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StartseiteHintergrundMit Last nach Rio04.08.2016

Spitzensport in der KriseMit Last nach Rio

Heute beginnen die Spiele von Rio: Doch die einst scheinbar heile Olympia-Welt hat tiefe Kratzer davon getragen. Seit dem die Öffentlichkeit mitbekommen hat, dass das IOC sich scheut, offenbar vom russischen Staat gefördertes Doping zu bestrafen, schwindet auch der allgemeine Glaube an einen sportlich fairen Wettbewerb.

Von Robert Kempe und Marina Schweizer

Schild mit Logo der Olympischen Spiele 2016 und Paralympischen Spiele am Maracana-Stadion in Rio de Janeiro. (imago / zuma press)
Die Glaubwürdigkeit des olympischen Spitzensports steht auf der Kippe. (imago / zuma press)
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Frankfurt Flughafen am Montag, vier Tage vor der Olympia-Eröffnungsfeier in Rio de Janeiro. Am Abflug-Gate tanzt eine Showgruppe zur Einstimmung den brasilianischen Kampftanz Capoeira. Es gibt Cocktails und Häppchen – man gibt sich ausgelassen. Insgesamt werden es in Rio knapp 450 deutsche Sportler sein.

"Jetzt wird der Traum so richtig wahr. Wir steigen gleich in den Flieger ein, fliegen nach Rio. Es ist echt unglaublich. Gänsehaut auf jeden Fall."

"Wir freuen uns natürlich mega. Wir sind auch gespannt. Wir wissen auch nicht, was uns erwartet. Es sind ja unsere ersten Olympischen Spiele."

Das ist die Geschichte, die der Deutsche Olympische Sportbund an diesem Abend gerne erzählen möchte, doch es ist längst nicht die ganze Geschichte.

"Man muss ganz klar sagen, dass es dieses Jahr so ein bisschen schwer fällt, Sport irgendwie toll zu finden", sagt wenige Tage vor seiner Abreise der wohl derzeit bekannteste deutsche Olympia-Athlet: Diskuswerfer Robert Harting.

Robert Harting  (picture alliance / dpa)Robert Harting (picture alliance / dpa)

Olympia steht am Abgrund. Die Grundidee des sportlich fairen Wettbewerbs, von Funktionären ad absurdum geführt, zugunsten der Profitmaximierung. Es geht um groß angelegten, systematischen Betrug im Sport. Um nicht weniger als die Rest-Glaubwürdigkeit des Spitzensports.

Rückblick: Im Dezember 2014 bringen die Enthüllungen der russischen Leichtathletin Julia Stepanova und deren Ehemann Witali in einer Fernseh-Dokumentation den Dopingskandal in ihrer Heimat ins Rollen. Mit ihren Aussagen und verdeckten Filmaufnahmen deckt die ARD-Dopingredaktion eine eingespielte Dopingpraxis in der russischen Leichtathletik auf, inklusive Mitwisserschaft, Erpressung und der systematischen Vertuschung durch entscheidende Stellen im Weltleichtathletikverband. Sebastian Coe, der Präsident des Weltleichtathletikverbandes, reagiert:

"Das IAAF-Council hat mit überwältigender Mehrheit entschieden, dass die russische Föderation mit sofortiger Wirkung suspendiert wird."

Nur eine russische Leichtathletin darf weiterhin an internationalen Wettkämpfen teilnehmen, weil Sie nachweisen kann, dass sie mit dem russischen System nichts zu tun hat. Ihre Dopingkontrollen fanden im Ausland statt.

Der Skandal indes weitet sich aus. Schon bald kommt er beim Internationalen Olympischen Komitee selbst an. Diesmal geht es um dessen eigene Veranstaltung, die ersten Olympischen Spiele unter dem deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach:

"Enjoy the Olympic Winter Games in Sotschi 2014"

Vor und bei den Olympischen Winterspielen 2014 im russischen Sotschi sei systematisch unter staatlicher Einflussnahme gedopt worden. Mit diesem Vorwurf geht der im Exil lebende ehemalige Leiter des Moskauer Doping-Labors, Grigori Rodschenkow, im Mai an die Öffentlichkeit.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA beauftragt eine unabhängige Untersuchungskommission unter Vorsitz von Richard McLaren mit der Klärung des Vorwurfs. Mitte Juli legt McLaren das Ergebnis der Kommission vor. Es klingt wie ein Schurkenstück: Das Doping-Labor in Sotschi war manipuliert:

"Nachts wurden Proben durch eine Art Mäuseloch aus dem Labor im Sicherheitsbereich in einen angeschlossenen Raum außerhalb dieses Bereichs durchgereicht."

So wurde dopingverseuchter Urin gegen durch Monate zuvor entnommenen sauberen ausgetauscht. McLaren schreibt von Beweisen für einen Dopingcocktail, der russischen Athleten nahezu aller Sportarten verabreicht wurde, unter der Ägide des von der WADA-anerkannten Moskauer Doping-Labors.

"Aus all dem geht das Bild eines verflochtenen Netzwerks aus staatlichem Einfluss des Sportministeriums, der zentralen Stelle zur Förderung russischer Nationalteams und des russischen Geheimdienstes mit den beiden Laboren in Moskau und Sotschi hervor."

Am Ende bleibt die große Schmach für Russland aus

McLarens Fazit: Es gab in Russland flächendeckendes, staatlich mitorganisiertes systematisches Doping und Dopingvertuschungen im großen Stil. Die Untersuchungskommission dokumentiert ein ausgeklügeltes Dopingsystem mit Strippen zum Geheimdienst und ins Sportministerium. Staatsdoping. Die Welt-Anti-Doping Agentur empfiehlt dem IOC den Komplettausschluss des russischen Teams von den Olympischen Spielen. In Russland selbst wittert man hinter den Vorwürfen eine Verschwörung der westlichen Welt. Auch Präsident Wladimir Putin:

"Die konsequente Kampagne, die gegen unsere Athleten geführt wurde, hat nichts mit sportlicher Gerechtigkeit zu tun. Es wurden doppelte Standards angelegt. Plötzlich ging es um kollektive Verantwortung. Sogar die Unschuldsvermutung wurde verweigert."

Am Ende bleibt die große Schmach für Russland aus: Das IOC entscheidet sich gegen einen Komplettausschluss, delegiert die Entscheidung an die einzelnen Sportverbände und plädiert für eine Überprüfung jedes einzelnen russischen Sportlers. IOC-Präsident Thomas Bach:

"Wir haben mit unseren Maßnahmen dafür gesorgt, dass kein russischer Athlet hier teilnehmen kann, ohne, dass er seine Unschuld bewiesen hat. Wir sind der Meinung, dass ist ein klares Zeichen dafür, dass wir saubere Spiele wollen und alle sauberen Athleten weltweit schützen."

Die Entscheidung des IOC sorgt für einen Aufschrei in der Sportwelt: Ein Dopingsystem, das den Anti-Doping-Kampf lächerlich macht - und die Top-Funktionäre entscheiden sich gegen die härtest mögliche Strafe? Ein Skandal, findet der deutsche Diskuswerfer Robert Harting.

"Es geht eigentlich schon nicht mehr mit rechten Dingen zu. Das IOC kann ja auch mit dem Discovery Channel einen 2,3-Milliarden-Vertrag unterschreiben, das können sie auch für sich beurteilen und können sofort machen. Bloß, wenn es jetzt um die Integrität des sauberen Sports geht, da können sie dann plötzlich nichts mehr entscheiden."

Und noch eine IOC-Entscheidung provoziert Empörung: Informantin Julia Stepanowa, die russische Leichtathletin, die mit Ihren Aussagen und Belegen den Doping-Skandal eigentlich ins Rollen brachte, darf bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro nicht starten. Die Begründung: Sie sei selbst Teil des Dopingsystems gewesen.

"Das ist also ein menschlich so niedriges Zeichen, dass ich einfach mich geschüttelt habe", sagt Hans Wilhelm Gäb, der einst als das Gewissen des deutschen Sports beschrieben wurde. Der ehemalige Tischtennis-Nationalspieler kennt die Funktionärsetagen selbst gut; er saß unter anderem im Präsidium des Nationalen Olympischen Komitees. Heute ist Gäb Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Stiftung Deutsche Sporthilfe sowie Ehrenpräsident des Deutschen Tischtennis-Bundes und er ist unter anderem Gründer des Vereins "Kinderhilfe Organtransplantation". Über die Entscheidung des IOC ist er so erbost, dass er aus Protest seinen olympischen Orden zurückgab.

"Wie will das IOC in Zukunft noch glaubwürdig etwas mit der viel gepriesenen Null-Toleranz-Politik bekämpfen, wenn die ganze Welt hier gesehen hat, dass die Funktionärsschicht auf staatlicher Basis Kriminalität gedeckt hat und Kriminalität herbeigeführt hat, um sportlichen Erfolg zu erringen? Wie will man hier noch glaubwürdig den Anti-Doping-Kampf führen?"

Der Fall Russland steht nicht alleine auf der Weltkarte des Dopings. Doch an diesem extremen und gut dokumentierten Beispiel lässt sich exemplarisch die Anti-Doping-Politik des IOC erkennen: Verantwortlichkeiten abschieben. IOC-Präsident Thomas Bach betonte in den letzten Tagen stets, dass nicht das IOC, sondern die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA Schuld an der Misere sei. Diese habe nicht schnell genug gehandelt und müsse ihr Kontrollsystem komplett überdenken. Was Bach verschweigt: Der Anti-Dopingkampf des Sports ist keinesfalls unabhängig. Für Sportphilosoph Volker Schürmann, der an der Deutschen Sporthochschule in Köln forscht und lehrt, ist das eines der Grundprobleme des organisierten Sports:

"Das Selbstbild und die Struktur des Sports ist genau die, dass sie sich als Familie begreifen und dass sie eben diese Idee der Gewaltenteilung nicht kennen. Diejenigen, die das kontrollieren sind die gleichen, wie die, die darüber entscheiden. Und das an dieser Struktur ist völlig unzeitgemäß. Und so lange das der Fall ist, wird es dieses Glaubwürdigkeitsproblem eingebaut geben."

Das Produkt Olympia ist derzeit so begehrt wie nie

Ein Beispiel für die Verstrickung von Entscheidern und Kontrolleuren ist der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur, Craig Reedie. Der Schotte ist neben seiner WADA-Funktion IOC-Mitglied, sitzt obendrein im IOC- Entscheidungsgremium, dem Executive Board. Hier wird der Konflikt in Persona deutlich: Die vorgeblichen Anti-Doping-Kämpfer müssen gleichzeitig dafür sorgen, dass dem IOC sein wichtigstes Produkt, die schönen und teuer vermarktbaren Hochglanzbilder der Olympischen Spiele, nicht ausgehen. Denn die sind Milliarden wert.

Und das Produkt Olympia ist derzeit so begehrt wie nie. Im aktuellen Vier-Jahres-Zyklus rechnet das IOC mit 5,6 Milliarden Euro an Umsatz. In den ersten zweieinhalb Jahren als IOC-Präsident unterschrieb Thomas Bach Fernseh- und Sponsoring-Verträge in zweistelliger Milliardenhöhe. Das verschaffte ihm im IOC Anerkennung. Die finanzielle Zukunft des Ringe-Konzerns ist rosig.

Sport und Geld, diese Symbiose begleitet den einstigen Fecht-Olympiasieger Thomas Bach schon seit Anfang seiner sportpolitischen Karriere in den 80er-Jahren. Damals war Bach eng mit dem damaligen Adidas-Chef Horst Dassler verbunden. Dieser verhalf einer ganzen Generation von Sportfunktionären in ihre Ämter, um seiner Firma zu Weltgeltung zu verhelfen. Dasslers Unternehmen, die Marketingagentur ISL, zahlte über 100 Millionen Euro Schmiergeld an Sportfunktionäre.

Im IOC wurde Bach vom langjährigen Präsidenten Juan-Antonio Samaranch gefördert. Ein Anhänger des spanischen Faschistenführers Franco. Unter ihm schreitet die Kommerzialisierung der Olympischen Spiele voran. Exemplarisch dafür steht die Abschaffung des Amateurparagrafen in den 80er-Jahren. Auch Bach setzt sich schon früh dafür ein. Die Zulassung von Profisportlern ist für viele der Sündenfall schlechthin. Doch das IOC profitiert dadurch und macht finanziell große Sprünge. Bach steigt im IOC weiter auf. Sein Netzwerk trägt ihn bis ganz nach oben.

"The 9th president of the International Olympic Comité is ... Thomas Bach!"

2013 Buenos Aires. Thomas Bach wird IOC-Präsident. Im Hintergrund arbeiten einflussreiche Strippenzieher. Auch der russische Präsident Wladimir Putin. Nach Bachs Wahl ist Putin einer der ersten Gratulanten.

IOC-Präsident Thomas Bach und Russlands Präsident Wladimir Putin in Sotschi 2014. (dpa/picture alliance/Vladimir Astapkovich)IOC-Präsident Thomas Bach und Russlands Präsident Wladimir Putin in Sotschi 2014. (dpa/picture alliance/Vladimir Astapkovich)

In Zeiten harscher Kritik in demokratischen Ländern am organisierten Sport ist Russland ein regelmäßiger Ausrichter von großen Sportereignissen, wie zum Beispiel der Olympischen Winterspiele in Sotschi, Weltmeisterschaften in der Leichtathletik oder im Schwimmen. Dazu Hans Wilhelm Gäb:

Sicher ist nach all den Erfahrungen, die man im Sport hat und auch generell im internationalen Geschäft, das kann die Politik einschließen, dass man den Top-Job nicht erreicht ohne starke Verbündete. Die starken Verbündeten waren in dem Fall Stimmen aus dem arabischen Raum und Stimmen aus dem russischen Raum, nebst russischer Einflusssphäre. Das ist ja erkennbar gewesen. Und hier ging es nun darum, Russland bloßzustellen aufgrund der erwiesenen Kriminalität oder Russland glimpflich davonkommen zu lassen. Und das zweite scheint mir hier der Fall zu sein. Und das tut man dann, wenn man seinen Verbündeten nicht enttäuschen darf."

Abhängigkeiten, Netzwerke. Die Welt des Sports wird in Hinterzimmern regiert. Werte oder Haltung, alles scheint wandelbar - austauschbar. Beobachten lässt sich das auch am Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann. Hörmann forderte noch bis vor kurzem drakonische Maßnahmen gegen den russischen Sport. Jetzt applaudiert er mit am lautesten für die Entscheidung des IOC, Russlands Athleten nicht komplett auszuschließen. Für den Ehrenvorsitzenden der Deutschen Sporthilfe, Hans-Wilhelm Gäb, sind solche Kehrtwenden unerklärlich.

"Ich denke, der Herr Hörmann ist ein gut wollender und gut williger und auch fähiger Mann. Aber umso enttäuschter sind viele Menschen, dass er in Kerndingen, wie hier im IOC-Fall, auf einen Kurs geht, der mit Sicherheit von seiner Basis nicht gedeckt wird und nicht unterstützt wird. Wenn ein DOSB-Präsident in einer so kritischen Phase gegen die Meinung seiner eigenen Athleten sich durchsetzt und so handelt, dann ist auch hier ein Glaubwürdigkeitsproblem gegeben."

Ein Glaubwürdigkeitsproblem hat der Spitzensport hierzulande seit längerem. Die Dopingskandale und entrückten Funktionäre kosteten Hörmanns DOSB schon den Rückhalt der Hamburger Bürger für eine Olympiabewerbung. Festgehalten wird an einer Neustrukturierung der Spitzensportförderung.

Zusammen mit dem für Sport zuständigen Bundesinnenministerium arbeitet man seit Monaten an einem neuen Förderkonzept für deutsche Athleten. Das Ziel: Mehr Medaillen, gefordert von Bundesinnenminister Thomas de Maizière persönlich.

"Das Bundesinnenministerium ist das Ministerium für Spitzensportförderung nicht für den Breitensport. Und dafür gibt es auch schon jetzt Vereinbarungen mit den Verbänden, es gibt Erfolgskriterien. Gleichwohl sehen wir, dass wir bei dem ungefähr gleichen Geldansatz oder sogar erhöhtem Geldansatz in der internationalen Spitze schlechter werden. Und deswegen haben wir gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund verabredet, dass wir eine Reform der Spitzensportförderung vornehmen. Wir wollen besser werden."

Ein Drittel mehr Medaillen als bei den Spielen in London 2012 sollen es in Zukunft sein. Das Plakettenzählen, es ist ein Lieblingssport von Funktionären und Sportpolitikern.

Hinter verschlossenen Türen, quasi als geheime Kommandosache, werkelt man derzeit an der Reform. Öffentlich äußert man sich nicht. Doch wie der Deutschlandfunk recherchierte und berichtete, steht die neue Fördersystematik schon. Eine Kommission soll anhand verschiedener Attribute ab sofort Sportverbände und einzelne Disziplingen bewerten. Zum Beispiel nach erreichten Finalplätzen und Medaillen, Leistungspotenzial, Nachwuchsförderung oder der Umsetzung der dualen Karriere. Das soll die Grundlage für die zukünftige Förderung sein.

Ein Berechnungsmodell teilt die Disziplinen in drei Cluster ein. Dem Exzellenzcluster werden Disziplinen mit Medaillenpotenzial zugeordnet. Sie sollen optimal gefördert werden, heißt, sie sollen die finanziellen Mittel erhalten, die sie benötigen. Disziplinen mit geringerer Wertung sollen in ein sogenanntes Potenzialcluster eingeteilt werden. Für sie wird es Abstriche geben. In die dritte Kategorie fallen Sportarten ohne Potenzial. Ihnen drohen deutliche Einschnitte bis hin zur finanziellen Trockenlegung. Das System ist also ausgelegt auf Goldmedaillen. In Deutschland sei das alles schon einmal dagewesen, verweist der Sportphilosoph Volker Schürmann auf historische Parallelen.

"Das ist das DDR-Modell. Das läuft darauf hinaus, dass das ein Rennen, ein Rattenrennen, ein Wettrennen wird, darüber, dass der Sport die Ehre der Nation repräsentiert und darstellt. Also wir fördern den Sport dann deshalb, damit wir in der Welt eben deutsche Sieger haben. Und nicht, weil es einen Wettbewerb gibt weltweit, der völkerverbindend und all das ist, sondern wir fördern den Sport mit dem erklärten Ziel und aus dem Prinzip heraus, dann – und nur dann, wenn es deutsche Medaillen gibt und damit es deutsche Medaillen gibt. Kann man sagen, ja, die DDR hatte wohl recht."

Sportarten könnten so ganz verschwinden. Streit im Deutschen Sport ist vorprogrammiert. Viele Verbände können ihre Zukunft nicht absehen. Es drohen harte Verteilungskämpfe. Über die Jahrzehnte habe die Olympische Idee des fairen Wettkampfs mit gleichen Mitteln gelitten, meint Sportphilosoph Schürmann. Es herrsche eine reine Erfolgsorientierung.

"Es ist einfach fatal. Wir können auch Theater irgendwie nicht deshalb fördern, damit da Millionen hinlaufen, sondern wir müssen Theater fördern, weil das in unserer Gesellschaft eine bestimmte Bewandtnis hat und das darf man nicht davon abhängig machen, ob das in 100 Prozent aller Veranstaltungen ausverkauft ist. Und deshalb darf man diese Sportförderung, die Spitzensportförderung, nicht davon abhängig machen, dass deutsche Medaillen entstehen. Wenn man das macht, dann muss man sich über Doping auch nicht wundern."

Doping, Leistung, Erfolg. Das System Spitzensport - es krankt von innen heraus. Durch die aufgedeckten Skandale und Volten in den Funktionärsetagen liegt es offener da denn je. Eine Last auch für die so gekonnt inszenierte Unbeschwertheit Olympischer Spiele. Doch die Fernsehbilder, die ab der Eröffnungsfeier wieder eine heile Welt suggerieren werden – sie werden von der Öffentlichkeit nun kritischer beäugt.

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