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StartseiteSport am WochenendeDie Barbarei des Sports01.01.2014

Sportjahr 2014Die Barbarei des Sports

Der satirische Ausblick auf 2014

In den kommenden zwölf Monaten stehen mit den Olympischen Spielen in Sotschi und der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien, zwei höchst umstrittene sportliche Großereignisse an. Und auch darüber hinaus erwartet unser Autor in seinem satirischen Ausblick auf 2014 Korruption, Sinnleere und andere Blödheiten.

Von Jürgen Roth

Ein Porträt von Jürgen Roth. (picture-alliance/ dpa / Hermann Wöstmann)
Ein Porträt von Jürgen Roth. (picture-alliance/ dpa / Hermann Wöstmann)

"Unsere Hoffnung gründet sich auf das Sportpublikum“, schrieb Bertolt Brecht 1926. Knapp neunzig Jahre später hegen wir keine mehr. Das Gros des Sportpublikums, gründlich verblendet und vernagelt, goutiert "die unbändige Perpetuierung des Etablierten“, wie es in der Zeitschrift Der Tödliche Paß heißt, in kleinkindhafter Fixierung und mit ewig pubertärer Begeisterung. Daher ist es so schlüssig wie deprimierend, daß die Bild-Zeitung in der den Zeitgeist präzise zum Ausdruck bringenden Gossen- und Infantilensprache titelt: "So geil wird das Sportjahr 2014“. Und deshalb vermag es einen keineswegs zu verwundern, daß der seine Wirkung aufs törichte Massenpublikum stets mitbedenkende Hampelmann Jürgen Klopp gegenüber der Rheinischen Post erklärt, er werde 2014 grosso modo weitermachen wie bisher, und sagt: "Wir dürfen nicht vergessen, daß es unglaublich viele Menschen gibt, denen es sehr wichtig ist, was wir tun. Denen müssen wir etwas geben. Wir müssen zeigen: Wir geben nicht auf.“

Er wird nicht aufhören mit seinem würdelosen zirzensischen Gehabe, und Millionen von Schafen werden auch heuer wieder kaum etwas sehnlicher erwarten als den nächsten kalkulierten Kloppschen Klops und das darauffolgende Fan- und breimediale Gequatsche – oder halt, sofern sie intellektuell ein wenig besser gerüstet sind, auf die notorischen sprachlichen Blödheiten à la Béla Réthy lauern: "Toni Kroos als Hosentreter“ oder "Elfmetertor von Ribéry per Strafstoß“.

Tempora non mutantur. Anfang des Jahrtausends beklagte der fabelhafte US-amerikanische Journalist Hunter S. Thompson "die unglaubliche Dummheit von Sportjournalisten“, die permanent "ein Gefühl der Übelkeit“ auslöse. Diese berufsinhärente Vernarrtheit in Nullitäten und Nichtigkeiten reicht heute, feuilletonistisch aufgemaschelt, so weit, daß etwa ein Peter Unfried in der taz in Pep Guardiolas einzig dem Erfolg und dem Geld geschuldeten Treiben das höchst fortschrittliche Konzept "jener Veränderung“ erspäht, "die sich Politik oder Gesellschaft eben nicht zumuten möchten“. Fehlt nur noch, daß man Guardiola Mitte des Jahres, nach dem nächsten Triple des FC Bayern, zum mindestens nebenberuflichen spanischen Regierungspräsidenten ernennt.

Vielleicht werden im Sportjahr 2014 bei der Badminton-WM in Kopenhagen, bei der Judo-EM in Montpellier oder bei der Hockey-WM in Den Haag ein paar dezente Sportler auftreten, "trainierte Leute“, so Brecht, "mit feinstem Verantwortungsgefühl“. Doch in den Wettkämpfen der Leichtathleten, der Schwimmer, der Turner, der Gewichtheber? "Im Leben des Barbaren“, legte der amerikanische Soziologe Thorstein Veblen in der Theorie der feinen Leute dar, sind "Gewalttätigkeit“ und "Betrug“ bestimmend. Und er fuhr fort: "Im unterschiedlichen Grade sind diese beiden Ausdrucksformen im modernen Krieg, in den Finanzberufen und im Sport vorhanden.“ Wenn kicker-Chefredakteur Rainer Holzschuh mit Blick auf das Fußballjahr 2014 notiert: "Daß dieser Sport mit seinen vielfältigen gesellschaftspolitischen Werten ein anerkanntes Kulturgut darstellt, ist längst international sanktioniert“ – dann wissen wir einmal mehr, in welcher kulturlosen, in welcher barbarischen Welt wir leben.

Wie groß der Schweizer "Schatz des Uli Hoeneß“ (stern) tatsächlich war oder ist, welches Fassungsvermögen mithin der Hals des Bayern-Präsidenten hat, und ob der Hobbyfinanzartist entgegen der üblichen justitiellen Praxis der Schonung der Reichen eine Strafe erhält, die dem Gedanken des Rechts nicht hohnspricht, das erfahren wir eventuell im März. Im Sommer gewärtigen wir bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien, schenken wir Hintergrundberichten aus der FAZ und der Süddeutschen Zeitung Glauben, "daß die Party drum herum häßlich werden könnte“. "Bis zu 200.000 Menschen landesweit werden Experten zufolge sportbedingt aus ihren Lebensverhältnissen gerissen, umgesiedelt oder enteignet“, ist in der Süddeutschen zu lesen. Bereits während des Confed-Cups im vergangenen Jahr waren Millionen Menschen in dreihundertfünfzig Städten des Landes auf die Straßen gegangen. Statt in die Sozial- und Bildungssysteme zu investieren, stopft sich nämlich eine Riesenclique aus Politikern, Bürokraten, Unternehmern und FIFA-Funktionären in bekannter Manier die ausgebeulten Taschen voll. "Die weitgehend aus Steuergeldern finanzierte WM soll nach jüngsten Zahlen fast zehn Milliarden Euro kosten“, erläutert die Le Monde diplomatique, "fast viermal soviel wie die letzte WM 2010 in Südafrika. Mit den fünfhundert Millionen Euro, die allein das Stadion in Brasilia verschlang, hätten 150.000 Sozialwohnungen gebaut werden können, rechnet der Abgeordnete, FIFA-Kritiker und Ex-Fußballstar Romário vor.“

Die FIFA werde "als koloniale Besatzungsmacht empfunden“, schreibt die Süddeutsche Zeitung, und der in Rio de Janeiro lebende Städtebauprofessor Christopher Gaffney prophezeit: "Es wird zumindest vierundsechzig Protestaktionen geben, eine bei jedem WM-Spiel“ – und jede begleitet von Polizeieinheiten, die mit modernster Kriegstechnologie ausgerüstet sind. Wie lautet das Motto auf der brasilianischen Flagge? "Ordem e progresso“. Ordnung und Fortschritt.

Das neugebaute Stadion in Manaus könnte dem Vorschlag eines Richters zufolge nach der WM als Gefängnis dienen, weil, ist der FAZ zu entnehmen: "In mindestens fünf Stadien wird nach dem Ende der WM bei Fußballspielen gähnende Leere herrschen, denn in den betreffenden Städten gibt es nicht einmal einen Erstligaverein.“

"Manchmal ist weniger Demokratie bei der Planung einer WM besser“, ließ FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke fallen. Das gilt genauso für Olympische Winterspiele. In Sotschi werden nach zwei kreuzelenden Wochen voller Ski- und Rodelsportelei, nach, so die taz, dem "teuersten Wintersportspektakel aller Zeiten“, eine versaute und vernichtete Natur, schikanierte, ihrer Lebensgrundlage beraubte Einwohner und die Erinnerung an kriminell gedemütigte Arbeiter zurückbleiben – zuzüglich der Sportanlagen, die fortan still vor sich hin gammeln.

"Wie es scheint“, schaut die taz voraus, "bleiben die Olympischen Spiele auch im russischen Sotschi nur ein Türöffner für Absatzmärkte.“ Der Sportphilosoph Gunter Gebauer merkte auf WDR 5 bündig an: "Es geht einfach darum, noch mehr Geld zu verdienen.“ Und zu diesem Behufe sind wir ja alle auf der Welt.

Oder wollen wir im Sportjahr 2014 lieber zurückschauen? Und sechzig Jahre "Wunder von Bern“ feiern? Die mythische Überhöhung eines profanen Sportereignisses weitertreiben? All den romantizistischen und männerbündlerischen Legendenunfug vom "Geist von Spiez“ bis zur Zweitgründung der Bundesrepublik, der erst in den neunziger Jahren seine Strahlkraft entfaltete, fortspinnen?

Oder pflichten wir einem der ernstzunehmenden Sportjournalisten hierzulande bei, dem taz-Redakteur Andreas Rüttenauer? Der hofft: "Vielleicht wird in demokratischen Gesellschaften bald gar nicht mehr mit der FIFA verhandelt. […] Die internationale Narrenfreiheit der Großkapitalisten von FIFA und IOC scheint jedenfalls endlich bald vorbeizusein.“

Wir für unseren Teil hoffen jetzt einfach mal schnörkellos mit.

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