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Spannungen vor dem Spiel Polen gegen Russland

Schlacht zwischen Fußballfans befürchtet

Von Florian Kellermann

UEFA Euro 2012: Polnischer Fußballfan bei Eröffnungsfeier
UEFA Euro 2012: Polnischer Fußballfan bei Eröffnungsfeier (picture alliance / dpa - Bartlomiej Zborowski)

Vor dem EM-Spiel Polen gegen Russland heute Abend in Warschau herrscht Nervosität. Angesichts so mancher wunder Punkte im bilateralen Verhältnis versuchen einige, aus der Begegnung politisches Kapital zu schlagen. Dazu gehören auch diejenigen, für die Russland für den Absturz einer polnischen Regierungsmaschine vor zwei Jahren verantwortlich ist.

Die Gottesdienstbesucher in der Warschauer Altstadt stehen auf der Straße, weil in der Kirche kein Platz mehr ist. Trotz strömenden Regens harren sie unter ihren Schirmen aus. Ihre Entschlossenheit hat einen Grund: Mit der Messe und dem darauf folgenden Marsch zum Präsidentenpalast wollen die insgesamt 2000 Menschen eine Botschaft an die russischen Fans in der Stadt senden. "Gebt uns das Flugzeugwrack zurück", steht auf Russisch auf einem Plakat und "Keine Freiheit ohne Wahrheit".

Die Ingenieurin Joanna Strzeminska erklärt das so:

"Die Europameisterschaft gibt uns die einmalige Gelegenheit, den ausländischen Gästen zu sagen, was wirklich passiert ist. Sehr wahrscheinlich, zu 90 Prozent, war das Unglück von Smolensk ein Attentat. Es ist doch bezeichnend, dass die Russen eine genaue Untersuchung der Leichen nicht zugelassen haben."

Russland ist in den Augen von Joanna Strzeminska also nicht nur für den Absturz einer polnischen Regierungsmaschine vor zwei Jahren verantwortlich. Die Regierung in Moskau habe das Unglück sogar geplant, um den damaligen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski aus dem Weg zu räumen.

Der Marsch der Nationalkatholiken am Sonntag endete vor dem Hotel Bristol, wo die russische Nationalmannschaft untergebracht ist.

Das Spektakel lässt die Emotionen in Polen hochkochen. Joanna Mucha, die Sportministerin, wollte die Spieler der Sbornaja sogar zum Umzug in ein anderes Hotel bewegen. Damit lieferte sie dem Oppositionspolitiker Jaroslaw Kaczynski eine Steilvorlage. Als einer der Initiatoren des Marsches, warf er der Ministerin Hysterie vor.

Allerdings gossen auch russische Fußballfans Öl ins Feuer. Sie kündigten ihrerseits für heute einen Marsch durch Warschau an, aus Anlass eines russischen Nationalfeiertags. Dabei wollen einige von ihnen demonstrativ in T-Shirts mit Hammer und Sichel auftreten. Für rechtskonservative Polen eine Provokation, so für die Regisseurin Ewa Stankiewicz.

"Wir werden nicht zulassen, dass Russen hier mit verbrecherischen Symbolen demonstrieren. Wir rufen alle auf, zu reagieren, wenn sie bei sich auf der Straße solche Symbole sehen. Wir sind hier die Gastgeber. Wir heißen alle wohlmeinenden Gäste herzlich willkommen - aber zu unseren Bedingungen."

Die russischen Fußballfans verstehen die Aufregung nicht. Viele von ihnen kommen abends in die Bar "Sotka" in einem verlassenen Wohnblock in der Warschauer Südstadt, der früher Sowjetdiplomaten beherbergte. Das Verhältnis zwischen den beiden Nationen sei gut, sagt Kiril Krasow aus Moskau.

"Die Polen sind sehr warmherzige, freundliche Menschen. Sie bemühen sich, mit uns russischen Gästen Russisch zu sprechen, auch die jüngeren Leute. Zwischen normalen Russen und normalen Polen gibt es keinerlei Hass. Die ganze Hysterie um das Spiel zwischen Polen und Russland wird doch nur von einigen radikalen Kreisen angefacht, um daraus politisches Kapital zu schlagen."

Die Warschauer Stadtverwaltung will bis zuletzt geheim halten, wo der Marsch der russischen Fans stattfindet. Nach letzten inoffiziellen Informationen wird die Route nun doch nicht durch die Altstadt gehen, sondern von einem Bahnhof an der Weichsel bis zum Stadion. Trotzdem haben die Warschauer Angst vor Ausschreitungen, so Krzysztof Karnkowski, ein 33-jähriger Soziologiedozent.

"Ich schließe nicht aus, dass es zu einer Tragödie kommt, zu einer Schlacht zwischen russischen und polnischen Fußballfans auf der Weichselbrücke zum Beispiel. Ich hoffe natürlich, dass sich diese Befürchtungen nicht bewahrheiten."



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