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StartseiteKommentare und Themen der WocheTorsten Albig war nie ein "Landesvater"08.05.2017

SPD-Schlappe bei Wahl in Schleswig-HolsteinTorsten Albig war nie ein "Landesvater"

Zu defensiv, zu unmotiviert. Dass die SPD in Schleswig-Holstein die Landtagswahl nicht für sich entscheiden konnte, liege vor allem am amtierenden Ministerpräsidenten Torsten Albig. Nicht einmal im Wahlkampf konnte der rüberbringen, wofür er eigentlich steht, kommentiert Johannes Kulms.

Von Johannes Kulms

Torsten Albig, Ministerpräsident und SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, steht auf der Wahlparty der SPD und sieht enttäuscht aus. (dpa / Carsten Rehder)
Enttäuscht über das Abschneiden seiner Partei bei der Landtagswahl: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Albig, SPD (dpa / Carsten Rehder)
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Was Torsten Albig da gestern Abend seiner Partei zurief stimmt, denn: Der 7. Mai war ohne Zweifel ein "Scheiß-Tag", wie Albig es ausdrückte. Für die SPD in Schleswig-Holstein und im Bund. Vor allem aber für ihn selber.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident hat ohne Zweifel Fehler gemacht. Vor wenigen Wochen hat er einer Illustrierten ein Interview gegeben. Darin sprach er vom Ungleichgewicht in seiner inzwischen gescheiterten Beziehung – hier der viel beschäftige Politikmensch, dort die im Haushalt gefangene Ehefrau. Das kam überhaupt nicht gut an.

Albig setzte zu sehr auf den Amtsbonus

Auch beim TV-Duell mit seinem CDU-Herausforderer Daniel Günther konnte Albig kaum punkten. All diese Fehltritte haben Albig geschadet. Doch entscheidend ist das gesamte Auftreten des Ministerpräsidenten. Sowohl im Wahlkampf wie in den vergangenen fünf Jahren in der Landesregierung. Denn angekommen als echter Landesvater ist Torsten Albig nie. 

Sein größtes Problem bis heute: Wofür steht er genau? Schwere Frage. Hat Albig wirklich Lust auf seinen Job? Noch schwieriger zu beantworten. Es war ihm zumindest nicht immer anzusehen. Wie auch schon in den vergangenen fünf Jahren ließ Albig im Wahlkampf sehr oft Ralf Stegner den Vortritt – den mächtigen Fraktions- und Landesvorsitzenden. Auch Stegner trägt einen wichtigen Anteil an den Stimmverlusten, schließlich ist die Partei für den Wahlkampf verantwortlich. In diesem setzte Albig auf den Amtsbonus und die Zufriedenheit der Menschen mit der Arbeit der Landesregierung. Die war laut Umfragen durchaus vorhanden.

Doch diese Taktik war nicht ohne Risiko – erst recht seit dem vergangenen Herbst. Da nämlich wechselte die CDU für alle überraschend ihren Spitzenkandidaten. Von Woche zu Woche wurde klarer: Albigs Leute haben den jungen Daniel Günther unterschätzt. Der 43-Jährige Christdemokrat hat im Wahlkampf jede Menge Versprechen gemacht. Es sind Versprechen, die zum Teil nur sehr schwer umsetzbar sein werden. Und an der Grenze zum Populismus rangieren – siehe Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren oder größere Abstände bei geplanten Windkraftanlagen. In den Koalitionsverhandlungen dürfte Günther dies noch Kopfzerbrechen bereiten. Erst recht, wenn Günther die Grünen für ein Jamaika-Bündnis gewinnen möchte.

Lust und Unlust aufs Regieren

Und doch hat Günther etwas im Wahlkampf gezeigt, was bei Albig so gar nicht rüberkam: Angriffslust. Der amtierende Ministerpräsident hat sich für die defensivere Variante entschieden: Keine harte Konfrontation, keine Aufsehen erregenden Wahlversprechen. Doch fehlte ihm am Ende eben etwas, was Daniel Günther in den vergangenen Monaten einfach überzeugender rüberbrachte: Das Interesse an Menschen, vor allem aber die Lust aufs Regieren. Ob er für letztes Gelegenheit erhält, wird sich noch zeigen.

Denn: Noch ist gar nicht wirklich sicher, ob die CDU auch tatsächlich den nächsten Ministerpräsidenten in Schleswig-Holstein stellen wird. Eine Ampel – ein Bündnis aus FDP, Grünen und SPD – scheint keineswegs ausgeschlossen. Und so könnte – auch wenn es gerade in sehr weiter Ferne ist – der 7. Mai rückblickend vielleicht doch noch irgendwie ein ganz ordentlicher Tag werden für die SPD. Auch wenn der Ministerpräsident dann garantiert nicht mehr Torsten Albig hieße.

 

Johannes Kulms (Deutschlandradio / Bettina Straub)Johannes Kulms (Deutschlandradio / Bettina Straub)Johannes Kulms, geboren 1986 in Hamburg. Als Jugendlicher ein Jahr Austauschschüler in Argentinien, nach dem Abitur Freiwilligendienst mit der Aktion "Sühnezeichen" in Paris. Es folgte ein deutsch-französisches Doppeldiplomstudium im Fach Politikwissenschaft an der Uni Münster und dem IEP Lille. Erste mediale Gehversuche bei Radio Q, nach mehreren journalistischen Praktika für ein knappes Jahr eine Redakteursvertretung bei der "taz" in Berlin. Mitarbeit bei mehreren arte-Produktionen. Ab 2013  Volontariat beim Deutschlandradio, anschließend ein Jahr Junior-Korrespondent im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio. Seit Juli 2016 Landeskorrespondent in Kiel in Schleswig-Holstein.

 

 

 

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