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StartseiteForschung aktuellSpirale des Abstiegs21.11.2008

Spirale des Abstiegs

Wachsender Verwahrlosung muss anfangs Einhalt geboten werden

Psychologie. - Graffiti an den Wänden, Müll auf den Straßen und zerstörte Fensterscheiben sollen einer Theorie zufolge zur Entstehung von Kriminalität beitragen. Die sogenannte Broken-Window-Theorie geistert schon seit einiger Zeit durch die Fachliteratur der Soziologen - wirklich bewiesen war sie allerdings lange nicht. Niederländische Forscher haben jetzt Experimente durchgeführt, die die Theorie stützen.

Von Kristin Raabe

Mit Graffitis oder Müll fängt es meist an. (AP-Archiv)
Mit Graffitis oder Müll fängt es meist an. (AP-Archiv)

Null Toleranz – so lautete die Methode mit der der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani das Chaos in den Slums seiner Stadt beenden wollte. Straßen wurden aufgeräumt und selbst kleinste Vergehen hart bestraft. Tatsächlich ging danach die Kriminalität zurück. Warum eine ordentliche Umgebung auch die Rate von Kleinkriminalität und Ordnungswidrigkeiten senken kann, hat Kees Keizer von der Universität Groningen untersucht.

"Wir haben eine Theorie entwickelt, der zufolge Menschen dann angemessen handeln, weil es ihr Ziel ist eine Norm zu erfüllen. Es gibt aber auch andere Ziele bei denen es um einen Gewinn geht oder einfach darum, Spaß zu haben. Wenn sie in ihrer Umgebung sehen, dass Normen und Regeln bereits von anderen gebrochen wurden handeln Menschen eher aus einer spaß- oder gewinnorientierten Perspektive."

Um seine Theorie zu überprüfen, hat der niederländische Forscher in den Straßen von Groningen eine ganze Reihe von Experimenten mit Passanten gestartet, die alle nicht wussten, dass sie an einer wissenschaftlichen Studie teilnahmen. An einem Experiment nahmen unwissentlich die Nutzer eines öffentlichen Parkplatzes teil. Keizer:

"Als sie zu ihrem Auto zurückkamen, war der normale Eingang durch eine Absperrung blockiert, an der ein Schild hing, auf dem stand, dass ein 200 Meter entfernt liegender Eingang benutzt werden sollte. Ein anderes Schild besagte, dass es nicht erlaubt sei, Fahrräder an der Absperrung anzuschließen. Wir wollten wissen, ob die Leute einfach eine Lücke in der Absperrung nutzen oder den Umweg von 200 Meter zum anderen Eingang machen. Waren keine Fahrräder an dem Zaun angeschlossen gingen nur 27 Prozent der Parkplatznutzer durch die Lücke, waren jedoch vier Fahrräder an die Absperrung angeschlossen nutzten 87 Prozent die Lücke , also deutlich mehr – zu unserem eigenen Erstaunen."

Wenn Menschen in ihrer Umgebung sehen, dass Normen oder Regeln gebrochen wurden, wie es bei den am Zaun angeschlossenen Fahrrädern der Fall war, dann neigen sie offenbar dazu auch andere Normen zu brechen. Dieses Ergebnis konnte Kees Keizer mit weiteren ähnlichen Experimenten beweisen. Beispielsweise verleitet ein mit Graffiti beschmierter Briefkasten eher dazu einen sichtbar Geld enthaltenden Briefumschlag zu klauen, als ein sauberer Briefkasten. Aus seinen Experimenten hat der Niederländer mittlerweile einige Maßnahmen erarbeitet, mit denen sich die Rate von Kleinkriminalität und Ordnungswidrigkeiten vermutlich senken ließe. Keizer:

"Ich denke, man muss drei Dinge beachten. Zunächst mal sollten alle Anzeichen für das Missachten von Normen und Regeln aus der Umgebung so schnell wie möglich entfernt werden. Die Graffiti und der Unrat müssen weg. Weitere Forschungen von uns und anderen, haben gezeigt, dass Strafen nur dann wirklich hilfreich sind, wenn sie einen direkten Bezug zu dem Normverstoß haben. Sie müssen die Norm unterstreichen. Ist das nicht der Fall neigen die Menschen dazu Normen zu verletzen, sobald sie unbeobachtet sind. Wir wollen sie aber dazu bringen angemessen zu handeln, weil sie ihre Umgebung und ihre Mitmenschen nicht schädigen wollen. Das funktioniert nur, wenn niemand ausgegrenzt wird und sich jeder auch als Teil einer Gruppe versteht. Dann steigt das Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft. Das hilft wirklich."

Leider hat im Moment noch keine Gemeinde einen Maßnahmenkatalog erarbeitet, der tatsächlich alles umsetzt, was Forscher wie Kees Keizer erarbeitet haben.

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