Sport am Wochenende / Archiv /

 

Sportlermord im Auftrag der Stasi?

Der Todesfall des Ex-DDR-Fußballers Eigendorf steht vor der Wiederaufnahme

Von Thomas Purschke

Tausende Säcke voller Stasi-Aktenschnipsel harren ihrer Rekonstruktion.
Tausende Säcke voller Stasi-Aktenschnipsel harren ihrer Rekonstruktion. (Bundesbildstelle Bonn)

1983 starb DDR-Fußballprofi Lutz Eigendorf bei einem Autounfall. Vier Jahre zuvor hatte er sich nach einem Gastspiel des Stasi-Klubs Dynamo Berlin in den Westen abgesetzt. War es ein Mord im Auftrag der Stasi? Die Aussage eines IM erhärtet den Verdacht.

Die spektakuläre Aussage des einstigen Stasi-Spitzels Karl-Heinz Felgner vergangene Woche vor dem Düsseldorfer Landgericht sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Er habe, sagte er, vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR einen Mordauftrag für den 1979 geflüchteten Fußballer Lutz Eigendorf erhalten. Der mehrfach vorbestrafte, inzwischen 65-jährige Felgner, wurde jetzt wegen schweren Raubes zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Felgner, ein ehemaliger DDR-Meister im Box-Federgewicht, hatte in dem Verfahren ausführliche Angaben zu seinem Lebenslauf gemacht und dabei überraschenderweise auch von dem konkreten Mordauftrag für Eigendorf gesprochen. Er habe diesen vom MfS der DDR erhalten und auch angenommen, um mit seiner Lebensgefährtin aus der DDR ausreisen zu können. Ausgeführt habe er den Mordauftrag, wie er behauptet, jedoch nicht.

Der Leiter der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen in Berlin, Hubertus Knabe, forderte daraufhin umgehend die Wiederaufnahme der Ermittlungen zum Todesfall Eigendorf. Zudem bat Knabe die Staatsanwaltschaft Berlin auch um die Prüfung einer möglichen Exhumierung von Eigendorfs Leichnam. Nach dem Mauerfall waren in Stasi-Unterlagen Hinweise für eine mögliche Vergiftung Eigendorfs aufgetaucht. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Berlin, Martin Steltner, sagte dem Deutschlandfunk, man werde mögliche neue Ansätze und eine Wiederaufnahme des Verfahrens sorgfältig prüfen, auch wenn nach jahrelangen Ermittlungen bisher bereits zweimal eine Einstellung erfolgt war. Mord verjährt nicht. Eine mögliche Exhumierung und nachfolgende toxikologische Untersuchungen könnten Umstände wie eine eventuelle Vergiftung aufklären helfen, erklärte Justizsprecher Steltner.

Auch der Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes, Hans-Georg Moldenhauer, begrüßt die Forderung nach neuen Ermittlungen. Der Fall habe gezeigt, dass Dinge in der DDR passiert seien, die man selbst nie für möglich gehalten habe. Jedoch müsse genau geprüft werden, ob die Aussagen von Felgner vor Gericht als seriös zu betrachten seien, sagte Moldenhauer nach Angaben des Sportinformationsdienstes.

Hat die Stasi Eigendorf im Westen damals umgebracht, um andere potenzielle DDR-Flüchtlinge abzuschrecken? Zahlreiche nach dem Fall der Mauer in Stasi-Archiven aufgefundene Dokumente - bis hin zum möglichen Einsatz von Giften um den abtrünnigen Fußballer, der in der Bundesliga bei Kaiserslautern und Braunschweig spielte, zu liquidieren - sind nicht von der Hand zu weisen.
Der einstige Boxer Felgner hatte in der DDR über vier Jahre wegen verschiedener krimineller Delikte in Haft gesessen. Im September 1980 war der inoffizielle Stasi-Mitarbeiter mit Decknamen "Klaus Schlosser" von Ost- nach West-Berlin übergesiedelt. Felgner kannte Eigendorf persönlich seit vielen Jahren und schien deshalb für die Stasi die geeignete Kontaktperson zu sein, der schnell das Vertrauen von Eigendorf im Westen gewinnen könne, was auch so eintrat. Felgner war immer wieder zu Gast im Hause des "Republikflüchtlings" Eigendorf und lieferte der Stasi detaillierte Informationen über Lebensweise, Verbindungen, Besitzverhältnisse des sogenannten Sportverräters. Auffällig viele Treffen von Felgner mit seinen Stasi-Führungsoffizieren in den Wochen vor Eigendorfs Unfall sowie Geldzuweisungen von 2300 D-Mark sind aktenkundig.

Der DDR-Sportjournalist Klaus Thiemann, Deckname IM "Mathias" lieferte 1979 der Stasi übrigens als erster Informationen über den geflüchteten Eigendorf.

Der Braunschweiger Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Grasemann, der 1983 den Fall mitbearbeitete, sagte dem Deutschlandfunk, Felgner sei eine wichtige Schlüsselfigur, weil er jetzt erstmals ganz konkret von einem Mordauftrag gesprochen habe. Deswegen sollte man ihn unbedingt anhören, um zu erfahren, von wem genau er den Mordauftrag erhalten habe. 1983 waren die Braunschweiger Ermittler von einem Autounfall unter Alkoholeinwirkung von Eigendorf ausgegangen. Ein Blutalkoholwert von 2,2 Promille wurde damals bei ihm festgestellt. Mehrere Zeugen hatten allerdings damals ausgesagt, Eigendorf habe vor seiner tödlichen Autofahrt weitaus weniger getrunken.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Sport aktuell

Uniklinik FreiburgMachtwort aus dem Ministerium

Die Wissenschaftsministerin von Baden-Württemberg, Theresia Bauer (Bündnis 90/Die Grünen), spricht im Ausweich-Landtag von Baden-Württemberg in Stuttgart.

In den Streit um die Aufklärung der Dopingpraktiken an der Universität Freiburg hat sich jetzt noch einmal Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Bauer eingemischt. Sie fordert "gründliche Aufklärung".

Anti-DopingNachhilfestunde mit US-Chefermittler Tygart

Der Vorsitzende der US-amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA, Travis Tygart, vor Beginn einer Sitzung des Sportausschusses des Deutschen Bundestages in Berlin

Travis Tygart ist im Anti-Doping-Kampf eine Ikone, nicht erst seit er Ex-Radprofi Lance Armstrong zu Fall gebracht hat. Jetzt war der Chefermittler der US-amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA auf Stippvisite in Bonn, bei den deutschen Kollegen.

Uniklinik FreiburgEine Schlammschlacht sondergleichen

Ein Tropfen an der Nadel einer Spritze

Die Uniklinik Freiburg: sie stand im deutschen Spitzensport jahrzehntelang für Doping. Um die dunkle Vergangenheit hinter sich zu lassen, hat die Unileitung eine unabhängige Untersuchungskommission mit der Aufarbeitung beauftragt. Doch je beharrlicher die Aufklärer im Freiburger Doping-Sumpf wühlen, desto schneller möchte die Hochschulleitung offenbar, dass jetzt Schluss ist.