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StartseiteInterview"Sport im Visier des Terrors"18.11.2015

Spielabsage in Hannover"Sport im Visier des Terrors"

Für Dagmar Freitag (SPD) ist die Absage des Länderspiels in Hannover ein Signal über den Fußball hinaus: Der Sport sei nun für alle sichtbar ins Visier der Terroristen geraten, sagte die Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestags im DLF. Sie befürchtet Auswirkungen auch auf die Olympischen Sommerspiele - und Folgen für die Fußball-Bundesliga.

Dagmar Freitag im Gespräch mit Mario Dobovisek

Freitag sitzt an einem Tisch vor einem Mikrofon. Hinter ihr eine helle Fensterfront und eine Deutschland-Fahne. (dpa / picture-alliance / Gregor Fischer)
Vorsitzende des parlamentarischen Sportausschusses: Dagmar Freitag, SPD. (dpa / picture-alliance / Gregor Fischer)

Sie frage sich, unter welchen Bedingungen die Olympischen Spiele in Rio im nächsten Jahr wohl ablaufen würden, sagte Freitag. Man werde sich wohl darauf einstellen müssen, dass solche Großveranstaltungen angesichts der notwendigen Sicherheitsmaßnahmen einen Teil ihres fröhlichen Charakters verlieren dürften. 

Die Bundesliga habe künftig nicht nur ein Problem mit Hooligan-Randale oder Feuerwerkskörpern, meinte Freitag. Nun gebe es auch die Gefahr von Sprengkörpern. Sie könne sich vorstellen, dass die Einlasskontrollen deshalb noch einmal verschärft würden. Die Vereine dürften hier aber nicht überfordert werden, betonte sie. Die Gewährleistung der Sicherheit bleibe Aufgabe des Staats. 

"Absage war richtig"

Die SPD-Politikerin bedauerte die Absage des Hannover-Spiels. Eigentlich habe damit das Signal gesetzt werden sollen, dass die Gesellschaft selbst entscheide, wie sie feiern und leben wolle. Die Räumung des Stadions sei aber dennoch richtig gewesen. Man könne sich vorstellen, wie groß die Fragen gewesen seien, wenn etwas Schreckliches passiert wäre. Die gelungene Räumung des Stadions und seiner Umgebung mache sie optimitisch, dass die Sicherheitskonzepte auch in Zukunft funktionierten.

"Starkes Signal der Nationalmannschaft"

Freitag lobte die Fußball-Nationalmannschaft für ihr ursprüngliches Vorhaben, zu dem Spiel gegen die Niederlande anzutreten. Das dürfte für die Spieler eine große Hürde gewesen sein. Die Entscheidung zeige aber, dass der Sport abseits der jüngsten erbärmlichen Doping- und Korruptionsskandale starke Signale in die Gesellschaft setzen könne. 


Das Interview in voller Länge:

 

Mario Dobovisek: Das Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande gestern in Hannover also abgesagt. Dazu begrüße ich am Telefon Dagmar Freitag. Die SPD-Politikerin ist Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag. Guten Morgen, Frau Freitag.

Dagmar Freitag: Guten Morgen nach Köln.

Dobovisek: Ein Zeichen sollte es werden, das Freundschaftsspiel Deutschland gegen die Niederlande, und ein Zeichen ist es in der Tat geworden, aber ein anderes als geplant. Wie würden Sie dieses Zeichen als Sportpolitikerin heute Morgen beschreiben?

Freitag: Ja, mit sehr gemischten diffusen Gefühlen. Sie haben es ja selber angesprochen. Auf der einen Seite sollte durch die Ansetzung dieses Spiels ja auch eine Botschaft gesendet werden: Die Botschaft, dass wir entscheiden, wie wir feiern, wie wir leben wollen. Und die Absage hat jetzt natürlich auch eine Signalwirkung. Das kann man überhaupt nicht leugnen. Und die geht vielleicht sogar über den Fußball hinaus. Denn das Signal ist auch: Auch Sportgroßveranstaltungen in Deutschland sind endgültig und für alle sichtbar im Visier des Terrors angekommen.

Dobovisek: Der DFL-Präsident, der Präsident der Fußballbundesliga, Rauball, spricht von einem Wandel im deutschen Fußball. Ist das ein Neubeginn, eine komplett neue Situation, die wir so noch nicht hatten?

Freitag: Na ja. Wir haben jetzt natürlich eine Phase der Unsicherheit in unserem Land. Das ist überhaupt keine Frage. Und dass sich dieses jetzt auch auf den Fußball insbesondere nach dem gestrigen Ereignis konzentriert, ist auch klar. Aber ich stimme Reinhard Rauball schon zu, dass zumindest in der nächsten Zeit auch Fußballspiele, auch Spiele der ersten Bundesliga, auch Spiele der Champions League vielleicht doch nicht mehr ganz so sein werden, wie sie in der Vergangenheit waren.

Dobovisek: Die nächsten Spiele, der nächste Spieltag in der Fußballbundesliga soll stattfinden, hat Rauball auch gesagt. Haben Sie dabei Bauchschmerzen?

Freitag: Nein, keine Bauchschmerzen. Ich denke, das ist erst mal das einzig richtige Signal. Wir entscheiden - ich wiederhole das noch mal - in diesem freien Land, wie wir leben wollen. Und alles andere wäre ein Signal an diejenigen, die ja genau das Gegenteil erreichen wollen.

Dobovisek: Aber offensichtlich ist die Entscheidung gestern Abend anders ausgefallen.

Freitag: Ja gut. Auf der einen Seite - das darf man ja nicht verkennen - gibt es ein Grundbedürfnis von Menschen nach Sicherheit und der Staat hat diese Sicherheit nach besten Kräften zu gewährleisten. Gestern Abend muss es Hinweise gegeben haben, die dazu geführt haben, dass man gesagt hat, die Sicherheit der Menschen geht vor, wir müssen dieses Spiel absagen. Aber das sind Einzelfallentscheidungen, keine generellen.

Dobovisek: War es eine richtige Entscheidung gestern?

Freitag: Aus meiner Sicht ja. Ich meine, wir haben ja im Moment nach wie vor noch kein ganz klares Bild über die tatsächliche gestrige Gefährdungslage. Aber nach allem, was man bislang gehört hat, war es richtig. Ich möchte nicht erleben, wie die Fragen im Land wären, wenn da gestern Abend Schreckliches tatsächlich passiert wäre.

Dobovisek: Eine hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben, sagen Experten. Was bedeutet das für Großveranstaltungen wie Fußballspiele?

Freitag: Ja, es geht über den Fußball hinaus. Ich habe gestern Abend auch durchaus mal daran gedacht, wie wird Rio, wie werden die Olympischen Spiele in Rio im kommenden Jahr wohl ablaufen. Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass Sportgroßereignisse etwas von ihrem fröhlichen Charakter zumindest verlieren werden. Davon bin ich persönlich fest überzeugt.

Dobovisek: Aber werden wir uns auch darauf einstellen müssen, dass die Gefahr immer mitschwingt und wir sie dann auch in Kauf nehmen, ohne abzusagen?

Freitag: Na ja, das sind Fragen, die sich ja auf die nähere und fernere Zukunft beziehen. Wir haben ja auch in unserem Land schon mal Zeiten gehabt, in denen Terror an der Tagesordnung war. Ich gehöre einer Generation an, die sich an den RAF-Terror noch erinnern kann. Das sind natürlich auch Wellenbewegungen, die ein Land erfassen. Deshalb kann man diese Frage nicht generell beantworten. Aber ich glaube schon, dass man in absehbarer Zeit sich auch Gedanken macht, wenn man in ein Stadion geht, in dem 70, 80.000 andere Menschen sind. Ich glaube, das ist aber ein völlig normales menschliches Gefühl. Das wird mir vielleicht auch nicht anders gehen. Ich weiß es noch nicht.

Dobovisek: Wie kann die Sicherheit in Stadien und bei Großveranstaltungen verbessert werden, um dieses Gefühl auch ein Stück weit zu verbessern?

Freitag: Erst mal müssen wir ja im Moment feststellen, dass gestern Abend das ja offensichtlich gut funktioniert hat. Die Einsatzkräfte haben besonnen reagiert, haben richtig reagiert nach allem, was ich gesehen habe. Jetzt war es sicherlich von Vorteil, dass noch nicht so viele Menschen im Stadion waren, aber ich denke erst mal, dass das System gestern Abend funktioniert hat. Deshalb bin ich eigentlich eher optimistisch als pessimistisch. Ich gehe davon aus, dass es auch in Zukunft funktionieren wird.

Dobovisek: Welche Rolle müssen da zukünftig die Sportverbände selber, auch die Vereine übernehmen bei der Sicherheit in Stadien?

Freitag: Ich glaube, da darf man die Vereine jetzt nicht überfordern. Die Gewährleistung von Sicherheit ist erst mal Aufgabe des Staates, ganz klar, und ich bin schon sicher, dass die Sicherheitsvorkehrungen vielleicht auch andere werden in den nächsten Wochen und Monaten. Wenn wir bisher zum Beispiel über Bundesligaspiele gesprochen haben, war ja eher das Problem der Randale von Hooligans, hatten wir das Problem von Feuerwerkskörpern, die abgeschossen wurden in Richtung anderer Menschen. Ich glaube, dass im Moment die Sicherheitsvorkehrungen eine andere Richtung oder eine zusätzliche Richtung zwangsläufig einnehmen werden.

Dobovisek: Welche?

Freitag: Na ja. Wahrscheinlich - ich bin keine Sicherheitsexpertin, aber ich könnte mir vorstellen, dass zum Beispiel die Einlasskontrollen bei Fußballspielen vielleicht noch etwas schärfer sein werden als in der Vergangenheit, dass man nicht nur schaut, hat jemand irgendwelche Böller, sondern hat er vielleicht auch noch irgendwelche anderen Dinge bei sich. Aber das sind natürlich Fragen, die jetzt die Sicherheitsbehörden, die Innenminister gemeinsam mit der Polizei klären müssen.

Dobovisek: Sie haben von einem Einschnitt gesprochen, von einer Zäsur für den Sport auch insgesamt. Kann der Sport daran wachsen?

Freitag: Ja! Er kann zumindest eine ganz großartige Rolle einnehmen. Und ich meine, was die beiden Fußballverbände, die beiden Nationalmannschaften in den letzten Tagen entschieden hatten, war ja genau so ein Zeichen, dass sie gesagt haben, ja, wir gehen aufs Spielfeld und spielen. Ich glaube, man darf nicht unterschätzen, dass das für zumindest die deutschen Nationalspieler schon eine große Hürde war nach dem, was sie in Paris erlebt haben, und da hat der Sport genau das gezeigt, was er eben auch kann, abseits all dieser erbärmlichen Skandale, die wir ja im Sport gerade erleben. Er kann ganz starke Signale in die Gesellschaft setzen und das würde ich mir wünschen, dass er das auch in Zukunft tut.

Dobovisek: Bevor das Spiel von der Polizei abgesagt wurde, war aus der deutschen Nationalmannschaft zu hören, dass sich einige Spieler sehr unwohl mit dem Spiel an sich fühlten. Entschieden haben letztlich die Funktionäre. Sind die Sportler am Ende nur noch Verfügungsmasse?

Freitag: Ach, das würde ich so nicht sagen. Nach allem, was ich gelesen habe, ist das auch innerhalb der Mannschaft kontrovers und intensiv diskutiert worden. Aber ich glaube nicht, dass irgendein Spieler gezwungen worden ist, letztlich aufzulaufen, und von daher glaube ich, dass sich letztlich alle einverstanden erklärt haben. Aber dass man ein ungutes Gefühl hat nach der Nacht, die die im Stadion auch in Paris hinter sich gebracht haben, ich denke, dafür muss jeder Mensch Verständnis haben. Möchte irgendjemand mit denen getauscht haben? Also ich nicht!

Dobovisek: Sie haben die erbärmlichen Skandale in der Welt des Sports angesprochen. Da stehen hauptsächlich Funktionäre dahinter. Es soll jetzt einen Neuanfang geben im deutschen Fußball mit einem Parlamentskollegen von Ihnen, mit Reinhard Grindel aus Ihrem Sportausschuss, ein Unions-Mitglied. Er soll offenbar neuer Präsident des Deutschen Fußballbundes werden. Ein Neuanfang?

Freitag: Ein Neuanfang auf jeden Fall, weil Herr Grindel zumindest in der Zeit, über die wir reden beim Deutschen Fußballbund, die Jahre 2000 bis 2006, keinerlei Verantwortung im Deutschen Fußballbund getragen hat. Von daher ist es auf jeden Fall ein personeller Neuanfang und ich wünsche dem Kollegen Grindel viel Erfolg.

Dobovisek: Unterstützen Sie ihn?

Freitag: Ich unterstütze jeden, der versuchen wird, das zügig und transparent aufzuklären. Das ist die einzige Chance für den Deutschen Fußballbund, seine Reputation einigermaßen wiederherzustellen, und da sollten wir alle ein großes Interesse dran haben. Der Deutsche Fußballbund ist einer der bedeutendsten Verbände der Welt und da kann man dem Kollegen nur Glück und Erfolg wünschen.

Dobovisek: Nun ist Herr Grindel nicht gerade unumstritten. Wie bewerten Sie damit den Neuanfang?

Freitag: Das ist jetzt erst mal eine völlig autonome Entscheidung im deutschen Fußball, die ich als Parlamentarierin eigentlich nicht zu kommentieren habe. Da kann ich mich nur wiederholen. Es ist Zeit für einen Neuanfang und ich wünsche allen, die ernsthaft dazu beitragen, viel Glück.

Dobovisek: Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses und SPD-Politikerin, bei uns im Deutschlandfunk. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Freitag: Sehr gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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