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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteKommentare und Themen der WochePunktsieg gegen Merkel mit kleinen Schwächen17.07.2017

SPD-Kanzlerkandidat SchulzPunktsieg gegen Merkel mit kleinen Schwächen

Mit dem Thema Investitionsstau sei SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ein kleiner Sieg über Bundeskanzlerin Angela Merkel gelungen, kommentiert Frank Capellan. Das Problem dabei sei nur, dass die SPD für etliche der Probleme, die Schulz genannt habe, mitverantwortlich sei. Und der Punktsieg könnte noch zum Pyrrhussieg werden.

Von Frank Capellan

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz präsentiert am 16.07.2017 in Berlin seinen Zukunftsplan "Das moderne Deutschland - Zukunft, Gerechtigkeit, Europa" (dpa / picture alliance / Maurizio Gambarini)
SPD-Kanzlerkandidat Schulz präsentiert seinen Zukunftsplan und kann punkten. (dpa / picture alliance / Maurizio Gambarini)
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Punktsieg Schulz! Das erste Duell mit der Kanzlerin hat der Herausforderer klar gewonnen. Schade, dass es kein direktes Aufeinandertreffen der beiden war. Schade, dass die Kanzlerin kneift und sich nur auf ein einziges Fernsehduell mit Martin Schulz einlassen will. Es könnten aufschlussreiche Begegnungen werden.

Die gestrige Chance immerhin haben sich die Sozialdemokraten nicht nehmen lassen: Der Kandidat konnte seinen Aufschlag machen - und verwandeln. Merkel war gezwungen, im ARD-Sommerinterview direkt auf Schulz zu reagieren, der wiederum hatte im ZDF heute-journal am Abend das letzte Wort. Ausnahmsweise mal ein Tag, der nach Regie der Wahlstrategen im Willy-Brandt-Haus verlief. Hauptthema: Der Investitionsstau. Marode Straßen, schlechtes Internet, kaputte Schulen – Deutschland lebt unter seinen Verhältnissen, unter seinen Möglichkeiten. Das ist die Botschaft des SPD-Kanzlerkandidaten.

Was die Kanzlerin dem entgegenzusetzen hat, muss wie Hohn in des Wählers Ohren klingen: "Wir können das Geld, das wir haben, nicht ausgeben!" Solche Probleme möchte ein Privatmensch gerne haben, nicht zu wissen, wie man all das Ersparte auf den Kopf hauen soll. Die Planungsverfahren sind zu lang, klagt die CDU-Vorsitzende, das Geldausgeben geht nicht so schnell wie erforderlich - eine allzu späte Erkenntnis. Wer nur, fragt man sich, hat regiert, wer hat geschlafen, wer hat Personal reduziert, wer hat all die Leverkusener Rheinbrücken aus dem Blick verloren, wer hat nicht gemerkt, dass Unterricht in Schulen ausfällt, weil das Wasser durch die Decke tropft oder Sporthallen sage und schreibe zwei Jahre lang als Flüchtlingsunterkünfte gebraucht werden? Verantwortlich ist die Chefin, die Kanzlerin, die CDU-Vorsitzende, die jetzt so tut, als seien all die Probleme zwei Monate vor der Wahl vom Himmel gefallen.Und Schulz kontert: «Wenn es reinregnet oder die Kinder nicht zur Toilette gehen können, dann brauchen Sie kein Planungsverfahren, dann brauchen Sie Handwerker.»

Dumm nur für den SPD-Vorsitzenden, dass seine Partei vier Jahre mitregiert hat. Dumm auch, dass die SPD vor elf Jahren ein Kooperationsverbot mitbeschlossen hat, dass dem Bund das Geldausgeben im Bildungsbereich nun so schwer macht. Das dürfte Martin Schulz auf die Füße fallen. Doch auch die Linkspartei, ohne die der Sozialdemokrat keine Machtoption hat, fällt ihm wieder einmal in den Rücken, nörgelt an dessen Plänen, weil die Reichen nicht genügend rangenommen würden. Diese Linke will wohl gar nicht mehr sein als die ewige Protestpartei. Dass er mit der nicht regieren kann und will, hat Schulz oft genug deutlich gemacht. Merkel nimmt er damit eine Angriffsfläche, sich selbst aber auch die winzige Chance, doch noch irgendwie Kanzler werden zu können. Denkbar, dass seine SPD mit und unter Merkel in einer neuen Großen Koalition den Investitionsstau auflösen muss - dann wären seine Punkte im Fernduell von gestern nicht mehr als ein paar Pyrrhus-Punkte.

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD, die Familienpolitik und Entwicklungszusammenarbeit.

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