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StartseiteKultur heuteSparsame, aber wirkungsvolle Bilder30.03.2012

Sparsame, aber wirkungsvolle Bilder

"Immer noch Sturm" von Peter Handke in Mülheim an der Ruhr

Peter Handkes "Immer noch Sturm" erzählt vom slowenischen Widerstand in Kärnten gegen die Nazis, von Nachgeborenen, die ihre Sippschaft um sich sammeln. Roberto Ciulli, der 79-jährige große Theatermann vom Theater in der Ruhr in Mülheim, hat es nun auf die Bühne gebracht.

Von Dorothea Marcus

Bei den Salzburger Festspielen im August 2011 ließ Regisseur Dimiter Gottscheff "Immer noch Sturm" als statisches Lautgedicht in fünf Stunden spielen. Es regnete grüne Papierschnipsel, und der Hauptdarsteller Jens Harzer wurde trotz seines Könnens fast vom Text erdrückt. In Karlsruhe wurde es danach zum Kammerspiel auf kleiner Studiobühne, heiter illustriert mit Regie-Gags - beide Aufführungen wurden von der Kritik zwiespältig aufgenommen.

Im Theater an der Ruhr geht Roberto Ciulli einen ganz anderen Weg. Das Bühnenbild von Gralf-Edzard Habben ist ein steriles Krankenzimmer mit weißen Kacheln, wie eine Insel liegt es in einem Meer aus Ascheflocken. Der Icherzähler liegt krank und müde im Bett. Mit metaphysisch-dunklem Rauschen öffnet sich das riesige Fenster und die schwarz gekleideten, bleichgeschminkten Ahnen setzen sich um ihn herum.

"Da seid ihr nun, Vorfahren... die längste Zeit schon habe ich auf euch gewartet. Guten Tag Großmutter, guten Tag Großvater, Gregor, mein Onkel und Taufpate. Ursula! Keine Angst. Guten Tag und Doberdan, Benjamin, du Fast-Kind. Und jetzt du Mutter, so jung wie jetzt warst du nie... Aber sag wo sind wir jetzt alle zusammengekommen? Die Taiga, die Steppe, die Tundra?"

"Immer noch Sturm" ist eine Geistergeschichte, in der eine Familie um ihre eigene Sprache und Identität kämpft - zugleich kämpft auch der Schriftsteller von heute um seine Kindheitserinnerungen. Es geht hier um große Themen wie Schuld und Sehnsucht. Verantwortung und Lebenskampf. Und ständig mischen sich die kleinen Fragen der Familie hinein: was am Familientisch gegessen wurde. Wie Heu riecht. Wer den Stall ausmistet und wer die Dorfmädel flachlegt. Schwärmerisch wird das Essen aufgezählt, von dem auch in schlimmsten Zeiten genug da war. Apfelstrudel mit Zimt! Brot und frisch gestampfte Butter!
Volker Roos ist der hagere, heitere, leicht ironische Icherzähler, unschwer ist in ihm Peter Handke zu erkennen.
Äpfel rollen auf die Bühne und entfesseln seine Kindheitserinnerungen an die idyllische Landschaft und die bäuerliche Enge, vor der seine Mutter fliehen musste, weil sie ihn, den Wechselbalg, unehelich mit einem deutschen Soldaten zeugte.
Später rollen Totenköpfe auf die Bühne und erinnern, dass drei der fünf Geschwister gestorben sind, zwei im Schlachtfeld, eine im Partisanenkampf. Nur Onkel Gregor blieb übrig, vielleicht verantwortlich für den Tod der Schwester.

In Ciullis Regie sprechen die überragenden Schauspieler selbst das Traurigste in heiterem Tonfall. Sie tragen altertümliche Eleganz und dezente Trachtenelemente. Sorgsam und liebevoll fangen sie die poetische Sprache von Handkes monolithischer Textfläche ein.

Die düstere Schwester Ursula, die als Partisanin stirbt, wird von Dagmar Geppert verhärmt und verlassen gespielt und erblüht zur kraftvollen, schönen Mariannenfigur, als sie in die Wälder geht.

Simone Thoma spielt die harte, kalte Großmutter wie einen koboldhaften Geist, der hysterisches Gelächter wie einen Schutzschild vor die Trauer setzt. Die Brüder Valentin und Benjamin sind lustige Bauernsöhne, die den Krieg als großes Abenteuer sehen. Ihre Schwester, die Mutter des Schriftstellers, Petra von der Beek, lernt beglückt ihre Feldpost auswendig.

Illustriert wird der dreieinhalbstündige Abend mit sparsamen, aber wirkungsvollen Bildern. Als der Krieg zu Ende ist, liegen die Kapitulationsfahnen auf dem Ascheboden wie Grabtücher. Darunter muss die Mutter ihre Tochter identifizieren... und lacht auch diesen Schmerz einfach weg.
Es ist auch eine Erzählung über die Ambivalenz von Familien: die heimelige Enge, die zum zwanghaften Wertekorsett wird.
Der jüngste Sohn Benjamin drückt das aus in seinem Monolog, bevor er als Erster stirbt und fortan nur noch mit zerborstenen Engelsflügeln auftaucht:

"Warum all der Ekel in mir? Familienkrankheit, oder nur meine eigene? Ekel vor dem Loch des Gekreuzigten... Ekel vor Weihnachten... vor dem Fremden... vor der nächsten Stadt... Sehnsucht wird nach dem Ostertag. Dass ich mich nach einer anderen Zeit sehne... Ekel vor meiner ewigen Sehnsucht... ekelhaftes, elendiges Heimweh."

Es ist ein großer, wahrhaft beglückender Abend. Subtil erzählt er davon, wie tief Geschichte die Gegenwart prägt. Kongenial erweckt er die erzählerischen Weiten von Handkes Vorlage zum Leben, nichts wird verflacht, alles lässt Größeres ahnen. Kaum zu glauben: Roberto Ciulli ist mit fast achtzig Jahren zu neuer künstlerischer Kraft gelangt.

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