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StartseiteSport am Wochenende"Medaillen sind eine sehr stumpfe Vorgabe"08.04.2017

Spitzensportförderung"Medaillen sind eine sehr stumpfe Vorgabe"

Der Präsident des britischen Leichtathletik-Verbands, Ed Warner, kritisiert die Sportpolitik für ihren starken Fokus auf Medaillen. Warner sagte im Deutschlandfunk: "Man darf nicht nur auf die Medaillen gucken, sondern muss auch darauf achten, das Volk zu inspirieren, gesünder, fitter und sportbegeisterter zu sein."

Ed Warner im Gespräch mit Matthias Friebe

Die Britin Jessica Ennis-Hill, Olympiasiegerin im Siebenkampf bei den Sommerspielen in Rio 2016. (imago - Colorsport)
Die Britin Jessica Ennis-Hill, Olympiasiegerin im Siebenkampf bei den Sommerspielen in Rio 2016. (imago - Colorsport)
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Matthias Friebe: Warum glauben Sie, dass die Medaillenfixierung der falsche Weg ist?

Ed Warner: Wir haben dieses Förder-System seit 20 Jahren und es ist enorm erfolgreich. Das britische Team ist inzwischen Nummer zwei im olympischen Medaillenspiegel. Das Problem damit ist, dass es an der Leistungsgrenze zerstörerische Einflüsse haben kann auf viele der Sportarten, die Teil des Systems sind. Man muss, glaube ich, nicht nur darauf schauen, wie viele Medaillen man gewinnt, sondern auch wie, um sicher zu stellen, dass Athleten richtig behandelt werden. Und man muss darauf schauen, dass man auch für das Land in eine breite Palette an Sportarten investiert und nicht nur in wenige, die in der Lage sind, Medaillen zu gewinnen.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ende vergangenen Jahres kündigte UK Sport, unsere Agentur für die Sportförderung, ihre Pläne für Tokio 2020 an. Einigen Sportarten, die gefördert wurden, wurde mitgeteilt, dass sie nicht länger Geld erhalten. Zwei Beispiele dafür: Badminton, da hat das britische Team eine Medaille gewonnen in Rio. Oder bei den Paralympics Rollstuhl-Rugby. Großbritannien ist Europameister, war in Rio Fünfter, fast sogar im Spiel um Platz drei, wird jetzt aber nicht mehr gefördert. In beiden Fällen sagen viele: "Moment, viele spielen Badminton in Großbritannien. Wo ist die Inspiration für sie, wenn die Topsportler nicht mehr gefördert werden?"

Das gleiche gilt für Rollstuhlrugby, ein Sport, in dem schwer behinderte Menschen teilhaben können. Viele von ihnen haben Körperteile in Afghanistan oder im Irak verloren und sie sind so geboren oder bei Autounfällen verletzt worden. Diese Menschen haben nicht viele Sport-Möglichkeiten, aber hier ist eine, um sich hervorzutun und jetzt wird sie ihnen weggenommen. Die Balance ist verloren gegangen. Man darf nicht nur auf die Medaillen gucken, sondern muss auch darauf achten, das Volk zu inspirieren, gesünder, fitter und sportbegeisterter zu sein.

Friebe: Was denken Sie: Was sind die Gründe für UK Sport, die Förderung zu kürzen?

Warner: UK Sport hat nur eine begrenzte Menge Geld für jeden Vier-Jahres-Zyklus. Und dann wird entschieden, dass andere Sportarten eine größere Chance haben, eine Medaille zu gewinnen als Badminton oder Rollstuhl-Rugby. Das Problem ist, dass diese Sportarten jetzt schon viele Medaillen gewinnen. Jetzt geben sie also mehr Geld an die, weil sie denken, die können noch mehr Medaillen gewinnen, statt es breiter zu verteilen. Ich denke, eine Medaille im Schwimmen, Rudern oder Radfahren mehr zu gewinnen, ist nicht so viel wert wie in einem Sport die erste Medaille zu gewinnen.

Wenn Sie sich Olympia oder die Paralympics anschauen, dann gibt es eine breite Palette an Sportarten und man muss die Öffentlichkeit für sie begeistern, bis runter zu den aufkeimenden, neuen Sportarten. Also, wenn man in einer Sportart statt sechs bis sieben jetzt sieben bis acht Medaillen gewinnt, glaube ich nicht, dass die Menschen genauso daran interessiert sind, wie wenn im Badminton oder Rollstuhl-Rugby die erste Medaille gewonnen wird.

Ed Warner, Präsident des britischen Leichtathletikerbandes UK Athletics (British Athletics)Ed Warner, Präsident des britischen Leichtathletikerbandes (British Athletics)

Friebe: Aber UK Sport will ja auch kein Geld verschwenden…

Warner: Dort denkt man, man hat die Aufgabe von der Regierung, so viele Medaillen wie möglich zu gewinnen. Das ist für mich eine sehr stumpfe Vorgabe. Sie ist begrenzt und nicht wirklich intelligent oder elegant. Du brauchst Ziele, die dir mehr geben und du solltest Erfolg anders definieren, als nur Medaillen zu gewinnen. Es könnte zum Beispiel sein, dass man einen Sport dahin bringt, dass man sich zum ersten Mal für Olympia qualifizieren kann und bei den nächsten Spielen dann vielleicht das Viertelfinale erreicht und vielleicht danach um die Medaillen kämpfen kann. Aber man muss langfristig investieren. Ich gebe Ihnen noch ein Beispiel: Die britischen Basketball-Teams durften nur in London antreten, weil sie Gastgeber waren. Sie machten ihre Sache nicht wirklich brillant und bekamen keine Förderung. Aber Basketball ist ein unglaublich beliebter Sport, gerade in den Städten und für junge Menschen, die aus schwierigen Verhältnissen kommen. Ich finde, da müssen wir investieren.

Es gibt ihnen die Perspektive, da raus zu kommen. Da kann man britische Helden formen, auch wenn sie keine Medaillen gewinnen - einfach, weil sie bei Olympia dabei sind. Aber UK Sport denkt nur in Medaillen, weil die Regierung es ihnen aufgetragen hat. Ich rufe die Regierung dazu auf, die Scheuklappen abzunehmen und eine größere Vision von Sportförderung zu haben. Sie könnten andere Ergebnisse erzielen als nur im Medaillenspiegel.

Friebe: Bill Sweeney, der  Chef des Britischen Olympischen Komitees sagt: "Alles ist in Balance, das britische System ist das Beste der Welt."

Warner: Es ist vielleicht das Beste der Welt. Das heißt aber nicht, dass es perfekt ist. Ich glaube, Bill ist glücklich mit den Erfolgen im Medaillenspiegel. Wir Leichtathleten sind Teil davon und stolz. Aber ich glaube trotzdem, es kann besser laufen. Bill und ich sind uns nicht einig, ob man etwas verändern sollte, aber wir brauchen eine gesunde Diskussion.

Friebe: Lassen Sie mich es noch mal verstehen. Sie kritisieren das System nicht, weil Sie in der Leichtathletik zu wenige Medaillenkandidaten haben…

Warner: Nein, keineswegs. Wir haben unsere Ziele in London und Rio erreicht. Wir haben viele Talente hervorgebracht, aber ich möchte, dass sie langfristig richtig behandelt werden. Ich möchte, dass die Menschen die Erfolge in der Leichtathletik und den anderen olympischen und paralympischen Sportarten noch anders beurteilen als nur nach Medaillen. Es könnte die Entwicklung von jungen Talenten sein, die Art und Weise, wie Athleten mit der Öffentlichkeit umgehen. Ich glaube, es sind eine Menge Dinge, auf die wir schauen sollten. Aber wir sollten auch auf die Sportarten schauen, die nicht mehr gefördert werden.

Ich bin nicht stolz, als Leichtathletik-Chef zu sehen, wie den anderen Sportarten - unseren Brüdern und Schwestern - die Förderung entzogen wird. Wenn eine britische Mannschaft zu Olympia und den Paralympics fährt, möchte ich eine Mannschaft mit vielen Disziplinen, mit vielen Fähigkeiten, nicht nur Schwimmen, Leichtathletik und Radfahren. Es fühlt sich nicht gut an, dass es Sportarten gibt, die kaum öffentliche Unterstützung bekommen, wenn es daneben andere gibt, die viel bekommen. Es sollte eine gemeinsame Atmosphäre für eine Olympia- und Paralympics-Mannschaft geben, die wir entwickeln sollten. Es ist riskant, wenn man nachher in einem zu engstirnige System endet.

Friebe: In Deutschland gibt es eine lange und intensive Debatte über die Reform des Sportförder-Systems hier. Die Politik will auch eine Konzentration auf Medaillen, wie Sie es kennen. Man will 30 Prozent mehr Medaillen gewinnen. Was denken Sie darüber?

Warner: Ich denke, für Deutschland ist es machbar, ein Land eurer Größe, eures Reichtums, eurer Talente und eures Erbes. Wenn ich den Medaillenspiegel sehe, dann würde ich sagen, Ihr könnt Euch um 30 Prozent verbessern. Ich würde euch auch ermuntern, ambitioniert zu sein, weil Olympia und die Paralympics besser sind, wenn ambitionierte Nationen mit gut geförderten Athleten antreten. Aber ich will sagen, bevor ihr euch auf den Weg macht, macht euch die ganze Bandbreite der Wege bewusst, mit denen ihr Medaillen anstreben könnt und welche Maßstäbe ihr anlegt, um zu sehen, wie erfolgreich ihr seid. Wenn ihr lernt, eure Lehren aus den guten und schlechten Seiten des britischen Systems zu ziehen, bevor ihr diese Investition macht, dann wird es gesünder sein. Auf jeden Fall viel besser, als nur auf Medaillen zu zielen und in die gleichen Probleme zu rennen, in die Großbritannien zu rennen scheint. Ihr habt in Deutschland die Chance, von Beginn an die Dinge richtig zu machen. Ein starkes Deutschland ist gut für den Sport, aber macht es von Beginn an richtig. Das wäre mein Rat.

Friebe: Der deutsche Sportminister sagt aber: "Medaillen sind die harte Währung der Förderung".

Warner: Das klingt wie das, was wir in Großbritannien kennen. Alles, was ich dazu sagen will ist: Schau, wo wir jetzt stehen und schau, in welchen sehr ernsthaften Diskussionen wir jetzt sind mit vielen Bedenken über armseliges Verhalten in einigen großen Sportarten. Willst du das wirklich? Wenn du mehr Medaillen als harte Währung willst, dann solltest du vorbereitet sein und einige andere Maßstäbe haben. Wenn er das alles ignoriert, dann würde ich sagen: Sprich in zehn Jahren mit mir und ich zeige dir alle unbeabsichtigten Konsequenzen.

Friebe: Was sind dann die Lektionen? Die britische Mannschaft ist eine der besten der Welt?

Warner: Ja, das ist sie. Aber wir machen nicht alles perfekt. Wir sollten immer versuchen, besser zu werden. Darüber diskutieren wir hier. Wie können wir es besser machen? Dazu gehört nicht nur Medaillen zu gewinnen, sondern auch, wie du kämpfst, wie du dich vorbereitest. Gewinnst du Medaillen, nur um Medaillen zu gewinnen oder für etwas anderes? Es geht um das andere - die Bevölkerung zu inspirieren, gesünder, fitter und sportbegeisterter zu sein. Wenn du nur auf Medaillen schaust, dann wirst du einige Fehler machen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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