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StartseiteSport am Wochenende"Probleme des Landes zeigen sich im Fußball"03.03.2018

Sport und Politik in Italien"Probleme des Landes zeigen sich im Fußball"

Italien wählt ein neues Parlament und besonders im Süden wird ein starkes Ergebnis für die europaskeptische Fünf-Sterne-Bewegung erwartet. Dort vergleichen viele Menschen den Zustand ihres Landes mit dem der Fußball-Nationalmannschaft, die gerade die WM in Russland verpasst hat.

Von Kirstin Hausen

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Die Amateurkicker aus Neapels Stadtteil Scampia auf ihrem Fußballplatz inmitten einer Hochhaussiedlung (Deutschlandradio/ Kirstin Hausen)
Die Amateurkicker aus Neapels Stadtteil Scampia auf ihrem Fußballplatz inmitten einer Hochhaussiedlung (Deutschlandradio/ Kirstin Hausen)
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Der Lebensmittelladen der Familie Stompa in Neapel ist winzig und bis zur Decke vollgestopft. Kartons mit Keksen und Schokoriegeln stapeln sich auch auf dem schmalen Gehsteig vor der Tür. Der Verkauf spielt sich größtenteils auf der Straße ab. Carmine verkündet die Preise, gibt aus der Hosentasche das Restgeld heraus und vermeidet Quittungen aller Art.

"Die Politik sollte sich ein Beispiel an uns nehmen"

"Es gibt zu viele und zu hohe Steuern. Die Politiker haben uns ruiniert, für mich sind das alles Taugenichtse", sagt Carmine. Sie möchte die Regierungsmannschaft komplett austauschen. "In diesem kleinen Laden arbeiten acht bis neun Leute und zwar alles junge Leute. Die Politik sollte sich ein Beispiel an uns nehmen. Und auch die Fußballnationalmannschaft. Es gibt genug junge Talente. Dass sich Italien nicht qualifiziert hat, ist eine Tragödie für uns. Unsere Nationalmannschaft ist Emblem für das ganze Land. Wir haben so viele Probleme, in der Politik vor allem, das zeigt sich dann auch im Fußball."

Italiens Parteienlandschaft ist fragmentiert. Mehr als 20 Fraktionen sind derzeit im Parlament vertreten. Vor allem das linke Lager ist gespalten. Und wird dafür aller Voraussicht nach von den Wählern abgestraft. Einen Moment der Rache nennt Carmines Stammkunde Alfonso Mottolo den Wahltag. Denn der traditionelle Linkswähler ist tief enttäuscht von den internen Streitereien in "seiner" Mannschaft. Wer sich nicht einig sei über die Spielstrategie, könne nicht das Land regieren. Carmine nickt. "Wir müssen ganz von vorne anfangen. Das Team neu aufbauen, wenn wir bei der Metapher des Fußballs bleiben wollen."

Politik ist Thema beim Fußball

In der Pizzeria "Bella Italia" sitzen Gennaro Granato und sein Schwiegervater Salvatore. Die beiden engagieren sich für die Jugendmannschaft der Pfarrgemeinde Don Guanella an der Peripherie von Neapel. In einer Stunde ist Anpfiff, das Gespräch beim Essen dreht sich um Politik. Gennaro und Salvatore wählen die Fünf-Sterne-Bewegung. Auch wenn sie nicht mit allem einverstanden sind, was die einstige Protestbewegung rund um den Kabarettisten Beppe Grillo, politisch durchsetzen will. 

"Ihnen fehlt die Erfahrung in der Politik. Wenn sie an die Regierung gewählt werden, ist das so als würden wir morgen in der ersten oder zweiten Liga spielen. Da hätten wir auch ein paar Schwierigkeiten. Aber wenigstens haben die fünf Sterne keine vorbestraften Kandidaten, wie es sie in allen anderen Parteien gibt. Und das ist für uns sehr wichtig".

"Italien braucht eine Art Stromschlag"

Denn Neapel ist die Metropole des Südens. Und der Süden Italiens leidet stark unter der organisierten Kriminalität und unter korrupten Politikern. Deshalb hat die Fünf-Sterne-Bewegung hier gute Chancen. Ihre Sympathisanten sind heterogen, was Alter und Bildungsstand betrifft, aber einig in ihrem Wunsch nach einer neuen, sauberen Politikerklasse. Der Jurastudent und Mittelfeldspieler Giuseppe Gaudino sagt: "Italien braucht eine Art Stromschlag, Ich hoffe, dass in der neuen Regierung Vertreter der Fünf-Sterne-Bewegung sitzen werden, weil sie, und nur sie, für etwas Neues stehen. Wir brauchen eine Verjüngungskur in der Politik.

So wie auch im Fußball. Die Amateurkicker der Pfarrgemeinde Don Guanella müssen heute gewinnen, um nicht abzusteigen. Ihr Trainer hat vor dem Spiel den Teamgeist beschworen. Ohne den gewinne man nicht, das habe die Fußballnationalmannschaft gezeigt, meint er: "Es ist richtig, dass wir bei der WM in Russland nicht dabei sind. Es tut weh, aber es ist die Folge innerer Streitereien. Es ist das beste Beispiel dafür, was passiert, wenn man nicht zusammenhält, das sage ich unseren Spielern, die natürlich auch traurig sind."

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