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StartseiteHintergrundAngst vor der schnellen Zinswende17.05.2017

Sparen & FinanzierungAngst vor der schnellen Zinswende

Das Zinstief könnte bald ein Ende haben: Analysten rechnen langfristig mit wieder steigenden Zinsen. Das wäre gut für Sparer, doch Kreditnehmer müssten wieder mehr bezahlen. Die Forderung nach einer Zinswende wird immer lauter, doch ein zu schneller Anstieg könnte gefährlich werden.

Von Michael Braun und Brigitte Scholtes

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Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften im Rohbau stehen am Mittwoch (11.07.2007) in einer Neubausiedlung in Düsseldorf-Wittlaer. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Gegen Gebühr lässt sich das heutige Zinsniveau für die Zukunft sichern. Bis die EZB Zinsen erhöht, dürfte noch viel Zeit vergehen. Doch die Kapitalmarktzinsen sind schon leicht gestiegen - ein erster Indikator für eine langsame Zinswende. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
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Hungen im Landkreis Gießen. Im Stadtteil Villingen entsteht ein neues Wohngebiet. Die meisten Bauplätze sind bereits verkauft. Mit 60 Jahren ist auch dieser Mann noch zum Bauherrn geworden. Nicht ganz freiwillig:

"Wir haben bisher zur Miete gewohnt. Und haben jetzt, wie das bei einer Mietwohnung halt so ist, eine Eigenbedarfskündigung bekommen. Und waren jetzt auf der Suche nach einem neuen Objekt. Und haben hier in dem Neubaugebiet relativ schnell was gefunden. Und da wollen wir jetzt kaufen beziehungsweise haben schon gekauft."

Reporter: War das niedrige Zinsniveau auch ein Entscheidungsgrund?

"Es war nicht der letztliche Entscheidungsgrund, aber es erleichtert natürlich die Entscheidung erheblich. Wir haben bei zwei Banken gefragt und haben gute Angebote bekommen. Und haben jetzt eine Finanzierung über zehn Jahre von 1,22 Prozent."

"Das heutige Zinsniveau für die Zukunft sichern"

Das Glück des niedrigen Zinses kann man noch ein wenig festhalten. Das gemeinnützige Verbraucherportal Finanztip rät zwar, beim Immobilienkauf vor allem auf den Preis zu achten und sich nicht von niedrigen Zinsen zu Mondpreisen verführen zu lassen.

Doch rechnen die Experten langfristig mit steigenden Zinsen und beraten Verbraucher entsprechend. Dirk Eilinghoff, Fachmann für Baufinanzierung bei Finanztip, spricht sogenannte Forward-Darlehen an. Damit lässt sich – gegen Gebühr – das heutige Zinsniveau für die Zukunft sichern:

"Wer jetzt noch innerhalb der Zinsbindung ist, aber kurz vor dem Ende, das kann auch durchaus zwei oder drei oder auch bis zu fünf Jahre vor dem Ende sein, sollte sich auf jeden Fall informieren. Weil der hat jetzt noch die Chance, ein günstiges Darlehen abzuschließen für die Anschlussfinanzierung, bevor das Zinsniveau insgesamt nach oben geht."

"Unruhe unter Kreditnehmern"

Der Experte spürt die Unruhe unter den Kreditnehmern, die sich an die niedrigen Zinsen gewöhnt haben und sie nicht mehr missen möchten.

In der gewerblichen Wirtschaft ist die Sorge vor der Zinswende nicht so ausgeprägt. Diether Klingelnberg, Aufsichtsrat eines mittelständischen Maschinenbauers aus dem Bergischen Land, macht sein Geschäft kaum vom Zinsniveau abhängig:

"Uns würde das nicht viel ausmachen, da wir relativ gut kapitalisiert sind. Wir würden dennoch investieren. Für uns ist das nicht eine Frage der Zinsen, für uns ist das eine Frage der Märkte. Wenn ein großer Bedarf irgendwo auftaucht, werden wir uns bemühen, den zu sichern und dann investieren."

"Freunde und Verwandte finanzieren mit"

Er ist mit dieser Einstellung nicht allein.

"Material wird über den Stangenlader zugeführt durch das Futter durch, das Futter greift das Material, spannt das und dann die Werkzeuge, die jetzt hier in dem Revolver eingespannt sind, arbeiten das Programm, das vorher erstellt wurde, automatisch ab, und so wird jetzt - in diesem Fall ist es Hohlstahl - der Ring innen und außen gedreht, und dann wird er abgestochen und kommt hinten als einseitig fertig bearbeitetes Teil raus."

Theo Fernau erklärt, wie die Drehmaschine funktioniert. 13 Mitarbeiter beschäftigt der Gründer und Chef der Fernau Präzisionstechnik in Darmstadt. Das Unternehmen liefert Einzelteile und Kleinserien für den Maschinen- und Anlagenbau. Steigenden Kreditzinsen kann er ausweichen:

"Wir planen für 2017 eine Investition, eine CNC-Drehmaschine, da werden jetzt Gespräche mit der Hausbank geführt, und bei der allgemeinen Zinslage ist es im Moment für mich aber auch interessant zu gucken, ob man im privaten Umfeld nicht Kredite kriegt, weil die Bankzinsen halt für Sparguthaben recht wenig sind, sodass auch da Bereitschaft besteht, vielleicht im Freundeskreis oder Verwandtenkreis mitzufinanzieren für zwei oder drei Prozent, das wäre natürlich dann günstiger als über Banken."

Geldbeschaffung über Anleihen

Trotz sehr günstiger Kreditzinsen: Wirklich gefragt waren Bankkredite bei deutschen Unternehmen insgesamt nicht. Nicht nur kleine Firmen wie die von Theo Fernau suchen andere Finanzierungsformen. Die größeren etwa sind direkt an den Kapitalmarkt gegangen und haben sich über eigene Anleihen Geld beschafft. Billiges Geld.

Denn auch viele große Unternehmen – Daimler, die Telekom, die Deutsche Bahn oder der Spezialchemiekonzern Evonik– können sich – wie der Staat - Geld zu Negativzinsen beschaffen. Sie bekommen also noch etwas drauf, wenn sie Geld über eine Anleihe aufnehmen.

Kein Wunder also, dass die Kreditnachfrage bescheiden blieb. Erst 2015 zog die Kreditfinanzierung wieder leicht an, im vergangenen Jahr dann um etwa zwei Prozent – im langjährigen Vergleich ist das aber eher wenig. Michael Hüther, Direktor des IW, des unternehmernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft: 

"Es ist generell so, dass die Unternehmen in Deutschland in hohem Maß eigene Liquiditätsbestände haben und sich aus Eigenmitteln finanzieren. Das hat sich verändert, wenn man so will, in den letzten 15 Jahren, nach der Jahrtausendwende. Auch die Ertragsstärke hat dazu geführt, dass man Eigenmittel stärker aufbauen konnte. Das heißt, sie sind wirklich nicht so ganz angewiesen."

"Exportwirtschaft profitiert von Niedrigzinsen, Banken leiden"

Mehr als über billige Kredite profitierten die deutschen Unternehmen über einen anderen Kanal von der lockeren Geldpolitik, erklärt Volker Treier, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags: 

"Es ist so, dass durch diese Niedrigstzinsen, durch diese wirklich exorbitant expansive Geldpolitik der EZB ja auch der Euro-Außenwert niedriger gehalten wird als es notwendig wäre. Und insofern ist natürlich klar, dass auch die Exportwirtschaft einen Teil partizipiert."

Anders ist es bei den Banken. Die leiden, weil die Zinsen niedrig sind und sie bei der Europäischen Zentralbank sogar Zinsen zahlen müssen, wenn sie ihr Guthaben dort einzahlen. Das ist der "Strafzins" dafür, dass die Banken ihr Geld nicht in die Wirtschaft pumpen.

"Sparkassen wissen, was auf sie zukommt"

Wer, wie die Sparkassen, die Kunden halten und ihnen deshalb zumindest nur ein wenig Guthabenzins aufs Sparbuch zahlen will, der muss das aus der Marge bezahlen, die er bei Krediten verdient. Diese Marge sinkt aber. Gerade die Sparkassen wissen, was auf sie zukommt. Georg Fahrenschon, der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes:

"Wir gehen von weiteren negativen Einschlägen beim Zinsergebnis aus. Das ist bei einem stark zinsabhängigen Geschäftsmodell auch schlicht und einfach nicht vermeidbar."

Darum sorgt sich auch die Bankenaufsicht. Die Folgen der Niedrigzinsen fräßen sich langsam aber sicher in die Bankbilanzen, sagt der Präsident der deutschen Bankenaufsicht, Felix Hufeld:

"Je länger es dauert, desto stärker belastet es die ohnehin schwache Ertragslage der deutschen Banken – vor allem der Häuser, deren Hauptertragsquelle der Zinsüberschuss ist, was bekanntlich bei der übergroßen Mehrheit der Institute der Fall ist."

"Gehen die Marktzinsen mal auf vier Prozent hoch, haben die Banken ein Problem"

Deshalb sind steigende Zinsen in der Kreditwirtschaft also sehr erwünscht. 

Aber es wäre auch nicht gut, wenn das zu schnell passieren würde. Denn dann könnte die Kreditwirtschaft in die Lage kommen, die zuletzt billig herausgegebenen Kredite mit teurer werdenden Spareinlagen refinanzieren zu müssen. Martin Hellwig, Direktor am Bonner Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, rechnet vor: 

"Wenn Sie sich angucken, was jetzt gerade auch in Deutschland an Immobilienfinanzierung in den letzten zwei, drei Jahren getätigt worden ist und dann mit Zinsfestschreibungen über 10 Jahre, 15, Jahre, 20 Jahre zu zwei Prozent: Lassen Sie die Marktzinsen mal auf vier Prozent hochgehen, dann haben die Banken ein Problem."

Dieses Risiko hätten die Volks- und Raiffeisenbanken im Griff, sagt zwar Uwe Fröhlich, Präsident des Branchenverbands BVR: 

"Wir sind natürlich aufgerufen, diese Zinsänderungsrisiken sehr genau zu kalkulieren und dafür auch Reserven zurückzulegen. Das tun wir natürlich."

"Mehr als die Hälfte aller Banken haben erhöhte Zinsänderungsrisiken"

Aber der für die Kreditwirtschaft zuständige Direktor in der Finanzmarktaufsicht, Raimund Röseler, macht sich hörbar Sorgen um die Branche, wenn die Zinsen drehen, wenn sie also wieder steigen:

"Schon seit langem lassen wir uns eine aufsichtliche Kennziffer melden, die sagt: Wieviel Eigenkapital würde denn eine Bank verlieren, wenn es zu einem Zinsschock von 200 Basispunkten käme."

Wenn also das Zinsniveau schnell um zwei Prozentpunkte stiege.

"Da gibt es einen bestimmten Schwellenwert, ab dem wir uns Sorgen machen. Und den Schwellenwert haben im Moment mehr als die Hälfte aller Banken gerissen. Also mehr als die Hälfte aller Banken haben erhöhte Zinsänderungsrisiken."

Bankenfusionen und Übernahmen

Mit mehr Kontrollen wird es nicht getan sein. Banken werden mehr Eigenkapital bereitstellen müssen, um die aufkommenden Risiken abzufedern. Und sie werden sich ändern müssen. Sie werden weniger werden, also sich zusammenschließen oder sich gegenseitig übernehmen.

Das ist vor allem im Sparkassen- und genossenschaftlichen Bankwesen seit Jahren zu beobachten und diese Entwicklung dürfte sich fortsetzen. Die Europäische Zentralbank fühlt sich für die Malaise der Banken nicht zuständig, nicht für ihr Leiden am Niedrigzins und erst recht nicht für ihre Strukturprobleme. Die Geldpolitik sei nicht an allem schuld, hat EZB-Präsident Mario Draghi schon deutlich gesagt.

"I think, low interest rates should not be used as the justification for everything that goes wrong with banks today."

Draghi: "Solider und breiter Aufschwung"

Zwar hatten Beobachter vor wenigen Wochen vermerkt, auch Draghi ändere seine Sichtweise auf die aktuelle Wirtschaftslage, auf die Inflationsentwicklung und damit auch auf die Zinspolitik. Draghi, das Gesicht der lockeren Geldpolitik, erkannte an, dass das Wachstum kommt, auch anhält, dass die Dinge auf solider Basis besser laufen.

"Growth is improving. Things are going better. Now it’s solid and broad.”

In der Tat. Die Wachstumsraten legen zu, und zwar nicht nur in Deutschland. Die Preise steigen, zuletzt sogar die Kerninflationsrate, also die Inflationsrate, die die oft schwankenden Energie- und Lebensmittelpreise beiseitelässt. 

Deshalb rechnen Experten mit einer bald deutlich sichtbaren Zinswende nach oben. Zwar dämpfte Draghi diese Erwartungen in der vergangenen Woche zunächst wieder, als er vor dem niederländischen Parlament vehement die aktuelle Geldpolitik verteidigte.

Man werde dabei bleiben, bis Ende dieses Jahres jeden Monat Wertpapiere in Höhe von 60 Milliarden Euro kaufen und die Zinsen nicht vor dem Ende des Anleihekaufprogramms erhöhen. Daniel Gros, der Direktor des europäischen Think Tanks CEPS, des Centre for European Policy Studies in Brüssel, kann die anhaltende Niedrigzinspolitik der EZB und deren Unwillen, daran etwas zu verändern, nachvollziehen:

"Die EZB sieht in erster Linie auf die zukünftige Inflation und auf Inflationserwartungen. Und für beides gilt, dass sie bisher nicht angestiegen sind. Die Inflationsrate, die wir zurzeit beobachten, hängt ja von der Vergangenheit ab. Da hat es eine kleine Rückkehr der Ölpreisinflation gegeben. Das ist jetzt vorüber. Deswegen wird die EZB auf keinen Fall das jetzt als Anlass nehmen, um ihre Politik zu ändern."

9.600 Milliarden Schulden in der Eurozone

Das dürfte den Finanzministern der Eurozone zupass kommen. Sie haben in der Zeit des billigen Geldes zwar viel gespart, weil die Staatsschulden mit zum Teil sehr moderaten, in Deutschland gar negativen Zinsen bedient werden konnten.

Aber das ersparte Geld haben sie nicht zur Schuldentilgung genutzt. Im Gegenteil. In den Euroländern sind die Schulden in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Zwar hat Deutschland seit 2014 Haushaltsüberschüsse gezeigt. Aber in der ganzen Eurozone wuchsen die Schulden. 2010 lasteten auf den Euroländern Staatsschulden von acht Billionen Euro. 2016 waren es 9,6 Billionen Euro, also 9.600 Milliarden.

Diese Schulden werden relativ niedrig verzinst. In Deutschland derzeit mit im Durchschnitt gut 0,2 Prozent. In Frankreich sind es dagegen 0,6, in Italien 2,1 und in Griechenland sogar 5,4 Prozent. Das hängt mit dem höheren Schuldenstand und der schwächeren Wirtschaftsleistung dieser Länder zusammen.

Weidmann: "Geldpolitik kann zum Gefangenen der Fiskalpolitik oder Märkte werden"

Oder anders gesagt: Mit dem höheren Risiko, das solche Länder ihren Gläubigern zumuten. Käme die Zinswende, würden vor allem dort, in den ökonomisch schwächsten Ländern, die Zinslasten steigen. Bundesbankpräsident Jens Weidmann befürchtet, dass die EZB darauf Rücksicht nehmen wird: 

"Bei steigenden Zinsen wird die Last hoher Staatsschulden aber wieder offensichtlich werden. Und auch die Märkte könnten die Tragfähigkeit öffentlicher Haushalte skeptischer bewerten. Es wäre für mich keine Überraschung, wenn in einer solchen Situation der Druck auf die Geldpolitik spürbar zunähme, aus Rücksicht auf die Finanzierungskosten der Staaten oder zur Vermeidung von Finanzstabilitätsrisiken den geldpolitischen Kurs länger expansiv ausgerichtet zu halten."

Weidmann, selbst Mitglied im EZB-Rat, hält davon nichts:

"Im Extremfall kann die Geldpolitik so zum Gefangenen der Fiskalpolitik oder der Märkte werden."

Bisher hat sich Weidmann kaum durchsetzen können. Aber seit dem Wochenende mehren sich die Zeichen, dass die Notenbank doch über eine allmähliche Abkehr von der sehr lockeren Geldpolitik nachdenkt.

Die wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum und der Ausblick seien robust, das "helfe dabei, die Normalisierung in den Blick zu nehmen", sagte Weidmann beim Treffen der sieben führenden Industrienationen im italienischen Bari. Voraussetzung sei allerdings, dass die Inflationsrate noch nachhaltiger zulege. 

Wirtschaftsweise: "Beinahe einhellig für Ausstieg aus lockerer Geldpolitik"

Wenn das so kommt, könnte die EZB von Mitte des Jahres an diese Botschaft deutlicher verbreiten. Das wäre angemessen, meint Michael Hüther vom IW, der jedoch noch an der Entschlossenheit der Notenbank zweifelt: 

"Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie nicht den Mut hat, aus dem Kurs auszusteigen oder ob sie die Labilität einiger Volkswirtschaften auch größer einschätzt."

Im deutschen Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Lage, bei den so genannten Wirtschaftsweisen, herrscht ohnehin die beinahe einhellige Auffassung, die EZB müsse endlich aus der sehr lockeren Geldpolitik aussteigen. Christoph M. Schmidt, Professor für Volkswirtschaftslehre und Vorsitzender des Sachverständigenrates:

"Angesichts dieser makroökonomischen Entwicklung erscheint uns nach wie vor angebracht zu schlussfolgern, nämlich dass die Geldpolitik der EZB zu expansiv ist, angesichts insbesondere der Risiken, die daraus erwachsen, die ja keineswegs abnehmen, sondern die stetig zunehmen. Risiken für die Finanzmarktstabilität sind da ganz besonders zu nennen."

Hüther: "Beginn der Zinswende bedeutet nicht einen Zinssprung"

Zwar tragen noch nicht die Verbraucherpreise inflationäre Züge. Aber bei Immobilien, Aktien und Anleihen, bei Vermögenswerten also, geht die Angst vor Preisblasen um. Vor allem wenn Immobilienpreise sinken, fällt das auf die Banken zurück: Die Häuser können dann nicht mehr als Sicherheit für Kredite herhalten.

Deshalb könnte die EZB schon Anfang Juni vorsichtig die Zinswende einleiten, zumindest verbal. Draghi könnte die Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung als ausgeglichen bezeichnen. Risiken starken Wachstums hat er bisher nie erwähnt, nur die Abwärtsrisiken und betont, der EZB-Rat könne die Zinsen notfalls noch weiter senken und die Anleihekäufe ausweiten.

Vielleicht könnte er Anfang Juni auch die Aufwärtsrisiken erwähnen. Diese Feinheiten der Kommunikation sind in der Geldpolitik sehr wichtig: Die Finanzmärkte hörten da genau hin, sagt Michael Hüther vom IW: 

"Ich glaube, es ist eine Frage, wie man kommunikativ dem Markt klar machen kann, dass der Beginn der Zinswende nicht einen Zinssprung bedeutet. Dass der Kapitalmarkt nicht voran nimmt, was er als normalen Zins mittelfristig dann bewertet. Das ist ja die eigentliche Kunst, das kommunikativ so hinzubekommen."

Anstieg bei Kapitalmarktzinsen

Wenn eine Notenbank das nicht ausreichend berücksichtigt, könnten die Finanzmärkte unruhig werden und überreagieren. Großinvestoren könnten aus Sorge um die Pleite von Banken oder auch Staaten ihre Gelder fluchtartig abziehen.

Als die amerikanische Notenbank ihren Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik vor einigen Jahren überraschend andeutete, kam es zu heftigen Marktbewegungen. So etwas bedeutet Stress auf dem Finanzmarkt und gefährdet Banken und knapp finanzierte Staaten. In Europa gilt Italien als größter Risikofaktor. Die drittgrößte Volkswirtschaft in der EU leidet unter einem teilweise maroden Bankensystem. 

Die Zinswende muss also langsam kommen. Bis die EZB nach der veränderten Kommunikation tatsächlich die Zinsen erhöht, dürfte noch viel Zeit vergehen. Doch die Finanzmärkte nehmen das seit einigen Monaten vorweg: Die Kapitalmarktzinsen sind schon leicht gestiegen. 

Für Sparer bedeutet das noch nicht wirklich eine Wende. Zumal dann nicht, wenn die Teuerungsrate steigt. Tagesgeld bringt derzeit allenfalls knapp ein Prozent, und das bei einer Inflationsrate von rund zwei Prozent. 

"Kostenlos-Kultur weitgehend beendet"

Dem Sparer bleibt also der Druck, sich gerade in der Altersvorsorge umzustellen. Auch wird er es weiter mit steigenden Gebühren zu tun haben, weil die Banken ja irgendwo für Einnahmen sorgen müssen. Geld abheben, Kontoführung, papierene Überweisungsträger nutzen – all das kostet immer mehr Geld.

Die Zeit der "Kostenlos-Kultur" im Bankwesen ist weitgehend beendet. Diese immer weiter zu führen, würde die Stabilität des Bankensystems gefährden. Da steht der Präsident der Bankenaufsicht Bafin, Felix Hufeld, ganz auf Seiten der Banken:

"Wer Kunde einer gesunden Bank oder Sparkasse sein will, muss akzeptieren, dass das Institut aufwandsgerechte Preise verlangt."

Wer darüber klagt, sollte bedenken: Ein Bürger ist nicht nur Sparer. Er ist auch Steuerzahler. Da wird ihm zupass kommen, dass sein Finanzminister nur moderate Zinsen zahlen muss. 

Und viele Bürger sind auch Kreditnehmer. Die freuen sich über weiter niedrige Zinsen. So wie der 60jährige Bauherr, der nach ein paar Wochen seine Konditionen mit den jetzigen verglichen hat:

"Vier Wochen später war das Zinsniveau ungefähr 0,1, 0,15 Punkte höher. Das hätte bedeutet: Über die Laufzeit von zehn Jahren hätten wir ein paar tausend Euro mehr bezahlt. Also, insofern hatten wir da schon Glück."

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