Campus & Karriere / Archiv /

 

Spitzel im Hörsaal

Aktuelle Studie zum Einfluss der Stasi auf westdeutsche Unis

Von Christina Selzer

Stasi an westdeutschen Hochschulen - Münster, Kiel und Bremen stellen sich der eigenen Vergangenheit.
Stasi an westdeutschen Hochschulen - Münster, Kiel und Bremen stellen sich der eigenen Vergangenheit. (AP)

Die DDR war erstaunlich gut über Interna des bundesdeutschen Politikbetriebs informiert. Welche Rolle westdeutsche Hochschulen für die Stasi in den 70er- und 80er-Jahren als Informationsquelle gespielt haben, wird nun erstmals an den Unis Kiel, Bremen und Münster erforscht.

Für Wilfried Müller gab es einen Schlüsselmoment: Vor etwa zwölf Jahren organisierte er als Rektor der Universität Bremen eine Diskussionsrunde mit dem Historiker Hubertus Knabe. In seinem 1999 erschienenen Buch "Die unterwanderte Republik" vertrat Knabe die umstrittene These, dass die Stasi einen großen Teil der westdeutschen Linken infiltriert hat. Das sorgte auch in der Bremer Gesprächsrunde für erbitterten Streit.

Zwei Lager standen sich unversöhnlich gegenüber. Eine Diskussion, die nach Meinung von Wilfried Müller an der links orientierten Bremer Uni nicht vorbeigehen konnte. Anlass für ihn, die offenen Fragen sachlich anzugehen und ein entsprechendes Forschungsprojekt anzustoßen.

"Es geht darum, ob eine Universität, die einen aufgeklärten Diskurs geführt hat, die bekannt dafür ist, dass viel linke Fraktionen unter Professoren und Studierenden hier vertreten waren, und sich enorm gestritten haben, dass eine solche Uni ein Interesse daran haben muss, zu wissen: Gibt es in der Tat Aktivitäten der Stasi, die hier Diskurse verändert haben oder die Ergebnisse. Das gehört doch zu uns dazu, das zu wissen!"

Fragen, die geklärt werden sollen, sind zum Beispiel: Welche Rolle hat die Universität Bremen in den 70er- und 80er-Jahren für die Aktivitäten der DDR-Staatssicherheit gespielt? Welche Kontakte und Verbindungswege gab es?

Nach Ansicht von Wilfried Müller sprechen vor allem drei Kriterien dafür, dass auch Bremen zu den interessanten Objekten der Stasi gehört haben könnte:

"Erstens: Landeshauptstadt, Landeshauptstädte haben immer Menschen, die das Führungspersonal in Bonn kennen, das war ein Auswahlkriterium. Zweitens: Rüstungszentrum. Und drittens: eine progressive Universität: Die Anwerbung der Inoffiziellen Mitarbeiter ist nicht nur an progressiven Unis vorgenommen worden, aber auch dort."

In Bremen war neben industrienahen Fachbereichen vor allem das Institut für Osteuropaforschung von größtem Interesse. Ein großer Teil der Daten ist verschollen oder liegt in Moskauer Archiven. In einer ersten Recherchephase soll geklärt werden, ob das vorhandene Datenmaterial als Grundlage für das Projekt ausreicht.

Bisherige Forschungen deuten darauf hin, dass die DDR erstaunlich gut über Interna des bundesdeutschen Politikbetriebs informiert war. Zwar wurden Stasi-Aktivitäten an Hochschulen schon erforscht. Die drei Universitäten Bremen, Münster und Kiel sind aber die ersten Hochschulen in den alten Bundesländern, die sich aus eigenem Antrieb des Themas annehmen, betont Wilfried Müller:

"Münster und Kiel sind interessant, weil sie keine progressiven Institutionen waren, sondern von der Hochschullehrerschaft eher liberal konservativ eingeschätzt werden. Das ist ein schon großer Unterschied, gerade wenn Sie wissen wollen, wie sind die politischen Debatten beeinflusst worden, dann ist ein solcher Vergleich hochrelevant."

Die Kieler Universität ist aber auch deshalb ein interessantes Forschungsfeld, weil es aus militärischen Gründen möglicherweise für Spionage attraktiv war. Gerhard Fouquet, Präsident der Universität Kiel.

"Nun ist Kiel, dadurch, dass es ein großer Marinestützpunkt war und ist, aus meiner Sicht durchaus ins Visier der Stasi geraten, und insofern habe ich aus historischer Sicht dem Anliegen von Herrn Müller zugestimmt. Ich bin sehr gespannt darauf, wie die Stasi die Kieler Uni beobachtet hat."

Auch für Gerhard Fouquet ist die Studie ein überfälliger Schritt bei der Aufarbeitung der DDR-Diktatur und deren Einfluss auf westdeutsche Hochschulen.

"Die Kieler Uni stellt sich seit einiger Zeit ihrer Vergangenheit. Wir nähern uns der 350- Jahrfeier. Wir haben vor 6 Jahren damit begonnen, die Nazizeit aufzuarbeiten, spät aber immerhin. Dieses Kapitel nach 1945 muss auch einer Aufarbeitung zugeführt werden. Wir sind nicht sicher, ob über die Universität Kiel und Stasi-Verbindungen etwas überliefert ist, aber wenn etwas überliefert wird, dann stellen wir uns unserer Vergangenheit."

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Campus & Karriere

Landarztmangel"Das Geld allein ist es ganz sicher nicht"

Ein Stethoskop liegt neben einem Laptop,

Die Wurzel des Ärztemangels in ländlichen Gebieten sieht Max Kaplan in einer Arbeitsrealität, die zu wenig Freizeit böte. Der Vizepräsident der Bundesärztekammer forderte im Deutschlandfunk deshalb mehr ärztliche Zusammenarbeit - "in Form eines sogenannten regionalen oder lokalen Versorgungszentrums".

LandarztKein Nachfolger in Sicht

Auf einem Tisch liegen Geldscheine, ein Stetoskop, eine Spritze und Tabletten.

Lühmannsdorf ist ein kleines Dorf im Hinterland der Ostseeküste in Vorpommern. Es gibt eine Kita, einen Friseur, einen kleinen Laden und Landarzt Dr. Hans Dieter Seibodt – all das gibt es hier noch. Doch immer mehr Landärzte schließen ihre Praxen, weil sie keine Nachfolger finden.

LandärztemangelSachsen lockt mit Gratis-Studium in Ungarn

Der Landarzt Wolfgang Dinslage behandelt am 31.01.2012 in seiner Praxis in Merzenich bei Düren einen Patienten.

In der sächsischen Provinz sind 230 hausärztliche Stellen unbesetzt. Die Kassenärztliche Vereinigung und das Sozialministerium des Landes gehen nun einen ungewöhnlichen Weg: Sie vergeben Stipendien für ein Studium in Ungarn. Bedingung: Die Studenten müssen später auf dem Land arbeiten.