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StartseiteForschung aktuellSpielend trainieren30.05.2003

Spielend trainieren

Hirnforscher stellten positive Auswirkungen von Videospielen fest

<strong>Neurologie. - Action Video Spiele sind in Verruf, spätestens seit dem Amoklauf des Schülers Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg Gymnasium vergangenes Jahr, der wie seine Vorbilder im Videospiel Counter Strike durch die Gänge der Schule zog. Genau mit dieser Art von Action Video Spielen hat sich jetzt eine Gruppe von Hirnforschern in US-Bundesstaat New York befasst und stellte überrascht fest: Action-Spiele trainieren bestimmte Fähigkeiten des Sehsystems. Die Wissenschaftler wollen ihre Ergebnisse nicht als Entschuldigung für pubertierende Vielspieler verstanden wissen. Dennoch sehen sie Anwendungen für ihre Erkenntnisse.</strong>

Von Grit Kienzlen

Action Video Spieler sehen mehr. Sie können mehr Objekte in ihrem Blickfeld wahrnehmen und verfolgen, als Nicht-Spieler und sie entdecken neue Objekte deutlich schneller. Das stellten Daphne Bavelier und ihre Kollegen von der Universität von Rochester eigentlich mehr durch Zufall fest. Ein Student, den sie zu einer Studie über Aufmerksamkeit eingeladen hatte, schlug sich außergewöhnlich gut bei ihren Tests. Diese Tests verlangen beispielsweise, dass man ein Dreieck sieht, dass nur für eine 160stel Sekunde auf dem Bildschirm aufflackert. Der Student war leidenschaftlicher Videogame-Spieler. Daphne Bavelier wollte sehen, ob andere spielende Studenten seinen Erfolg wiederholen können:

Einige der Spieler erreichten volle Punktzahlen bei Aufgaben, die für Nicht-Spieler kaum lösbar sind. Im Schnitt können sie 30 Prozent mehr Objekte in ihrem Blickfeld verfolgen als Nichtspieler. Das sind Fähigkeiten, die zum Beispiel beim Autofahren gebraucht werden, wenn am Straßenrand plötzlich ein Hund auftaucht oder ein Ball auf die Straße rollt.

Dass Actiongame-Spieler die besseren Autofahrer sind, folgt aber nicht aus der Untersuchung. Möglicherweise verhalten sie sich durch das Training beim Fahren aggressiver oder muten sich zu viel zu. Anwendungen ihrer Ergebnisse können sich die Forscher deshalb eher auf anderen Gebieten vorstellen. Bavelier:

Berufsgruppen, die schnell visuelle Reize bemerken und verarbeiten müssen, Angehörige des Militärs beispielsweise könnten von dem Training profitieren. Die zweite Anwendung wäre die Verbesserung der Aufmerksamkeit, bei Menschen die diese Fähigkeit beispielsweise durch einen Schlaganfall verloren haben. Videospiele als Reha-Maßnahme sozusagen.

Der Trainingseffekt der Spiele ist nämlich tatsächlich enorm und tritt schnell zu Tage. Das zeigte sich bei einem zweiten Experiment. Daphne Bavelier hatte Männer und Frauen auf die Auswirkungen ihrer Spielaktivität testen wollen. Das scheiterte daran, dass sich auf dem Uni-Campus in Rochester nur eine einzige Studentin fand, die Videogames spielt. Also ließen die Forscher im Spielen ungeübte Männer und Frauen für ihren Versuch ballern und angreifen, 10 Tage lang für jeweils eine Stunde. Das reichte als Training. Auch ihre Aufmerksamkeit verbesserte sich.

Plötzlich auftauchende Feinde oder Invasoren sind übrigens Vorraussetzung für den Trainingseffekt. Nur die stupiden Ballerspiele, wie Half Life, Counter Strike, "Medal of Honor" oder Grand Theft Auto3, eignen sich dafür. Nicht etwa die fallenden Steine von Tetris. Das bringt die Forscher auf eine zentrale Frage zu den Lernmechanismen des Gehirns:

Video Spiele vereinen mehrere Aspekte, die sich auf das Lernen auswirken könnten: Sie alle sorgen für eine gewisse Reizüberflutung, sie beinhalten eine definierte Herausforderung, viele auch ein Gefühl von Gefahr, und sie alle funktionieren mit einem System von Belohnung und Bestrafung und natürlich auch mit Gewalt. Welche dieser Aspekte wirken sich auf das Lernverhalten aus?

Wenn Sie das wüssten, könnten die Forscher vielleicht Spiele entwickeln, die weniger brutal sind und doch denselben Lerneffekt haben - vorausgesetzt es ist nicht ausgerechnet die Gewalt, die das Lernen unterstützt. Den Eltern vielspielender Schulfaulenzer möchten sie einstweilen schon eine klare Botschaft übermitteln.

Die Art von Aufmerksamkeit, die man braucht um Lesen und Schreiben zu lernen oder Matheaufgaben zu lösen, ist nicht die Aufmerksamkeit, die der Gameboy trainiert. Video-Spiele sind kein Ersatz für Hausaufgaben.

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