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StartseiteBüchermarktSpiel mit dem eigenen Lebensstoff22.04.2007

Spiel mit dem eigenen Lebensstoff

Buch der Woche: "Mein Leben als Mann" von Philip Roth

Zu den charakteristischen Eigenheiten von Philip Roth gehört die enge Verflechtung von biografischen Fakten und literarischen Fiktionen. "Mein Leben als Mann" war derjenige Romane, mit dem er die Partie der erzählerisch und formal vielschichtigen Selbstbespiegelung im großen Maßstab eröffnete.

Von Eberhard Falcke

Der US-Autor Philip Roth im Jahr 2005 in seinem Haus in Connecticut. (AP Archiv)
Der US-Autor Philip Roth im Jahr 2005 in seinem Haus in Connecticut. (AP Archiv)

Für die Süchtigen ist gesorgt. Die Gemeinde der Philip-Roth-Leser soll nicht darben, so scheint man in seinem deutschen, dem Hanser Verlag zu denken. Die letzte Novität aus der Feder des permanenten Nobelpreiskandidaten, der kurze Roman "Jedermann", ist als Herbstbuch noch in bester Erinnerung. Der nächste Roth-Titel wird im Original bereits für Oktober angekündigt. Entzugserscheinungen können da kaum aufkommen.

Warum aber nicht trotzdem zwischendurch wieder einmal zurückschauen? Umso mehr als es sich bei dem erneut aufgelegten Roman "Mein Leben als Mann" um ein für diesen Zweck sehr ergiebiges Werk handelt. Denn wenn es wahr ist, dass mit dem nächsten Roman "Exit Ghost" Nathan Zuckerman als alter ego des Autors Philip Roth seinen Abschied nimmt, dann hat es seinen Sinn, wenn wir zuvor noch mal Gelegenheit bekommen, Zuckermans ersten großen Auftritt im Jahr 1974 zu begutachten, ganz abgesehen davon, dass es nicht ohne Reiz ist, den ungemein reifen, wandlungsfähigen Romancier von heute einmal direkt neben den egomanisch konzentrierten Autor der frühen und mittleren Jahre zu stellen.

Zu den charakteristischen Eigenheiten von Philip Roth gehört die enge Verflechtung von biografischen Fakten und literarischen Fiktionen. Er sei ein "Schriftsteller seiner selbst" bekannte er einmal, um sein ständiges Spiel mit den Gegenpolen von Biografie und Erfindung auf den Begriff zu bringen. "Mein Leben als Mann" war derjenige Romane, mit dem er die Partie der erzählerisch und formal vielschichtigen Selbstbespiegelung im großen Maßstab eröffnete. Und um was sonst konnte es dabei gehen, wenn nicht um das Verhältnis zu einer Frau und natürlich um dessen literarische Verarbeitung?

"Ich fühlte mich zu Lydia hingezogen, weil sie so viel durchgemacht hatte und weil sie so tapfer war. Nicht nur, dass sie überlebt hatte, sondern was sie überlebt hatte, verlieh ihr in meinen Augen enormen moralischen Wert, ja Glanz. [...] Was sie für mich so wertvoll erscheinen ließ, war die Tatsache, dass sie Opfer aller Spielarten der Barbarei gewesen war, vom Banalen bis zum Bösen, dass sie, verprügelt, betrogen und ausgebeutet von jedem einzelnen ihrer Hüter, schließlich in den Wahnsinn getrieben worden war - und sich am Ende doch als unzerstörbar erwiesen hatte: Sie wohnte jetzt in einer hübschen kleinen Wohnung in Hörweite der Glocke im Turm der Universität, deren Atheisten, Kommunisten und Juden ihre Leute verabscheuten, und am Küchentisch in dieser Wohnung schrieb sie für mich allwöchentlich zehn Seiten, auf denen sie - heldenhaft, wie ich fand - die Einzelheiten jenes brutalen Lebens in einem von Wut und Wahnsinn sehr weit entfernten Stil festhielt."

Nein, diese Lydia hat nicht etwa eine der großen Schandtaten des 20. Jahrhunderts überlebt, auch nicht die größte von allen, den Holocaust. Sie hat lediglich den sexuellen Missbrauch durch ihren Vater überstanden und ist mit ein paar blauen Augen aus den idiotischen Ehen mit ein paar ebenso idiotischen wie brutalen Kerlen entkommen. Trotzdem erhebt sie der Autor in den Rang einer Überlebenden. Dennoch erklärt er sie zum Opfer "aller Spielarten der Barbarei, vom Banalen bis zum Bösen", keine zehn Jahre, nachdem Hannah Arendt anlässlich des Eichmann-Prozesses den Begriff von der "Banalität des Bösen" geprägt hatte.

Mit der Neuauflage von "Mein Leben als Mann" steht also auch gleich wieder der Provokateur Philip Roth sehr lebendig vor uns. Der dürfte angesichts der humanen Vielschichtigkeit des heutigen Spätwerks ja vielleicht etwas in Vergessenheit geraten sein. Freigebig teilte er damals die Provokationen nach allen Seiten aus. Völlig unverhofft wird der brave, blitzgescheite und fleißige Literaturdozent Nathan Zuckerman von dieser Lydia, seiner völlig ungebildeten Creative-writing-Schülerin, in den Bann geschlagen. Umso öfter lässt er dafür durchblicken, dass er sich eben auch berufen fühlte, die arme Christentochter für all das zu entschädigen, was sie unter den barbarischen Nicht-Juden zu erleiden hatte. Moralisch zeichnet Zuckerman sich dadurch umso mehr aus, dass es für sein edles Tun keine knackigen sexuellen Motive gibt. Durch die Art, wie das wiederum erklärt wird, bekamen schließlich auch noch alle Sittenwächter ihr Fett ab.

"Da mich ihr Charakter in vieler Hinsicht berührte, erschien es mir sonderbar, dass ihr Körper mich so abstieß, wie es in der ersten Nacht der Fall war. Ich erzielte zwar für mich einen Orgasmus, fühlte mich jedoch hinterher wegen der Leistung, die da hatte 'erzielt' werden müssen, miserabel. Zuvor, beim Streicheln ihres Körpers, hatte ich beunruhigt festgestellt, dass ihre Genitalien sich merkwürdig anfühlten. [...] Ich sah mich versucht, einen Zusammenhang zu dem frühen Mißbrauch durch ihren Vater herzustellen, aber das war natürlich eine viel zu literarische, zu poetische Vorstellung, um glaubhaft zu sein - nein, dies war kein Stigma, sosehr es mich auch einschüchtern mochte.

Der Leser wird sich jetzt vermutlich vorstellen können, wie der Vierundzwanzigjährige, der ich damals war, auf sein eigenes Erschrecken reagierte: Am Morgen begann ich ohne große Umstände, an ihr Cunnilingus zu praktizieren.

'Nicht doch', sagte Lydia. 'Tu das nicht.'

'Warum denn nicht?' Ich erwartete die Antwort: Weil ich da so häßlich bin.

'Ich habs dir doch gesagt. Ich kriege keinen Orgasmus. Egal was du machst.'"

Ein verwickelter Fall also. Aber wie ist es hier nun eigentlich um das zentrale Roth-Thema, die Beziehung zwischen Fakten und Fiktion, zwischen Leben und Literatur bestellt? Folgendermaßen: Der wirkliche Schriftsteller Philip Roth hat als Romanhelden den fiktiven Kollegen Peter Tarnopol ersonnen, um unter dem sehr autobiogradisch klingenden Titel "Mein Leben als Mann" seine im wahren Leben gescheiterte erste Ehe literarisch zu verarbeiten. Im Roman hat der erfundene Peter Tarnopol nun noch einmal dasselbe gemacht wie sein Autor. Um seine Ehekatastrophe literarisch-analytisch zu durchdringen, schafft sich Tarnopol das fiktive alter ego Nathan Zuckerman.

Alles ganz einfach also! Erst die beiden Zuckerman-Geschichten, dann der lange Bericht von Peter Tarnopol - das ergibt zusammen den Roman "Mein Leben als Mann" von Philip Roth.

Ja, gewiss, komisch ist es wahrlich auch, dieses ganze Hin und Her, das der "Schriftsteller seiner selbst" zwischen Leben und Literatur veranstaltet hat. Sehr komisch sogar. Roth selber attestierte sich einen "Zug zu dadaesker jüdischer Schaustellerei", eine übermütige Vorliebe für ironische Selbstpreisgabe und satirische Übertreibung, diese Eigenschaften seien für sein Schreiben stilbildend gewesen. Das betonte er in seinem Buch "Tatsachen. Autobiographie eines Schriftstellers". Doch glaube niemand, dort sei der im Titel behauptete harte Boden des Faktischen ausnahmsweise einmal kein doppelter.

Doch genug von Fakten und Fiktionen. Halten wir einfach fest, dass Philip Roth in "Mein Leben als Mann" das für sein Werk so charakteristische Spiel mit dem eigenen Lebensstoff erstmals mit allen Schikanen eingeübt und ausprobiert hat. Nicht minder interessant ist schließlich die sonderbare, gleichermaßen verrückte wie faszinierende Liebesgeschichte, um die es hier geht.

Als typischer Roth-Held hat sich Peter Tarnopol vor allem mit drei Probleme herumzuschlagen: mit seiner literarischen Berufung, den Frauen sowie mit der eigenen Person und seiner jüdischen Identität. Tarnopol bleibt an Maureen alias Lydia hängen, trotz Orgasmusschwierigkeiten und dürftigem Sex-Appeal. Und diese Maureen ist wahrlich eine Beziehungsfallenstellerin von Format, eine Double-bind-Taktikerin ohne Skrupel. Unter Vorspiegelung einer Schwangerschaft zwingt sie Peter zur Heirat und heizt ihm auch sonst tüchtig ein.

"'Entweder du heiratest mich oder ich bringe mich um! Und ich tu's!' schrie sie und hämmerte mit ihren beiden kleinen Fäusten trotzig auf den Rand der Badewanne. ‘Das ist keine leere Drohung, Peter - ich habe die Nase voll von Typen wie euch! Ihr egoistischen, verhätschelten, unreifen, verantwortungslosen Bildungseliteschweine. Du mit deinem dicken, fetten Vorschuß und deiner erhabenen Kunst - ach, es macht mich krank, wie du dich vor dem Leben versteckst hinter deiner Kunst! Ich hasse dich und ich hasse diesen Scheiß-Flaubert, und du wirst mich heiraten, Peter, weil ich es endgültig satt habe! Ich werde nicht noch mal das hilflose Opfer eines Mannes sein! Du wirst mich nicht einfach in die Wüsten schicken...!'"

Zweifellos: Peter Tarnopol hat es meisterlich verstanden die Attacken seiner Gegnerin im Beziehungskrieg mit allen Winkelzügen zu protokollieren, allein genützt hat es ihm wenig. Obwohl er alle Kräfte von Bildung, Geist, Vernunft und Literatur auf seiner Seite hat, ist er auf Maureen hereingefallen. Auch sein fest im bürgerlichen Leben stehender Bruder Morris kann den Künstler, das schwarze Schaf der Familie, nicht überreden, von der fatalen Frau alle elf Finger zu lassen. Und deshalb vergeudet Peter Tarnopol, wie er bald einsieht, sein Leben als Mann, das für den preisgekrönten jungen Schriftsteller so erfolgreich und vielversprechend begonnen hatte.

Wie konnte ihm das passieren? Warum hat er nicht ein anständiges, gebildetes jüdisches Mädchen geheiratet, wie seine jüdischen Eltern es sich gewünscht hätten? Warum ist er nicht wenigstens bei einer dieser blonden, apfelwangigen weißen angelsächsischen Protestantinnen aus der reichen Oberschicht geblieben, deren lange, gebräunte Beine in Scharen durch seine erotischen Fantasien marschieren? Warum? Aus Prinzip! Maureen stammt aus der Unterschicht und sie ist eine geprügelte Existenz. Sie hat es schwer, wo die anderen es leicht haben.

Für ihn aber sollen die Frauen, so verkündet der ambitionierte Jung-Schriftsteller, nicht ein "Versuchsgelände für Potenz" sein, sondern für die "Tugend". Indem er sich für die unterprivilegierte Maureen entscheidet, praktiziert er so etwas wie linke erotische Selbstkritik: gegen seine sexuellen Begierden und gegen das leichte Leben der von ihr angeklagten "Bildungseliteschweine". Er, so heißt es, "wollte menschlich sein: männlich, ein Mann". Darum besitzt die, wie er glaubt, "tapfere kleine Seele" für ihn eine so große "romantische Anziehungskraft". Dass Maureen, weil sie sonst nichts hat, mit allen Tricks, Lügen und taktisch eingesetztem "moralischem Overkill" für ihre Sache kämpft, merkt er erst, als es zu spät ist und er sie schon geheiratet hat - bestochen durch ihre Trostlosigkeit und ihre Elendsreize und erpresst durch eine hundsgemeine Intrige. Vom Schriftsteller, der einmal glaubte, er habe alles im Griff bleibt nur eine entnervte komische Figur, die bekennen muss: "Ich bin der Donald Duck des Heulens und des Zähneklapperns!"

"Es scheint, dass entweder die Literatur meine Vorstellungen vom Leben zu stark beeinflußt oder es mir überhaupt nicht gelingt, einen Zusammenhang zwischen ihrer Weisheit und meiner Existenz herzustellen. Denn einerseits kann ich noch nicht so ganz an die Hoffnungslosigkeit meiner Lage glauben, andererseits ist mir die Schlusszeile von Kafkas Prozess so vertraut wie mein eigenes Gesicht: '... es war, als sollte die Scham ihn überleben!' Nur bin ich keine Figur aus einem Buch, mit Sicherheit nicht aus jenem Buch. Ich bin wirklich. Und meine Erniedrigung ist gleichermaßen wirklich."

Peter Tarnopol muss am hehren Nutzen der Literatur für das Leben verzweifeln. Dabei hatte der junge Autor nur darauf gewartet, endlich einmal der Herausforderung zu begegnen, die es ihm ermöglichen würde, sein ganzes Können unter Beweis zu stellen.

"Im Zentrum meines Bildes der Wirklichkeit, gewonnen aus der Lektüre der Meister, standen Widrigkeiten. Und hier war sie nun, eine Wirklichkeit, so störrisch und widerspenstig und (noch dazu) so schrecklich, wie ich sie mir schlimmer in meinen literarischsten Träumen nicht hätte wünschen können. Man könnte sogar sagen, dass die Qual, in die sich mein tägliches Leben schon bald verwandeln sollte, im Grunde nichts anderes war als Fortuna, die herablächelte auf den, wie die New York Times Book Review schrieb, ‘Wunderknaben der amerikanischen Literatur' [...]

Natürlich wollte ich andererseits, dass meine Existenz voller Widrigkeiten sich in angemessen erhabenen moralischen Höhen abspiele. Aber nicht einmal Wunderknaben können erwarten, alles zu bekommen: Statt mit den Widrigkeiten der ernsten Dichtung bekam ich es mit den Widrigkeiten der Seifenoper zu tun. Widrig genug, doch das falsche Genre."

Peter Tarnopols Versuche, seine Misere in den beiden Zuckerman-Stories fiktiv zu verarbeiten, haben zu nichts geführt. Obwohl die Erzählungen am Anfang des Romans stehen, markieren sie den Tiefpunkt in der Verfassung ihres Autors. Sie beweisen ihm nur: Der literarische Nutzen will sich partout nicht einstellen, die Befreiung durch Kunst funktioniert nicht. Es ist ihm für sein Scheitern weder eine Erklärung noch eine Überhöhung oder Sinngebung gelungen.

An diesem Punkt entschließt sich Peter Tarnopol zum schlichten autobiografischen Bericht. Er wendet sich von der Belletristik ab, nicht ohne zu betonen, dass er sich auch von einer strikten Berücksichtigung der Tatsachen keinen Sieg über seine Obsession erhofft. Allerdings erweitert sich dadurch die Perspektive zum umfassenden Blick auf das eigene Leben. Nun kommen außer der Literatur auch noch die Psychoanalyse und die Juristerei auf den Prüfstand der Problembewältigung. In zahlreichen Sitzungen tritt der Analytiker Dr. Spielvogel auf, der schon im bekanntesten Frühwerk von Philip Roth zum Zeugen von "Portnoys Beschwerden" wurde. Und mit Hilfe seines Anwalts kann Peter Tarnopol zumindest die Scheidung von Maureen erwirken. Vor weiteren furiosen Auftritten seiner Exfrau kann ihn die rechtlichen Klärung aber trotzdem nicht bewahren, ganz zu schweigen von der Psychoanalyse, die diesem wilden Leben noch weniger gewachsen scheint als die Literatur.

Formal jedoch wird in der Gattung des autobiografischen Berichts das Verhältnis von Schreiben und Leben noch weiter gespiegelt und ausdifferenziert. Peter Tarnopol erläutert seine Zuckerman-Stories, Dr. Spielvogel kommentiert sie und schreibt seinerseits am Beispiel des Schriftsteller-Patienten einen Aufsatz über die Wurzeln der Kreativität. Mit anderen Worten: Philip Roth treibt das metafiktionale Spiel mit dem Text im Text, der Fiktion in der Fiktion immer weiter.

Allerdings hat dieses Verfahrens seine Schattenseiten. Denn es geht mit einer gnadenlosen Ausführlichkeit einher. Dieselbe Geschichte wird, das liegt in der Logik solcher Selbstreflexion, von allen Seiten und immer wieder aufs Neue unter die Lupe genommen. Da bleiben Momente von Ermüdung und Überdruss beim Lesen nicht aus. Und doch können solche Durchhänger die Qualitäten dieses Romans nicht wirklich beeinträchtigen. Nicht viele Autoren dürfen es sich erlauben, so hartnäckig auf einem Thema herumzureiten. Philip Roth darf es. Er besaß und besitzt nach wie vor die dazu nötige erzählerische Vitalität und Einfallskraft. Und er muss es auch können. Denn ein "Schriftsteller seiner selbst" kann eben mit seiner Geschichte und deren Spiegelung in anderen Geschichten niemals fertig werden. Das ist ein wesentlicher, vielleicht der wichtigste Aspekt des Werkes von Philip Roth.

Genauso verhält es sich mit Peter Tarnopols ebenso todernstem wie hochkomischem Ringen um Literatur und Mannhaftigkeit. Die Fragen hören nicht auf:

"Wie geriet ich in die Falle? [...] Wie kann ich werden, was in der Literatur ein Mann genannt wird?"

Als er endlich einmal die Auskunft erhält: "Du selbst bist die Falle!", da ist der Gong für eine weitere Runde schon wieder angeschlagen. Im Ring wartet die schöne, reiche aber erschreckend passive und fügsame Susan, die in Krisensituationen Asyl hinter den Wintermänteln im Kleiderschrank sucht. Die Heldentaten, die Tarnopol in ihrem Fall zu vollbringen hat, sind Schulung in öffentlichem Reden und therapeutischer Geschlechtsverkehr. Er fühlt sich dabei als "Sex-Samariter", der sich pflichtbewusst im Kampf um die intime Bewegung verausgabt:

"Wir stiegen ins Bett wie Arbeiter, die Nacht für Nacht in einer Rüstungsfabrik Überstunden leisten."

Frauen, die sich wegen ihm umbringen wollen, kann er eben nicht widerstehen, dieser Freund der literarischen Himmelfahrt. Tarnopol bezeichnet sich selbst als eine "Autorität im Hinblick auf Dilemmata". Das hat er ganz sicher mit seinem Autor Philip Roth gemein. Entsprechend dem Satz von Simone de Beauvoir "Man kann sich niemals kennen, sondern nur erzählen", der einmal als Motto auftaucht, werden sie beide mit dem Erzählen nie fertig. Seiner ersten Ehefrau hat Roth noch einmal in dem "Tatsachen"-Buch viele Seiten gewidmet. Im wirklichen Leben hieß sie übrigens Margaret Martinson. 1968 kam sie bei einem Autounfall ums Leben. Ihr literarisches Nachleben kann sich wahrlich sehen lassen.

Philip Roth: Mein Leben als Mann. Roman
Aus dem Amerikanischen von Günter Panske
Carl Hanser Verlag, München 2007
414 Seiten, 24,90 Euro

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