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StartseiteThemen der WocheSpiel mit dem Feuer17.03.2007

Spiel mit dem Feuer

Das mutmaßliche Geständnis von Guantanamo

Warum nicht auch der Kennedy-Mord? Die jetzt mit großem medialen Aufwand vorgelegte Geständnisliste des offenbar zum Megaterroristen mutierten Scheich Mohammed mutet dermaßen absurd an, dass man lachen müsste, wäre die Angelegenheit nicht so traurig und ernst.

Von Rainer Burchardt

George W. Bush: bei Verbündeten in Europa für Irritationen gesorgt. (AP)
George W. Bush: bei Verbündeten in Europa für Irritationen gesorgt. (AP)

Nachdem schon im US-Repräsentantenhaus Zweifel an der Seriosität aufgekommen sind, fordern jetzt sogar US-Senatoren eine präzise Überprüfung der Geständnisse. Sie bezweifeln den Inhalt und kritisieren das Zustandekommen der Bekenntnisse. Folter wird nicht ausgeschlossen. In der Tat: Die Sache ist von vorne bis hinten äußerst dubios. Immerhin hat der famose Scheich bereits vier Jahre hinter Gittern auch in Guantanamo verbracht. Selbst wenn seine angeblichen Geständnisse aus freien Stücken und bei fairer Anhörung, woran berechtigte Zweifel bestehen, zustande gekommen sein sollten, so liegt die Vermutung nahe, dass sich hier einer, der keine Hoffnung mehr hat, sich ein dauerhaftes Denkmal als Märtyrer des Islamismus setzen wollte.

Doch wahrscheinlicher ist es, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist und diese Horrorliste für die Bush-Administration gewissermaßen ein gefundenes politisches Fressen sein könnte. Endlich, endlich wäre damit doch nun belegt, wie richtig die inzwischen weltweit kritisierte Anti-Terrorpolitik des US-Präsidenten ist. Mit Scheich Mohammed hätte man also den Drahtzieher allen Übels festgesetzt. Und in der Tat reklamiert er die Urheberschaft für praktisch alles Übel dieser Terrorwelt. So hat er gestanden, für alles, was unter dem Logo "11. September" firmiert, verantwortlich zu sein. Der so genannte Schuhbomberanschlag geht ebenso auf sein Konto wie die Bombe in einem indonesischen Nachclub auf Bali; ob US-Botschaften, amerikanische Schiffe oder ganze Flugplätze, praktisch weltweit hatte der Scheich, der wohl auch ein Fall für die Couch ist, alles Übel mit US-Emblem angeblich auslöschen wollen. Auch bei geplanten Attentatsversuchen auf Ex-Präsident Clinton, den Papst und das NATO-Hauptquartier in Europa beansprucht der Scheich das Urheberrecht. Zudem stand auch der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter angeblich auf seiner Todesliste. Dass auch die New Yorker Börse und andere globale Finanzinstitute zerbombt werden sollten, versteht sich eigentlich schon von selbst.

Diese Liste ist ganz einfach grotesk! Allenfalls ließe sich beim Scheich noch attestieren, dass er sich mit diesen Selbstbezichtigungen über die US-Politik lustig machen wollte. Und so gesehen muss man sich natürlich fragen, wie ernst die Sache denn überhaupt in Washington genommen wird. Diese Geständnisse sind angeblich erzielt worden bei einem Militärtribunal und keinesfalls bei einem ordentlichen Gerichtsverfahren. Das steht noch bevor und wird vermutlich bei aller juristischen Fairness mit einem Todesurteil für den Scheich enden. Die Liste wurde vom Pentagon, dem US-Verteidigungsministerium, veröffentlicht. Und sie hat nicht nur in den USA sondern auch und gerade bei den amerikanischen Verbündeten in Europa für Irritationen und Unverständnis gesorgt.

Die Bundesregierung hält sich schon mal aus guten und nachvollziehbaren Gründen bedeckt, sie will keine Stellung nehmen, die SPD und die Grünen haben schon erhebliche Zweifel an dem Papier geäußert. Auch wenn es schwer fällt zu glauben, doch mittlerweile kann nicht mehr ausgeschlossen werden, dass die in erhebliche Bedrängnis geratene Bush-Administration jeden Strohhalm ergreift, um ihr Image aufzupolieren. Dies allerdings wäre ein Spiel mit dem Feuer. Sollte sich die ganze Sache nämlich als riesiger politischer Bluff erweisen, dann hätte Bush den ohnehin nur noch kärglichen Rest seiner Reputation verspielt. Wir erinnern uns: Colin Powell, der seinerzeit wie ein willfähriger Schranze mit Lug und Trug vor dem UN-Sicherheitsrat die angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins mit fabrizierten Materialien belegen musste, hat später diesen Auftritt selbst als seine persönliche Schande bezeichnet. Er sei auf Fälschungen der Dienste und des Militärs hereingefallen.

Sollte es sich diesmal ähnlich verhalten, dann allerdings wäre ein Impeachment gegen den verantwortlichen Präsidenten, also ein Amtsenthebungsverfahren fällig. Zum Ende seiner Amtszeit wird immer deutlicher: Mit George Bush dem Jüngeren haben die Vereinigten Staaten von Nordamerika einen der schlechtesten, wenn nicht überhaupt den schlechtesten Präsidenten ihrer Geschichte ertragen müssen. Nicht nur die USA - betroffen ist auch der Rest der Welt. Dieser Mann war und ist ganz einfach nicht in der Lage, die nach dem Zusammenbruch der Blöcke den USA zugefallene Rolle der einzigen Supermacht angemessen auszufüllen. Das jedenfalls steht schon jetzt fest.

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