhängigkeit bedachten Städte Mailand – mit seinen damals 150.000 Einwohnern von einer nördlich der Alpen unvorstellbaren Größe -, dann Cremona, Pavia; andererseits das frühabsolutistische, ganz auf eine Herrscherpersönlichkeit ausgerichtete Königreich Sizilien, das dem Stauferreich unterstellt war: ein kultureller Schmelztiegel mit blühender Kunst und Wissenschaft, arabischer Lyrik und lateinischer Chronistik, Islam und Christentum. Hier konnte Friedrich II. an Bestehendes anknüpfen und die Kräftediversität bändigen durch eine frühmoderne durchorganisierte Verwaltung und eine rigorose Strafgewalt des Herrschers in der Tradition des byzantinischen Gesetzgebers.

Der mittlere Rhein-Main-Neckar-Raum war die dritte innovative Kernregion.
Warum bauten die Staufer gerade von Haguenau über Bad Wimpfen bis nach Ingelheim auffallend viele Pfalzen, in denen sie sich häufig aufhielten? Warum richtete Kaiser Friedrich I. Barbarossa sein legendäres Hoffest ausgerechnet in Mainz aus? Sein Biograf Otto von Freising nennt die guten Versorgungsmöglichkeiten aufgrund des milden Klimas und der fruchtbaren Böden als wichtigen Grund. Darüber hinaus – das machen die nun der Öffentlichkeit vorgelegten Symposionsbeiträge deutlich – bot der Rhein als Hauptverkehrsader und Nahtstelle zwischen Gallien und Germanien hervorragende Handelsvoraussetzungen, ließ Städte aufblühen und ein starkes, reiches Bürgertum mit großen jüdischen Stadtgemeinden heranwachsen. Besondere Steuerprivilegien, zum Beispiel die Befreiung von der Erbschaftssteuer 1111 für die Bürger von Speyer, trugen dazu bei, dass zwischen den Bischofsstädten Straßburg, Speyer und Mainz die produktivste Wirtschaftsregion des Reiches entstand.

Der Blick der Autoren richtet sich auf das spannende Wechselspiel transkultureller Verflechtungen und Abgrenzungen. Das entspricht der "mutatio rerum", dem Wandel der Dinge, wie dieser Austauschprozess von Zeitgenossen genannt wurde und als Kernbestand für historische Deutungen der damaligen Zeit gelten muss. Ausdrücklich nannte ein zeitgenössischer Historiker Friedrich II. einen "Verwandler der Welt". Diese Auffassung widerspricht dem lange verbreiteten Bild vom statischen Mittelalter und bestätigt eine personenbezogene Geschichtsauffassung, wie der Heidelberger Historiker Stefan Weinfurter betont. Gerold Bönnen legt an der Rhein-Main-Neckar-Region das für den nordalpinen Raum charakteristische konsensuale Herrschaftsprinzip dar, das auf den Beziehungen zwischen machtberechtigten Personen beruhte. Religiöse Bewegungen wie die der Zisterzienser, später der Franziskaner und Waldenser, die Antikenrezeption, Außenbeziehungen und Rechtsgrundlagen sind weitere Themen des Bandes, der bald als Standardwerk für Historiker und Geschichtsinteressierte gelten dürfte. Er trägt auch zum voraussichtlichen Erfolg des groß angelegten Ausstellungswerbeprojekts bei, das die wirtschaftliche Metropolregion Rhein-Main-Neckar zu Recht auf ein kulturgeschichtliches Fundament stellt, das bislang vernachlässigt wurde. Schon jetzt liegen Tourismus-Broschüren über die staufischen Burgen, Dome und anderen historischen Denkmäler bereit, offeriert die Deutsche Bahn spezielle Staufer-Arrangements. Zum Ausstellungsbeginn am 19. September werden dann noch zwei Katalogbände im Schuber erscheinen.

Weitere Informationen: www.rem-mannheim.de und www.staufer2010.de.

"Verwandlungen des Stauferreichs". Drei Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa. Herausgegeben von Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter und Alfried Wieczorek. Konrad Theiss Verlag Stuttgart 2010. 496 S. mit 120 teils farbigen Abbildungen. Preis: 29,90 Euro.

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