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StartseiteUmwelt und VerbraucherWohnen in der Wärmedämmung02.09.2014

SpechteWohnen in der Wärmedämmung

Spechte sind findige Tiere und machen es sich auch in der Wärmedämmung moderner Häuser gemütlich. In dem weichen Material werden Nist- oder Schlafhöhlen gebaut. Für die Hausbesitzer ist das alles andere als lustig. Aber es gibt auch Ideen, wie sich der Specht von seinem Tun abhalten lässt.

Von Stefan Michel

Ein Mann trägt vor dem Rohbau eines mehrstöckigen Hauses eine Wärmedämmplatte unter dem Arm. (dpa/picture alliance/Carmen Jaspersen)
Spechte lieben die Wärmedämmung von Häusern. (dpa/picture alliance/Carmen Jaspersen)
Weiterführende Information

Reihe: Baustellen der Energiewende - Die Kosten deutscher Dämmung (Deutschlandfunk, Hintergrund, 05.08.2014)

Passivhäuser - Wohnen fast ohne Heizung (Deutschlandfunk, Marktplatz, 15.05.2014)

So eine aufs Mauerwerk gesetzte Wärmedämmung besteht aus einer dicken, weichen Schicht aus Styropor, Mineralwolle oder Ähnlichem, und darüber einer dünnen, harten Putzschicht.

"Die Dämmmaterialien und der Putz darüber erinnern den Specht an Totholz," erklärt Eric Neuling vom Naturschutzbund.

Außen hart, innen weich - nach aller Specht-Erfahrung bedeutet das, dass er hier mit wenig Mühe eine Bruthöhle zimmern kann, und dass er hinter der harten Oberfläche leckere Insekten-Nahrung findet. Also hackt der Specht ein Loch in die Fassade und weitet es zur Höhle aus. Aber mit nur einer Bruthöhle ist er längst nicht zufrieden.

"Der hat auch Schlafhöhlen, der Buntspecht, und auch legt er öfter Bruthöhlen in mehrerer Anzahl an, um die Weibchen dann die Wahl treffen zu lassen."

Das Phänomen Fassadenspecht nahm seinen Anfang vor etwa zwei Jahrzehnten, an Häusern mit aufgesetzter Dämmschicht, weit draußen am Waldrand oder am Rande von großen Parks. Die meisten Fassadenspechte sind Buntspechte, nur selten hämmern auch Grünspechte Höhlen in die Hauswand. Der Buntspecht war einmal ein typischer Waldbewohner, doch seit Jahren dringt er immer tiefer in die Stadtzentren vor. Handwerker Holm Draber verfolgt das Treiben der Fassadenspechte seit einiger Zeit in der Bundeshauptstadt.

Stück für Stück in Richtung Kanzleramt 

"Angefangen hat's vor drei Jahren mehr mit den Randlagen von Berlin. Aber inzwischen kann man wirklich sagen: Der Specht ist auch in Charlottenburg oder Pankow oder Mitte tätig. Der arbeitet sich Stück für Stück in Richtung Kanzleramt vor."

Drabers Malerbetrieb ist eigentlich auf die Beseitigung von Fassaden-Schmierereien spezialisiert. Aber weil ihn immer mehr Kunden auf die Spechtlöcher ansprachen, richtete er eine Telefon-Hotline für Specht-Geschädigte ein. Seither ist das Verfüllen von Spechtlöchern zum zweiten wirtschaftlichen Standbein seiner Firma geworden.

Grünspecht (picture alliance / dpa / Paul van Gaalen)Grünspecht (picture alliance / dpa / Paul van Gaalen)"Deutschlandweit bekommen wir Anrufe, sogar aus Österreich oder der Schweiz. Wir konzentrieren uns auf den Berliner und Brandenburger Raum, und da hab ich's mal durchgezählt: Im letzten Jahr haben wir da so ca. Pi mal Daumen Tausend Spechtlöcher geschlossen."

Rein ökologisch gesehen ist das ein wenig schade, denn nicht nur die Spechte selbst nutzen die von ihnen gehackten Löcher, sagt Naturschützer Neuling.

"Die Kleiber, aber auch viele Sperlinge oder Stare gehen dann halt in diese Löcher in Gebäuden. Aber auch Mauersegler und seltene Arten. Fledermäuse oder Siebenschläfer."

Spechte sind sehr lernfähig 

Aus Sicht des Hausbesitzers ist es jedoch unumgänglich, die Löcher in der Wärmedämmung schnell zu schließen, sagt Handwerker Draber.

"Das ist ja eine empfindliche Hülle, und wenn dort ein Loch drin ist, kann dort Wasser hinter die Dämmung gelangen, was wirklich sehr, sehr übel wäre. Also, die Dämmung kann dort einen Komplettschaden erleiden, auch im Innenbereich kann dann Schimmel wachsen."

Nur: Mit dem Zuspachteln der Löcher ist das Problem nicht gelöst. Schon am nächsten Tag hackt der Buntspecht häufig neue Löcher in die Wand. Also soll der Vogel verscheucht werden. Mit Flatterbändern und Greifvogel-Silhouetten, mit Lärm, Lichtblitzen und lebensgroßen Attrappen seiner natürlichen Feinde, Sperber oder Uhu - was ist da nicht alles schon empfohlen worden! Den Specht beeindruckt das nur bedingt, weiß der Vogelexperte Neuling.

"Spechte sind tatsächlich sehr schlau und gewöhnen sich auch sehr schnell an diverse Abschreck-Mechanismen."

Holm Draber schwört auf die abschreckende Wirkung von Raben-Attrappen. Aber er erinnert sich auch an den Anruf eines Kunden:

"Das war ja gut mit der Rabenattrappe, aber das hat ein Jahr geklappt. Jetzt sitzt der Specht immer genau auf dem Kopf von der Rabenattrappe. Und – ja, er gewöhnt sich irgendwann dran."

Doch, es gibt wirksame Methoden, die Wärmedämmung zu schützen. Man kann Stahlnetze über die Hauswände spannen und sie mit Schlingpflanzen beranken. Oder die Wände sehr fein verputzen und zusätzlich die Hausecken mit Stahlblechen verstärken – dann kann sich der Specht nicht mehr anklammern. Aber das geht dann richtig ins Geld.

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